Homo erectus – ein sprechender Seefahrer

Der bis zu 1,80 Meter große Homo erectus, die fossil älteste und langlebigste Art der Gattung Homo, besaß ein Gehirnvolumen von durchschnittlich 1.000 Kubikzentimetern und unterscheidet sich darin deutlich von den als Vorfahren angenommenen Australopithecinen, deren 400 bis 550 Kubikzentimeter großes Gehirn mit dem des Gorillas übereinstimmt. Das Hirnfurchenmuster von Australopithecus sediba ähnelt dem des Menschen, weicht aber im Bereich des Stirnlappens und des Hinterhauptlappens ab. Menschen haben im unteren Stirnlappen einen Ramus anterior und Ramus ascendens, wo das Brocasche-Sprachzentrum platziert ist. Die Australopithecinen besitzen einen großaffentypischen Sulcus fronto-orbitalis im unteren Frontallappen. Diese Gehirnfurche fehlt bei Menschen. Die primäre visuelle Hirnrinde im Hinterhauptlappen des Menschen ist in Relation zur Größe des Gehirns kleiner als bei den Großaffen. Bei ihnen begrenzt der Sulcus lunatus („Affenspalte“) die primäre visuelle Hirnrinde. Die für sensorische und kognitive Funktionen zuständige Assoziationshirnrinde ist bei Menschen deutlich größer.
Die ältesten bekannten Fossilien von Homo erectus stammen nach etablierter Lehre aus Afrika und sind circa zwei Millionen Jahre alt. Von dort wanderten Gruppen nach Europa und Asien. Vor etwa 1,8 Millionen Jahren erreichte Erectus das jetzige Georgien und 200.000 Jahre danach die indonesischen Inseln Java und Bali, die mit dem asiatischen Festland verbunden waren. Auf 880.000 bis 800.000 Jahre datierte Steinwerkzeuge, die auf der weiter östlich gelegenen Insel Flores entdeckt wurden, und ähnliche Hinterlassenschaften auf den Inseln Celebes, Ceram und Timor lassen vermuten, dass Erectus von Bali aus die Wallace-Linie, einen Tiefseegraben, überquerte und zur 70 Kilometer entfernten Insel Lombok gelangte. Von dort besiedelte er die weiter östlich gelegenen Inseln. Dabei könnte er Bambusflöße wie die heutigen Bewohner der Region verwendet haben.
Die riskanten Erkundungsfahrten setzen Planung, technisches Know-how, nautisches Wissen und gruppeninterne Absprache voraus. Die anatomische Untersuchung der Spinalkanäle eines circa 1,6 Millionen Jahre alten Jugendlichen mit der Wirbelsäule des heutigen Menschen aus Nariokotome in Kenia und eines etwa 1,8 Millionen Jahre alten Juvenilen aus Dmanisi in Georgien legten das Vorhandensein einer Lautsprache nahe. Der Spinalkanal des Fossils aus Georgien ähnelt in den Höhen, der Größe und Form dem von Homo sapiens.
Die Fußanatomie von Homo erectus ist mit der des heutigen Menschen nahezu identisch. Die große Zehe liegt an, wodurch beim Gehen die Balance besser gehalten und beim Laufen der Körper leichter nach vorne geschoben wird. Erschütterungen beim Laufen werden durch das Fußgewölbe zwischen den Zehen und der Ferse abgefedert. Die Schulter und obere Extremität sind menschlich und treten fossil ohne Vorstufen auf. Ihre Entstehung kann nicht mit einem Verlassen von Bäumen erklärt werden. Die Proportionen der Arme und Beine von etwa 1,77 Millionen Jahre alten Fossilien aus Dmanisi haben auch rezente Menschen. Ein circa 1,2 Millionen Jahre altes Fossil eines weiblichen Individuums aus Gona in Äthiopien hat ein auffallend breites Becken. Eventuell könnte das Gehirn der Babys bei der Geburt weiter entwickelt gewesen sein als bei den heutigen, so dass Erectus-Säuglinge schon sitzen konnten.
Homo erectus bevorzugte offene Savannen und Graslandschaften. Er baute Hütten und nutzte kontrolliert das Feuer. Durch das Kochen von Speisen wurden die Verdauung erleichtert, Gifte zerstört, infektiöse Krankheitserreger abgetötet, das Nahrungsangebot vielseitiger und länger haltbar. Die Feuerstelle lag im Zentrum der Unterkunft. Für das Zubereiten der Speisen und Herstellen der Werkzeuge gab es eigene Wohnbereiche. In der circa 790.000 Jahre alten Ausgrabungsstätte bei Gesher Benot Ya’aqov in Israel wurden über 80.000 Werkzeuge gefunden, die je nach Material an anderer Stelle angefertigt und verwendet wurden.
In Bilzingsleben in Thüringen wurde die soziale Organisation einer auf 370.000 Jahre datierten Siedlung entdeckt. Hier wurde eventuell ein eigener Platz für kultische Handlungen eingerichtet. Diverse Funde demonstrieren die geschickte Bearbeitung von Hölzern, Knochen und Geweihen mit Steinwerkzeugen. Funde in Kokiselei in Kenia belegen, dass Homo erectus vor 1,76 Millionen Jahren Faustkeile durch Bearbeiten von Steinen herstellte. In China wurden in den unteren Schichten der Höhle von Zhoukoudian Fossilien von über 40 Individuen und eine Fülle von Werkzeugen entdeckt, die bei der Auswahl des Materials und in der Herstellungstechnik auf eine hoch entwickelte Steingerätekultur vor 780.000 bis 400.000 verweisen. Der Peking-Mensch, eventuell eine Unterart von Erectus, stellte Werkzeuge wie Ahlen, Haugeräte, Schaber, Spitzen und Sticheln her. Dabei verwendete er vorzugsweise Bergkristall, Feinsandstein, Feuerstein und Gangquarz.
Für die Unterkunft und Anfertigung der Kleidung nahm Homo erectus Tierhäute und Felle. Indiz für den Einsatz von Speeren bei der Großwildjagd ist ein rundes Loch im etwa 500.000 Jahre alten Schulterblatt eines Nashorns aus Boxgrove in England. Bei Clacton wurde 1911 vermutlich die Spitze einer vor circa 300.000 Jahren angefertigten Stoßlanze gefunden. Durch Bearbeiten vulkanischen Gesteins wurde eine kleine weibliche Figur angefertigt. Die ungefähr 800.000 bis 233.000 Jahre alte Skulptur aus Berekhat in Israel hat Einkerbungen um den Hals und entlang der Arme. In Bilzingsleben wurde ein kleiner Knochen eines Waldelefanten mit einem eingravierten Strichbündelfächer entdeckt. Die von Menschenhand angefertigte Gravur diente eventuell als Mondkalender.
Homo erectus war ein schneller Läufer mit langen Beinen und in Anbetracht seiner hoch mobilen Taille ein talentierter Werfer. Sein menschentypisches Schulterblatt mit seitwärts ausgerichteter Schulterblattpfanne und die menschenähnliche Form, Länge und Krümmung seines Schlüsselbeins passen zu einer Menschenart, welche die anatomische Voraussetzung zur Ausbreitung über weite Teile der Erde besaß. Dabei wurde genetisches Material auf andere Menschenarten übertragen. Vor circa 363.000 bis 283.000 Jahren zeugte er Kinder mit Denisovanern in Südostasien. Damals lebten einige Menschenlinien auf dem asiatischen Kontinent.
Aus China sind auf 900.000 bis 100.000 Jahre datierte Fossilien mit diversen Kombinationen bekannt. Dazu zählen zwei ungefähr 900.000 Jahre alte Schädel aus dem Kreis Yunxian in der Provinz Hubei, die je nach Merkmal Homo erectus oder überraschenderweise Homo sapiens zugeordnet werden können. Ein circa 260.000 bis 210.000 Jahre alter Schädel eines Jugendlichen aus dem Kreis Dali in der Provinz Shaanxi hat eine Merkmalskombination von Erectus, Heidelbergensis und Sapiens. Im Unterschied zu Homo heidelbergensis hat er etwa ein kürzeres Gesicht und ein niedrigeres Jochbein. Eine Erectus-Sapiens-Mischung findet sich auch bei einem etwa 100.000 Jahre alten Unterkiefer aus der Höhle Zhirendong in der Provinz Guangxi. Teilweise wirkt er modern, ist aber robuster und das Kinn ist schwächer ausgebildet als bei Sapiens. Manche Fachpersonen vermuten, die Ostasiaten könnten die Nachkommen von sich kreuzenden Menschen-Linien sein, deren vom Erectus abstammenden asiatischen Ahnen sich mit Gruppen fortgepflanzt haben, die aus Afrika und anderen Regionen hinzukamen.
Die etablierte Lehrmeinung, wonach die ältesten Vertreter der Gattung Mensch vor circa zwei Millionen Jahren in Afrika lebten und die Vorfahren des heutigen Menschen sich im östlichen oder südlichen Afrika vor 200.000 bis 150.000 Jahren entwickelt haben und von dort aus ab vor circa 130.000 bis 100.000 Jahren den Globus in verschiedenen Wellen besiedelten, wurde durch verschiedene Funde ernsthaft in Frage gestellt. Damit kollidiert auch, dass 96 bis zu 2,1 Millionen Jahre alte Steinwerkzeuge in Shangchen in der chinesischen Provinz Shaanxi entdeckt wurden. Aus Marokko ist ein über 300.000 Jahre alter und aus dem chinesischen Jinniushan ein ungefähr 200.000 Jahre alter Homo sapiens bekannt. Ein auf 194.000 bis 177.000 Jahre datierter Sapiens-Oberkieferknochen mit acht Zähnen lag in der Misliya-Höhle am Berg Carmel in Israel. 47 Zähne aus einer Höhle in Daoxian in der Provinz Hunan sehen wie heutige aus, sind aber 120.000 bis 80.000 Jahre alt.
Homo erectus ähnelte Homo sapiens in vielerlei Hinsicht. Ein heute geborener Erectus könnte sich vermutlich in die derzeitigen Kulturen integrieren. Im Erwachsenenalter könnte er Kinder mit dem modernen Menschen zeugen.
Es ist anzumerken, dass die vorgestellten Eigenschaften nicht immer eindeutig Homo erectus zugeordnet werden können. Ferner befand die kulturelle Entwicklung sich je nach Zeitpunkt auf einer anderen Stufe und zwischen den einzelnen Populationen bestanden Unterschiede.
Weshalb der geschickte Erectus ausstarb, ist erst ansatzweise bekannt. Eine exakte Erklärung wird noch gesucht. Hier ein vager Versuch: Die letzten Individuen lebten vermutlich auf Java. Im Flusstal Ngandong wurden fossile Relikte gefunden, deren Alter zunächst auf 546.000 bis 40.000 Jahre und in einer Studie von 2019 auf 117.000 bis 108.000 Jahre angegeben wurde. Dass Erectus nicht überlebt hat, könnte mit dem vor 130.000 Jahren einsetzenden Klimawandel zusammenhängen, bei dem die offenen Graslandlandschaften sich in tropische Regenwälder verwandelten. Es verlangte andere Verhaltensweisen und eine Umstellung bei der Ernährung. Eventuell konnte Erectus dies nicht zu bewältigen. Denn Menschen sind auf Grund der Körpergestalt und des aufrechten Ganges besser an offene Lebensräume angepasst.
Aus dem lückenhaften Fossilfundus resultiert eine behutsame Vorgehensweise bei Deutungsbemühungen. Die ausgestorbenen Menschenarten, ihre Aufenthalte, Erzeugnisse und Wanderungen sind in Bodenschichten nur defizitär überliefert. Bei den Menschen wird das gleiche Prinzip des Artenwandelns angetroffen wie bei den Darwinfinken und anderen Lebensformen: Neue Spezies entstehen durch Aufspaltung einer Ausgangsart und zwischenartliche Vermischung.

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