Homo erectus – ein sprechender Handwerker und Seefahrer

Der bis zu 1,80 Meter große Homo erectus ist die langlebigste und anatomisch variabelste Art des menschlichen Fossilfundus. Die bisher ältesten Fossilien aus Afrika sind zwei Millionen Jahre alt. Von dort wanderten Gruppen nach Europa und Asien. Vor zirka 1,8 Millionen Jahren erreichten sie Georgien und vor mehr als 1,5 Millionen Jahren die indonesischen Inseln Java und Bali, die damals mit dem asiatischen Festland verbunden waren. Auf 880.000 bis 800.000 Jahre datierte Steinwerkzeuge, die auf der weiter östlich gelegenen Insel Flores gefunden wurden, und ähnliche Funde auf den Inseln Celebes, Ceram und Timor signalisieren, dass Homo erectus die Wallace-Linie, einen Tiefseegraben, von Bali aus überquerte und zur 70 Kilometer entfernten Insel Lombok gelangte. Danach besiedelte er die weiter östlich gelegenen Inseln. Dabei könnte er Bambusflöße wie heutige Bewohner der Region verwendet haben.
Die riskanten Erkundungsfahrten setzen Planung, technisches Know-how, nautische Kenntnisse und sprachliche Verständigung voraus. Durch die anatomische Untersuchung der Spinalkanäle eines zirka 1,6 Millionen Jahre alten Jugendlichen mit moderner Wirbelsäule aus Nariokotome in Kenia und eines knapp 1,8 Millionen Jahre alten Juvenilen aus Dmanissi im Süden von Georgien wurde das Vorhandensein einer Lautsprache festgestellt. Der Spinalkanal des georgischen Fossils ähnelt in den Höhen, der Größe und Form dem des modernen Menschen. Zudem teilte die Pionier-Gruppe von Dmanissi die Speise mit einer alten Person, die in den letzten Lebensjahren nur noch einen Zahn besaß.
Die Fußanatomie von Homo erectus ist mit der von Homo sapiens nahezu identisch. Die große Zehe liegt an, so dass beim Gehen die Balance besser gehalten und beim Laufen der Körper leichter nach vorne geschoben wird. Erschütterungen beim Laufen werden durch das Fußgewölbe zwischen den Zehen und der Ferse abgefedert. Die Schulter und obere Extremität sind menschlich und treten ohne fossile Vorläufer auf. Die Proportionen der Arme und Beine von etwa 1,77 Millionen Jahre alten Fossilien aus Dmanissi haben auch heutige Menschen. Ein zirka 1,2 Millionen Jahre altes Fossil eines weiblichen Individuums aus Gona in Äthiopien hat ein auffallend breites Becken. Daher könnte das Gehirn der Babys bei der Geburt weiter entwickelt gewesen sein als bei heutigen. Eventuell konnten Erectus-Säuglinge schon sitzen.
Homo erectus bevorzugte offene Savannen und Graslandschaften. Er baute Hütten und nutzte kontrolliert das Feuer. Durch das Kochen von Speisen wurden die Verdauung erleichtert, Gifte zerstört, infektiöse Krankheitserreger abgetötet, das Nahrungsangebot vielseitiger und länger haltbar. Die Feuerstelle lag im Zentrum der Unterkunft. Für die Zubereitung der Speisen und Herstellung der Werkzeuge gab es eigene Wohnbereiche. In der zirka 790.000 Jahre alten Ausgrabungsstätte bei Gesher Benot Ya’aqov in Israel lagen mehr als 80.000 Werkzeugteile, die je nach Material an anderer Stelle angefertigt und verwendet wurden.
Aus Bilzingsleben in Thüringen ist die soziale Organisation einer Siedlung vor etwa 370.000 Jahren bekannt. Bei ihr könnte es einen eigenen Platz für kultische Handlungen gegeben haben. Diverse Funde belegen die geschickte Bearbeitung von Hölzern, Knochen und Geweihen mit Steinwerkzeugen. In Kokiselei in Kenia stellte Homo erectus vor 1,76 Millionen Jahren Faustkeile durch Bearbeiten von Steinen her. Je nach Erfordernis wurden steinerne Hackmesser oder Faustkeile mit beidseitig scharfen Kanten verwendet. Fossilien von über 40 Individuen und zahlreiche Werkzeuge in den unteren Schichten der Höhle von Zhoukoudian in China weisen bei der Auswahl des Materials und Herstellungstechnik auf eine fortschrittliche Steingerätekultur des Peking-Menschen vor etwa 780.000 bis 400.000 Jahren hin. Der als Erectus-Unterart ansehbare Mensch bevorzugte Bergkristall, Feinsandstein, Feuerstein und Gangquarz und fabrizierte Werkzeuge wie Ahlen, Haugeräte, Schaber, Spitzen und Sticheln.
Für die Unterkunft und Anfertigung der Kleidung nahm Homo erectus Tierhäute und Felle. Indiz für den Einsatz von Speeren bei der Großwildjagd ist ein rundes Loch im etwa 500.000 Jahre alten Schulterblatt eines Nashorns aus Boxgrove in England. Bei Clacton wurde 1911 vermutlich die Spitze einer vor zirka 300.000 Jahren angefertigten Stoßlanze entdeckt. Eine auf 800.000 bis 233.000 Jahre datierte Skulptur aus Berekhat in Israel besitzt Einkerbungen um den Hals und entlang der Arme. Die kleine weibliche Figur entstand durch Bearbeiten vulkanischen Gesteins. Im Siedlungsplatz Bilzingsleben wurde ein kleiner Waldelefantenknochen mit einem eingravierten Strichbündelfächer gefunden. Die von einer Menschenhand erzeugte Darstellung könnte ein Mondkalender gewesen sein. Es gelang, ein Naturphänomen auf beständiges Material zu übertragen.
Homo erectus war ein schneller Läufer mit langen Beinen und durch seine mobile Taille ein geschickter Werfer. Seine Schulter mit menschentypischem Schulterblatt mit seitwärts ausgerichteter Schulterblattpfanne und die menschenähnliche Form, Länge und Krümmung des Schlüsselbeins passen zu einer Menschenart mit der anatomischen Voraussetzung zur Erkundung der Erde. Dabei wurden Gene auf andere Arten wie Homo heidelbergensis und Denisovaner übertragen.
Das Gehirnvolumen mit durchschnittlich 650 bis 1.250 Kubikzentimetern nähert sich dem von Homo sapiens und weicht signifikant von dem der Habilis-Funde mit zirka 600 bis 700 Kubikzentimetern ab. Tendenziell nahm die Schädelgröße im Laufe der Zeit zu, wobei ältere Schädel teilweise größer waren und bisweilen verschiedene Gehirnvolumina in der gleichen Region zeitgleich auftraten.
Es ist hinzuzufügen, dass die Gehirngröße kein aussagekräftiges Merkmal ist, da beim heutigen Menschen schon weniger als 1.000 Kubikzentimeter festgestellt wurden. Die ausgestorbene kleinwüchsige Menschenart Homo floresiensis hatte sogar ein Gehirnvolumen von nur etwa 380 bis 426 Kubikzentimetern, was der Gehirngröße des Schimpansen entspricht. Erhellender sind Innenausgüsse des Schädels zum Rekonstruieren der Hirnfurchen. Dabei werden deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Lebensformen gefunden.

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