Warnschüsse von heute

Etwa 190 bisher nachgewiesene Einschlagkrater, ein über 50 Tonnen schwerer extraterrestrischer Brocken in Namibia, erdnahe Passagen von Asteroiden und Kometen und das unverhoffte Aufleuchten und Explodieren eindringender Geschosse aus dem All belegen ein Gefahrenpotenzial, dem die Erde seit ihrer Entstehung ausgesetzt ist. Im Zeitraum von 1989 bis 2018 wurden unter anderem die folgenden erdnahen Passagen von kosmischen Objekten von Fachpersonen und Hobbyastronomen registriert:
☼ Der Asteroid 4581 Asclepius mit einem mittleren Durchmesser von 300 Metern passierte die Erde am 22. März 1989 in einer Entfernung von 640.000 Kilometern, was der 1,7-fachen Distanz zwischen Erde und Mond entspricht. Mit 70.000 Stundenkilometern und einer zeitlichen Differenz von sechs Stunden kreuzte der Brocken die Erdbahn. Entdeckt wurde er erst neun Tage danach. Bei einem Einschlag wäre die Sprengkraft von 600 Megatonnen TNT freigesetzt worden. Zum Vergleich: Die Hiroshima-Atombombe erreichte die Sprengkraft von 13 Kilotonnen TNT. Bei der Explosion einer 10-Megatonnen-Atombombe würde ein Feuerball mit fünf Kilometer Durchmesser entstehen, der ein Gebiet im Umkreis von bis zu 17 Kilometern verwüstet. In antiken Mythen der Griechen und Römer wird Asclepius als der Gott der Heilkunst dargestellt. Zeus schleuderte ihn mit einem Blitz in die Unterwelt, da er Wunderheilungen an Toten versuchte. Der Streifschuss des gleichnamigen Asteroiden sollte ein Hinweis sein, die kosmische Bedrohung der Erde nicht länger ins kollektive Unterbewusstsein zu verdrängen. Der Astronom Clark Chapman vom Southwest Research Institute in Boulder äußerte nach dem Vorbeiflug: „Eines Tages wird uns einer dieser Brocken treffen.“
☼ Etwa alle vier Jahre nähert sich der nach einem gallischen Stammesgott benannte, circa 1,9 mal 2,4 mal 4,6 Kilometer große Asteroid 4179 Toutatis der Erde. Bei einem Einschlag würde er jegliche Zivilisation auslöschen, kommentierte die Nachrichtenagentur Interfax die Passage von 1996 unter Berufung auf den Astronomen Viktor Sokolow von der Russischen Akademie der Wissenschaften. 2004 raste Toutatis mit etwa 4-fachem Mondabstand vorbei. 2008 erinnerte der Berliner Astrophysiker Gerhard Neukum daran, dass Toutatis das Potential zum Einschlag besitzt, auch wenn das Eintreffen des Ereignisses noch Jahrmillionen dauert.
☼ Am 19. Mai 1996 schrammte der etwa 200 Meter große Felsbrocken 1996 JA1 mit einem Abstand von 450.000 Kilometern an der Erde vorbei. Erstmals gesichtet wurde der mit 90.000 Stundenkilometern rasende Asteroid vier Tage zuvor. Hätte er sich um wenige Stunden verspätet, wäre er auf der Erde eingeschlagen. Der amerikanische Astronom Eugene Shoemaker charakterisierte den Crash: „Das ist so, als ob Sie alle amerikanischen und russischen Atomraketen auf einen Haufen packen und zünden.“
☼ Im Mai 2001 passierte der maximal 1,5 Kilometer große Asteroid 1999 KW4 mit einem bis zu 658 Meter großen Mond die Erde in fünf Millionen Kilometer Entfernung. Für die Eigenrotation benötigt er etwa drei Stunden. Sollte die Geschwindigkeit durch die Erwärmung der Sonne im Laufe der Zeit geringfügig zunehmen, könnte der Gesteinsbrocken auseinander brechen und zur potentiellen Gefahr für die Erde werden, berichteten Forscher um Steven Ostro von der Nasa und Daniel Scheeres von der University of Michigan. Hermann Böhnhardt vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung bestätigte, dass bei einem Auseinanderbrechen die Kollisionswahrscheinlichkeit steigen würde. In diesem Fall könnten Bruchstücke die Umlaufbahn verlassen. Der Doppel-Asteroid wird daher unter die Lupe genommen.
☼ Im Jahr 2002 kam es zu vier bemerkenswerten Annäherungen. Am 7. Januar verfehlte der 300 Meter große Steinasteroid 2001 YB5 die Erde mit knapp dem doppelten Mondabstand. Entdeckt wurde der die Erdbahn kreuzende Brocken wenige Tage vorher. Bei einem Impakt auf dem Festland entstünden schwere Schäden im Umfeld von bis zu 800 Kilometern. Die freigesetzte Energie entspräche mehreren hundert Atombomben. Würde ein Kernkraftwerk oder eine große Chemieanlage getroffen, wäre die Gefahr für die Zivilisation immens größer. Bei einem Impakt im Meer entstünden verheerende Flutwellen, bemerkte Christian Gritzner von der Technischen Universität Dresden. Der Asteroid 2002 EM7 raste am 8. März mit dem Abstand von etwa 460.000 Kilometern an der Erde vorbei. Das 50 bis 100 Meter große Objekt kam aus Richtung Sonne und wurde erst nach dem Vorbeiflug bemerkt. Bis auf 120.000 Kilometer – der Mond ist dreimal weiter entfernt – näherte sich am 14. Juni der 50 bis 120 Meter große Asteroid 2002 MN der Erde. Wäre er sieben Stunden zuvor eingetroffen, hätte er die Erde getroffen. Erstmals gesichtet wurde er nach dem Vorbeiflug. Der 400 bis 800 Meter große Asteroid 2002 NY40 passierte am 18. August die Erde in etwa 1,3-facher Mondentfernung. Er wird sich der Erde auch zukünftig aus verschiedenen Richtungen nähern.
☼ Wie bei einem „Katz-und-Maus-Spiel“ flog im Januar 2003 der circa 60 Meter große Felsbrocken 2002 AA29 bis zu sechs Millionen Kilometer entfernt an der Erde vorbei. Mit einer Periode von 95 Jahren bewegt er sich fast auf der gleichen Bahn wie die Erde um die Sonne, mal davor, mal dahinter. Dies werde sich wohl noch Jahrhunderte wiederholen, bemerkte sein Entdecker Paul Chodas von der Nasa.
☼ Am 18. März 2004 passierte das Objekt 2004 FH mit 43.000 Kilometer Abstand über dem südlichen Atlantik die Erde. Demnach befand es sich etwa 7.000 Kilometer oberhalb der Umlaufbahn geostationärer Satelliten. Ein Einschlag hätte bei einer Geschwindigkeit von 28.000 Stundenkilometern beträchtliche Schäden angerichtet. Walter Flury vom Esa-Kontrollzentrum Esoc wies darauf hin, dass der 30 Meter große Gesteinsbrocken bei einem Impakt die Sprengkraft mehrerer Hiroshima-Atombomben entfalten würde. Laut dem Münsteraner Planetologen Addi Bischoff wäre ein etwa 300 Meter großer Krater entstanden. Entdeckt wurde der Eindringling nach dem Vorbeiflug.
☼ Mit 1,1-fachem Mondabstand raste am 3. Juli 2006 der Asteroid 2004 XP14 über der amerikanischen Westküste an der Erde vorbei. Das maximal 800 Meter große Objekt zählt zu den vom Minor Planet Center aufgelisteten potenziell gefährlichen Objekten.
☼ In 537.500 Kilometer Entfernung flog der 250 Meter durchmessende Asteroid 2007 TU24 am 29. Januar 2008 an der Erde vorbei. Angesichts experimenteller Daten bei Crashtests am Ernst-Mach-Institut in Freiburg könnte der Brocken bei einem Einschlag einen zwölf Kilometer durchmessenden und vier Kilometer tiefen Krater erzeugen.
☼ Der Doppel-Asteroid 2008 BT18 näherte sich am 14. Juli 2008 mit 45.000 Stundenkilometern und knapp 6-facher Monddistanz der Erde. Der größere Brocken könnte 600 Meter, der kleinere circa 200 Meter groß sein. Die Nasa schätzt, dass jeder sechste der Erde sich nähernde Asteroid ein Doppel-Asteroid ist. Vor etwa 458 Millionen Jahren könnte ein solcher Doppel-Asteroid den 7,5 Kilometer großen Lockne-Krater und den 16 Kilometer entfernten Malingen-Krater mit 700 Meter Durchmesser bei der schwedischen Stadt Östersund gebildet haben. Ein Doppelkrater sind auch die 290 Millionen Jahre alten Clearwater Lakes in Kanada.
☼ Mit 70.000 Kilometer Distanz raste der 21 mal 47 Meter große Brocken 2009 DD45 am 2. März 2009 an der Erde vorbei. Drei Tage vorher wurde er entdeckt. Das Objekt könnte bei einer Kollision im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter entstanden sein. Bestünde es aus Metall, könnte es die Erdatmosphäre durchdringen und einschlagen. Falls es aus Gestein zusammengesetzt ist, würde es vermutlich explodieren und die Sprengkraft einer Atombombe freisetzen. Die Schockwellen könnten einen ähnlichen Schaden wie bei der Umweltkatastrophe am 30. Juni 1908 in Sibirien anrichten.
Damals erhellte frühmorgens ein greller Lichtblitz den Himmel über der Region des Flusses Steinige Tunguska. Eine starke Druckwelle knickte zwischen 60 und 80 Millionen Bäume der Taiga wie Streichhölzer um. Vermutlich durch die Explosion eines kosmischen Geschosses in der Atmosphäre wurde ein Gebiet mit knapp der Fläche des Saarlandes verwüstet. Bis in 60 Kilometer Entfernung zersprangen Fensterscheiben, fielen Teller zu Boden und wurden größere Tiere umgeworfen oder durch die Luft geschleudert. Ein Mann, der sich in circa 50 Kilometer Entfernung draußen aufhielt, flog etwa zehn Meter durch die Luft. Seine Kleidung brannte und sein Bewusstsein erlosch. In Sibirien fiel ein schwarzer Regen. In Teilen Asiens und Europas ging die Sonne tief rosa unter. Wäre der Impaktor fünf Stunden später eingetroffen, hätte er die Energie von 1000 Hiroshima-Atombomben oder die Wucht einer massiven Wasserstoffbombe über der damaligen Hauptstadt der Sowjetunion freigesetzt. Leningrad bzw. das heutige St. Petersburg hätte in Schutt und Asche gelegen. Offen ist noch, ob der kosmische Eindringling ein Komet mit hohem Eisanteil, ein in der Atmosphäre explodierter, etwa 30 bis 80 Meter großer Asteroid oder ein circa 200 Meter großer Eisenasteroid war, der durch die starke Kompression der Luft in über zehn Kilometer Höhe aus der Atmosphäre herausgeschleudert wurde und dann auf eine sonnennahe Umlaufbahn gelangte.
☼ Der 400 Meter große Steinasteroid 2005 YU55 schrammte mit 324.000 Kilometer Abstand am 8. November 2011 an der Erde vorbei. Beim Aufprall würde er die Sprengkraft Tausender Hiroshima-Atombomben freisetzen.
☼ 2013 wurden drei Vorbeiflüge medial beachtet. Bis auf 27.800 Kilometer näherte sich der 40 bis 50 Meter große Asteroid 2012 DA14 am 15. Februar der Erde. Der Mond hat die 14-fache Entfernung. Mit der 2,5-fachen Erde-Mond-Distanz passierte am 9. März der 100 Meter große Brocken 2013 ET. Der drei Kilometer durchmessende Asteroid 1998 QE2 sauste mit einem Mond am 31. Mai in 15-facher Mondentfernung an der Erde vorbei.
☼ Drei Annäherungen fanden auch 2014 statt. Am 18. Februar passierte der bis zu 270 Meter große Steinasteroid 2000 EM26 mit 44.300 Stundenkilometern die Erde. Nur zwei Tage danach näherte sich der 44 bis 98 Meter große Asteroid 2014 BR57 mit 4,4-facher Entfernung des Mondes. Am 9. Juni flog das etwa 370 Meter große Objekt 2014 HQ124 mit 3-fachem Mondabstand an der Erde vorbei.
☼ 2015 ereigneten sich vier Vorbeiflüge. „Der Einschlag eines solchen Asteroiden könnte ein Land wie Deutschland komplett zerstören“, kommentierte Alan Harris vom Institut für Planetenforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt die Annäherung des etwa 330 Meter großen Asteroiden 2004 BL86 am 26. Januar. Mit einem 70 Meter großen Mond kam er der Erde mit etwa 3-fachem Mondabstand nahe. Mit 8-facher Monddistanz passierte am 16. Juni der ein Kilometer große, seit 1949 bekannte Asteroid (1566) Icarus die Erde. Das Objekt 2015 TB145 mit bis zu 620 Meter Durchmesser raste am 31. Oktober mit 1,3-fachem Mondabstand an der Erde vorbei. Der an einen Totenschädel erinnernde „Halloween-Asteroid“ war einmal ein Komet. Bei den Sonnenumrundungen hat er sein Eis vermutlich komplett verloren. Entdeckt wurde er knapp zwei Wochen zuvor. Am 20. November kam der 200 bis 300 Meter große Asteroid 2005 UL5 der Erde mit 6-facher Monddistanz nahe. Auch zukünftig wird er die Umlaufbahn der Erde kreuzen.
☼ 2016 näherten sich zunächst zwei Kometen unmittelbar nacheinander der Erde. Am 21. März passierte der 230 Meter große Komet 252P/LINEAR mit 13,5-facher Monddistanz die Erde. Einen Tag später flog der ein Kilometer große Komet P/2016 BA14 in 9-facher Mondentfernung vorbei. In der Nacht zum 28. August rauschte der bis zu 55 Meter durchmessende Asteroid 2016 QA2 mit einem Abstand von 84.000 Kilometern an der Erde vorbei.
☼ Elf Tage nach der Entdeckung flog der 200 Meter große Asteroid 2017 BQ6 am 6. Februar 2017 mit 6,5-facher Monddistanz vorbei. Der 650-Meter-Asteroid 2014 JO25 passierte am 19. April 2017 mit 4,6-facher Mondentfernung die Erde. Am 1. September 2017 näherte sich der etwa 4,5 Kilometer große Asteroid (3122) Florence mit 18-fachem Erde-Mond-Abstand. Zwei je 100 bis 300 Meter große Monde begleiteten ihn. Nur 42.000 Kilometer betrug der Abstand des 15 bis 30 Meter großen Asteroiden 2012 TC4, der am 12. Oktober 2017 passierte. Bei einem Treffer wäre er vermutlich in der Atmosphäre explodiert. Bruchstücke hätten den Boden erreicht. Die Druckwelle hätte Scheiben zerstören und Menschen verletzen können.
☼ Der gleichgroße Asteroid 2018 CC näherte sich der Erde am 6. Februar 2018 mit halbem Erde-Mond-Abstand. Drei Tage danach flog der kurz zuvor entdeckte Brocken 2018 CB mit 64.000 Kilometer Entfernung vorbei, was dem Sechstel der Strecke zwischen Erde und Mond entspricht. Bei der Explosion über einer Großstadt hätte das vermutlich bis zu 40 Meter große Objekt Tausende Gebäude beschädigt und Hunderte Menschen verletzt. Einen Tag nach der Entdeckung flog der circa 48 bis 110 Meter große Asteroid 2018 GE3 mit 29,5 Kilometern pro Sekunde am 15. April 2018 an der Erde vorbei. Der Minimalabstand betrug 193.000 Kilometer. Bei einem Impakt wären regionale Schäden entstanden. Einen Monat später passierte der circa 50 bis 120 Meter große Asteroid 2010 WC9 in etwa 200.000 Kilometer Entfernung. In der Nacht zum 9. September 2018 näherte sich der schätzungsweise 31 bis 72 Meter große Asteroid 2018 RC bis auf etwa zwei Drittel der Erde-Mond-Distanz. Er wurde sechs Tage zuvor entdeckt, umrundet die Sonne oft innerhalb der Erdbahn und gehört zu den potenziell gefährlichen Objekten.
Bei den in drei Jahrzehnten stattgefundenen Vorbeiflügen handelt es sich aus astronomischer Sicht um Streifschüsse. Sie verweisen auf ein Faktum, das in Romanen wie Luzifers Hammer und Filmen wie Armageddon, Deep Impact und Meteor atemberaubend präsentiert wird, aber wissenschaftlich noch zu wenig erforscht ist und dessen Ausmaß unter den Experten kontrovers diskutiert wird. „Einige halten es schlicht für undenkbar, dass in absehbarer Zeit ein Planetoid oder Komet auf die Erde stürzen könnte. Andere wiederum halten das Risiko, durch den Einschlag eines solchen Himmelskörpers ums Leben zu kommen, für größer als das, mit einem Flugzeug abzustürzen“, charakterisierte Tom Gehrels von der Universität von Arizona in Tucson 1996 das Spektrum der Positionen. Am 30. November 1954 krachte ein Meteorit in Sylacauga in Alabama durch das Dach eines Hauses, prallte in einem Zimmer an einem Radio ab und verletzte eine auf dem Sofa liegende Frau an der Hüfte. Dokumente lokaler Behörden in alter osmanisch-türkischer Sprache berichten, dass am 22. August 1888 ein Meteorit im Ort Sulaymaniyah in der irakischen Region Kurdistan einen Mann tötete und einen zweiten lähmte. Enten auf der Wiese wurden von einer Art Feuerball-Schockwelle verletzt. Ein von Rauch begleitetes Licht näherte sich der Ortschaft. Etwa zehn Minuten regneten Meteoriten zu Boden. Einige wurden danach auf einem Hügel entdeckt. Die Schriftstücke befinden sich in der Generaldirektion der Staatsarchive der Präsidentschaft der Republik Türkei.
Aus statistischer Sicht trifft ein 20 Meter großer Brocken circa alle 50 bis 60 Jahre die Erde. Ein Team um Timothy Barrows von der University of Portsmouth schätzte 2019, dass seit der Entstehung des Wolfe-Creek-Kraters in Australien vor 120.000 Jahren mindestens etwa alle 180 Jahre ein ungefähr 30 Meter großer Meteorit auf der Erde einschlug. Mit dem Impakt eines 50 Meter großen Stein- oder Eisenasteroiden hat die Menschheit maximal alle 1.000 Jahre zu rechnen. Würde er eine Großstadt wie Berlin treffen, könnten bis zu einer Million Menschen durch die enorme Druckwelle und heftige Hitze sterben. Ein 60 Meter großer Impaktor schlägt einem Team um Clemens Rumpf von der Universität Southampton in Großbritannien zufolge im Schnitt etwa alle 1.500 Jahre auf der Erde ein. Laut Berechnung von Alan Harris zum Asteroidentag 2020 liegt die Wahrscheinlichkeit eines 100 Meter messenden Geschosses, das eine Großstadt oder Teile Deutschlands zerstören könnte, bei einem Prozent in 100 Jahren.
Ein Gebiet mit der Größe Dänemarks würde Henrik Stub zufolge ein 100 bis 200 Meter großes Geschoss ruinieren. Schlägt ein 200 Meter durchmessender Asteroid im Meer in Küstennähe ein, könnte er bis zu 200 Meter hohe Tsunamis erzeugen. Über die exakte Höhe wird unter Experten noch debattiert. Zusammen mit der heftigen Druckwelle und Hitze könnten sie eine Großstadt zerstören. Der Einschlag eines 300 Meter großen Impaktors findet David Morrison vom Ames Research Center zufolge etwa alle 20.000 bis 30.000 Jahre statt. Ein 400 Meter großer Asteroid schlägt laut Kalkulationen eines Teams um Clemens Rumpf durchschnittlich alle 100.000 Jahre auf der Erde ein. Besonders gefährlich bei Impaktoren ab dieser Größe sind die gewaltigen Tornados, die Gebäude zerstören und Menschen und Tiere durch die Luft schleudern. Ein 450 Meter großer, poröser Asteroid würde laut Earth Impact Effects Progam die Sprengkraft von 166.000 Hiroshima-Atombomben freisetzen. Bei doppelter Größe ist die Sprengkraft fast verzehnfacht. Der Impakt eines 500 Meter großen Asteroiden würde ein Gebiet von der Größe Europas größtenteils zerstören.
Mindestens ein Kilometer große Brocken verursachen globale Schäden, betonen Experten um den Planetologen Lance Benner vom Jet Propulsion Laboratory der Nasa und Forscher vom National Space Science Centre im englischen Leicester. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein solches Geschoss in den nächsten 100 Jahren die Erde trifft, schwankt laut Alan Harris zwischen 1:4000 und 1:8600. Asteroiden mit mehr als 1,5 Kilometer Durchmesser schlagen laut Stefan Deiters vom deutschsprachigen Online-Dienst für Astronomie, Astrophysik und Raumfahrt circa alle 100.000 bis 1.000.000 Jahre ein. Ein Zehn-Kilometer-Asteroid hat gemäß Joachim Schüring das Potenzial, die Lebenswelt zum größten Teil zu vernichten. Statistisch sei einmal in 500.000 bis zehn Millionen Jahren damit zu rechnen. Alternativ halten Clemens Rumpf und Alexander Stirn den Einschlag ungefähr alle 100 Millionen Jahre für möglich.
Auch kleine Geschosse mit weniger als 50 Meter Durchmesser bergen ein Gefahrenpotenzial. Beispiele sind der circa 30 Meter große Asteroid 2013 TX68 und der Brocken 2008 HJ mit 24 Meter Durchmesser. Er passierte 2008 mit 3-fachem Mondabstand. Bei einer Explosion über dem Boden hätte er die Energie von Millionen Tonnen TNT durch Druck- und Hitzewellen freigesetzt. Der Kernwaffen-Experte Mark Boslough von den Sandia National Laboratories in Albuquerque wies 2007 darauf hin: „In besiedeltem Gebiet kann das eine Million Menschen das Leben kosten.“
Ein nur zwei Meter großer Meteorit hinterließ am 15. September 2007 nahe der Ortschaft Carancas in Peru einen zwei Meter tiefen und circa 14 Meter breiten Krater. Völlig überraschend für Experten durchdrang er die Atmosphäre und verursachte gesundheitliche Beeinträchtigungen. Hunderte Personen hatten Atembeschwerden, Brechreiz, Schwindel und Kopfschmerzen. Ein Stier auf der Weide starb. Vermutlich entwichen Dämpfe mit Arsen und Schwefel dem moorigen Hochgebirgsboden. Ein Forscherteam aus Südamerika, Kanada, Frankreich und den USA gestand 2008, dadurch sei die gängige Meteoritenlehre relativiert worden: „Ganz anders als man eigentlich erwarten sollte, hat sich ein wenige Tonnen schwerer Steinmeteorit beim Durchgang durch die Atmosphäre nicht zerlegt, sondern hat stattdessen den Boden mit einer Geschwindigkeit erreicht, die hoch genug war, um einen Impaktkrater zu erzeugen.“
Am 15. Februar 2013 explodierte ein circa 19 Meter großer Meteorit in der Atmosphäre nahe der Stadt Tscheljabinsk im Ural. Abertausende sahen morgens einen grellen Blitz und hörten kurz danach einen lauten Donner. Bis in 200 Kilometer Entfernung konnte die fast halbminütige Rauchspur des flachwinkelig über den Himmel rasenden Eindringlings beobachtet werden. Glühende Bruchstücke fielen vom Himmel. Etwa 1.500 Personen wurden vor allem von Glassplittern zerplatzter Fensterscheiben verletzt. Bis zu 7.000 Gebäude in sechs Städten trugen Schäden durch die Druckwelle davon. Bei der durch Reibung und Kompression der Luft entstandenen Explosion wurde die Sprengkraft von 30 bis 40 Hiroshima-Atombomben freigesetzt. Bei einem 30 Meter großen Geschoss wie dem Asteroiden 2013 TX68 hätte die Zerstörungskraft bei einer Explosion in der Atmosphäre das doppelte Ausmaß gehabt.
Ein zehn Meter großer, 1.400 Tonnen schwerer Brocken explodierte am 18. Dezember 2018 kurz vor Mitternacht über der russischen Beringsee. Er näherte sich mit 32 Sekundenkilometern der Atmosphäre und setzte bei der Explosion in 25,6 Kilometer Höhe die Sprengkraft von circa zehn Hiroshima-Atombomben frei. Die genauere Untersuchung erfolgte erst einige Wochen danach.
Laut Esa demonstrieren solche Vorbeiflüge, wie eng es für Erdlinge und gefährlich für Satelliten werden kann. Das sechs Meter große Objekt 2004 FU162 streifte am 31. März 2004 mit einem Abstand von 6.500 Kilometern die Erde. 14.000 Kilometer näherte sich das sieben Meter große Geschoss 2009 VA am 6. November 2009 der Erde. In 38.000 Kilometer Höhe raste der zehn Meter große Asteroid 2016 RB1 am 7. September 2016 vorbei. Der knapp drei Meter große Brocken 2017 EA passierte am 2. März 2017 mit 14.500 Kilometer Abstand. Von 2000 bis 2014 hielt das globale Netz überwachender Atomtest-Sensoren der Stiftung B612 über zwei dutzend explodierende Meteoriten fest, die eine Sprengkraft von 1.000 bis 600.000 Tonnen TNT freisetzten. Nur in einem Fall wurde der Anflug vorher bemerkt.
Der 57 bis 130 Meter große Asteroid 2019 OK raste am 25. Juli 2019 mit einem Abstand von 71.806 Kilometer an der Erde vorbei, was etwa dem Fünftel der Monddistanz entspricht. Bei einem Einschlag auf dem Festland hätte der circa 88.200 Stundenkilometer schnelle Brocken die Energie von mindestens 30 Hiroshima-Atombomben freigesetzt und ein circa 80 Kilometer durchmessendes Gebiet durch die heftige Druckwelle verwüstet. Der Nasa gelang die Entdeckung 24 Stunden vor dem Vorbeiflug. Nach der Passage räumte ein Experte ein, dass das Objekt durch eine ganze Reihe der Nasa-Fangnetze gerutscht sei.
Die korrekte Vorhersage der hohen Wahrscheinlichkeit des zukünftigen Treffers gelang am 2. Juni 2018 zum zweiten Mal und des Eintritts eines Brockens in die Atmosphäre zum dritten Mal. Einige Stunden vor der Explosion über Botswana war der Kollisionskurs des zwei Meter großen Objektes 2018 LA bekannt, so dass die Annäherung der hellen Feuerkugel mit Hilfe der Sensoren zur Überwachung verbotener Kernwaffentests verfolgt werden konnte.
Niemand kennt die Asteroiden und Kometen, die zukünftig auf der Erde einschlagen werden. Am 27. Oktober 2016 teilte die Nasa mit, etwa 30 Near Earth Objects (NEOs) würden wöchentlich aufgespürt. Es sei in Relation zum August 2013 eine Zunahme von 50 Prozent. Bei NEOs handelt es sich um Brocken, die der Erde näher als der 1,3-fache Erdbahnradius kommen können. Zum Jahresbeginn 2017 waren der Nasa 874 NEOs mit mindestens einem Kilometer Durchmesser bekannt. Sie könnten 90 bis 95 Prozent der Brocken mit dieser Größe entsprechen. Von den mindestens 140 Meter großen NEOs waren maximal 30 Prozent, von den kleineren Erdbahnkreuzern etwa zehn Prozent entdeckt. Im März 2018 waren beim Center for Near Earth Object Studies der Nasa über 2.500 erdnahe Objekte registriert, deren Durchmesser mindestens 500 Meter beträgt. Drei Monate später waren von mehr als 18.200 NEOs aller Größen 8.174 mindestens 140 Meter große Exemplare bekannt. 893 Erdbahnkreuzer besaßen einen Durchmesser von mindestens einem Kilometer. Im Mai 2019 kannte die Nasa ungefähr 20.000 Asteroiden und über 100 Kometen mit zukünftigem Impaktpotenzial. Von den Asteroiden waren knapp 9.000 Objekte mindestens 140 Meter groß. Im September 2019 teilte die Esa mit, dass 878 Geschosse verschiedener Größe in den nächsten 100 Jahren die Erde treffen könnten. Je nach Einschlagstelle wäre das Ausmaß der Schäden verschieden.