Die geheimnisvolle Quelle des Lichts und des Lebens

Eine christliche Betrachtung zum Ursprung des Universums und der Lebewesen sowie zur Zukunft des Einzelnen und der Erde. Wer den Standpunkt vertritt, biblische Texte dürften vor dem Hintergrund naturwissenschaftlicher Erkenntnisse nicht interpretiert werden, möge die folgende Reflexion bitte nicht lesen.

INHALT

1. Einleitende Fragen
2. Schöpfungsmythen verschiedener Kulturen
3. Widersprüche und Unklarheiten bei der Bibellektüre
4. Wie Gott das Universum ins Dasein geruft haben könnte
5. Zwei eigenständige, sich nicht ergänzende Menschenbilder
6. Eine Rekonstruktion der Lebensgeschichte aus christlicher Sicht
7. Der christliche Glaube als persönliche Option mit Zukunftsperspektive
8. Die von Jesus prophezeiten Vorboten seiner Wiederkunft in der heutigen Zeit

1. Einleitende Fragen
Wie entstanden das Universum und die Lebewesen? Enthalten mythische Erzählungen dazu einen relevanten Wahrheitsgehalt? Wirkt ein möglicherweise existierender Gott? Wer sich für existentielle Fragen wie diese interessiert und nach Antworten sucht, findet eine Vielzahl verschiedener Vorschläge. Sie erstrecken sich auf Überlieferungen aus vorgeschichtlicher Zeit bis hin zu naturwissenschaftlichen Sachtexten von heute. Die nachfolgende Reflexion will etwas Licht in die komplexe Thematik auf der christlichen Betrachtungsebene bringen. Andere Positionen werden erwähnt, ihre Daseinsberechtigung aber nicht angetastet.

2. Schöpfungsmythen verschiedener Kulturen
Bildhafte Erzählungen zur Entstehung des Kosmos und des Menschen sind rund um den Globus verbreitet. Oft wird ein göttliches Handeln erwähnt, das die Naturprozesse in Gang setzte. Einer afrikanischen Überlieferung zufolge verdankt das Weltall sein Dasein dem Schöpfergott Amma. Zuvor hatte er den Plan in seinem Geist. Bei einem von Amma herbeigeführten Beben brach die „Schale des kosmischen Eis“ auf. Ordnung und Chaos traten als zwei gegensätzliche Gottheiten hervor. Das Motiv des „zerplatzten Welten-Eis“ findet sich bei diversen Kulturen. So sahen frühe Orphiker Griechenlands den die Erde mit Tau beschenkenden Himmel als Produkt der oberen Schale an.
In altindischen Mythen ersinnt Brahma meditierend den Kosmos und ruft kraft seiner Gedanken die materielle Welt ins Dasein. Auch in anderen asiatischen Mythen wird die Welt auf einen von Gott oder von Göttern ersonnenen Plan zurückgeführt. In der göttlichen Sphäre werden vollkommenes Wissen und kreatives Handeln angesiedelt.
ShangTi wurde vor etwa 4.200 Jahren in China als der oberste Herrscher verehrt. Der Kaiser pries ihn bei religiösen Festen als Schöpfer von Himmel und Erde. Zur Sommer- und Wintersonnenwende soll er laut einer Überlieferung das folgende Gebet ShangTi vorgetragen haben: „Ganz am Anfang war ein großes gestaltloses Chaos und es war dunkel. Die fünf Elemente (Planeten) hatten noch nicht begonnen sich zu drehen; und auch Sonne und Mond schienen noch nicht. Ganz in der Mitte davon gab es weder eine Form noch einen Laut. Du, oh göttlicher Herrscher, bist erschienen in deiner Hoheit und hast als erster die groben Teile von den reinen getrennt. Du machtest den Himmel, du machtest die Erde, du machtest den Menschen. Alle Dinge erhielten ihr Wesen und die Fähigkeit sich zu vermehren.“
Der Kaiser dankte ShangTi und verwies auf die Liebe und Güte von ihm, der den Menschen das Leben und Gelingen verleiht und wie ein guter Vater auf sie achtet: „Du warst willens, oh Ti, uns anzuhören, da du wie ein Vater auf uns acht hast. Ich, dein Kind, einfältig und ungelehrt, bin nicht fähig, meine Gefühle der Schuldigkeit auszudrücken.“ Und weiter: „Wie ein Töpfer hast du alle lebendigen Wesen gemacht. Deine erhabene Güte ist unbegrenzt. Groß und Klein findet Zuflucht (bei deiner Liebe).“
Manche Erzählungen präkolumbianischer Kulturen enthalten diverse Erdzeitalter. In Überlieferungen der Azteken und Quiché-Maya kommen vier vergangene Zeitalter vor, die jeweils durch Überflutung, Finsternis, Vulkanausbrüche und Wirbelstürme endeten. Ähnliches findet sich bei den Quechua in Peru sowie den nordamerikanischen Navaho und Pueblo-Indianern. Bisweilen wird einem zukünftigen fünften und letzten Erdzeitalter eine Steigerung mit außergewöhnlichem Wert zugesprochen.
In einem Mythos der Hopi verdanken die Menschen ihr Dasein der Spinnenfrau, einer Helferin des Schöpfers. Ein alter Hopi erzählte in einer TV-Dokumentation: „Zuerst gab es nur den Schöpfer. Er schuf den Himmel und fügte ihm den Wind hinzu. Dann gefiel es dem Unendlichen, das Endliche zu schaffen. Er erschuf sich dazu einen Helfer, die Spinnenfrau. Sie war eine Geistmutter und verfügte über große Kräfte. Aus ihrer Hand gingen der Mond und die Sonne hervor und alles Leben, auch die Hopi. Im ersten Frühlicht entstanden wir, ins Leben gerufen durch den Schöpfungsgesang von Großmutter Spinne. Unser Vater, der Schöpfer, lehrte uns, was wir zum Leben brauchten. Die Sonne wärmte uns und wir verbrachten unsere Tage in Harmonie mit allen Geschöpfen.
Aber wir wurden übermütig und taten schlechte Dinge. Da zerstörte er die erste Welt durch Eis. Nur die Unschuldigen überlebten. Er erschuf eine zweite Welt. Auch sie wurde zerstört in einer Wasserflut. Eine dritte Welt entstand und wurde vernichtet. Doch bevor sie im Feuer verging, rettete der Schöpfer die Guten. Er zeigte uns, wie wir in die vierte Welt gelangen könnten. Durch ein Loch kamen wir an die Oberfläche. Die Stelle gibt es noch, aber ich darf sie euch nicht zeigen. Wir nennen sie Sipápu. Bevor uns der Schöpfer entließ, hatte er uns eine Verheißung gegeben. Wir würden auf der Neuen Erde jemanden treffen, der uns beschützen und leiten werde. Wir wussten nicht, wer es war und hatten große Furcht, ihn zu verfehlen.“
Mythen der Ägypter, Griechen und Römer enthalten ebenfalls eine Abfolge von Zeitaltern. Es lebten die Menschen einerseits zunächst friedlich in ungetrübter Freude im Goldenen Zeitalter. Im Silbernen und Bronzenen Zeitalter nahm die Lebensqualität ab, da sie die Götter vernachlässigten und sich gegenseitig bekämpften. Es folgt bisweilen eine Zeit mit Helden und Halbgöttern. Im letzten Zeitalter verschlechtert die Situation sich durch harte Arbeit, Missgunst und vielerlei Gebrechen. Zukünftig könnten die Menschen sich selbst auslöschen und die Welt im Chaos enden. Danach könnte ein neuer Schöpfungszyklus beginnen.
Andererseits wird das Goldene Zeitalter in die Zukunft verlegt. So hofft der römische Dichter Vergil in einem Hirtengedicht auf eine neue Zeit, in der Frieden zwischen den Menschen und zwischen den Menschen und Tieren herrscht. Harte körperliche Drangsal beim Überleben gibt es nicht mehr, da die Erde die Früchte ohne menschliche Arbeit hervorbringt. Ein Knabe göttlicher Herkunft wird den Frieden und Wohlstand garantieren.

3. Widersprüche und Unklarheiten bei der Bibellektüre
Biblische Schriften basieren auf religiösen Überlieferungen verschiedenen Alters. Sie wurden von Schreibkundigen mit bestimmten Intensionen verfasst und stehen inhaltlich in Beziehung zu dem vorherrschenden Weltbild. Männer schrieben im gespürten Auftrag Gottes mit ihrer Ausdrucksweise. Die Texte sind keine direkten Niederschriften Gottes, sondern Unterweisungen von auserwählten Personen, woraus folgt, dass beim Verfassen auch Ungenauigkeiten einflossen und beim Deuten Fehler passieren können.
Die Bibel enthält keine historischen Protokolle und wissenschaftlichen Lehren. Zwischen den realen Geschehen und den inhaltlich entsprechenden Texten des Alten Testaments liegen oft mehrere hundert Jahre mündlicher Überlieferung. So lebte Daniel während des babylonischen Exils nach der Eroberung Jerusalems durch König Nebukadnezzar II. (605 bis 562 v. Chr.). Das nach ihm benannte Buch aus verschiedenen Teilen in Hebräisch, Aramäisch und Altgriechisch entstand hauptsächlich in der ersten Hälfte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts. Für etliche in der Bibel geschilderte Ereignisse fehlen noch die Belege. Die biblischen Texte enthalten falsche, in den Büchern voneinander abweichende, widersprüchliche, kaum und nicht verständliche Passagen. Beispiele zur Verdeutlichung:
Laut erstem Mythos der Genesis schuf Gott die grünen Landpflanzen und Früchte tragenden Bäume am dritten Tag und die für Tag und Nacht zuständigen „Lichter am Himmelsgewölbe“ und die Sterne am vierten Tag (vgl. Gen 1,11ff). Gemeint sind Sonne und Mond, deren Wörter der Text vermeidet, weil der hebräische Terminus auch „Sonnengott“ und „Mondgott“ bedeuten kann. Doch die Sterne sind älter als die Pflanzen. Bäume und andere Pflanzen benötigen die Energie des Sonnenlichts für die Fotosynthese zum Lebenserhalt. Zudem schuf Gott das Licht, das er Tag nannte, und die Finsternis, die er Nacht nannte, mit dem Morgen und Abend schon am ersten Tag (vgl. Gen 1,3-5), was ohne die Sonne nicht verständlich ist. Der auf der Erdumdrehung basierende „Aufgang“ und „Untergang“ der Sonne am Firmament war erst bei existierender Sonne am vierten Tag möglich.
Dann heißt es, die Samenpflanzen des Festlandes hätten vor den Bewohnern des Wassers gelebt und alle Arten großer Seetiere und gefiederter Vögel hätten die Erde vor den Reptilien bewohnt (vgl. Gen 1,20ff). Es entspricht nicht der fossilen Überlieferung. Zur Schlange sagt Gott, sie soll auf ihrem Bauch kriechen und alle Tage ihres Lebens Staub fressen. Schlangen ernähren sich aber nicht von Staub und einige wie die Grüne Boomslang und Schwarze Mamba klettern auf Bäume und bewegen sich dort fort.
Die Menschen, Tiere des Feldes und Vögel ernährten sich anfangs von Pflanzen und Früchten (vgl. Gen 1,29f). Erst nach der Sintflut gestattete Gott den Menschen den Verzehr tierischer Nahrung. Demnach war Abel, ein Sohn Evas, ein Hirt nur für das Fell der Schafe. Doch dem Herrn brachten er und Noach ein Brandopfer mit Tieren dar, bevor er ihnen den Konsum tierischer Nahrung erlaubte (vgl. Gen 4,2-4; 8,20).
Kaum nachvollziehbar sind drei Naturwunder beim Auszug der Israeliten aus Ägypten. Als sie das Schilfmeer erreichten, wird gesagt: „Mose streckte seine Hand über das Meer aus, und der Herr trieb die ganze Nacht das Meer durch einen starken Ostwind fort. Er ließ das Meer austrocknen, und das Wasser spaltete sich. Die Israeliten zogen auf trockenem Boden ins Meer hinein, während rechts und links von ihnen das Wasser wie eine Mauer stand“ (Ex 14,21f). Ähnliches geschah am Jordan bei Jericho. Sie durchschritten ihn auf trockenem Boden, da das Wasser wie einen Wall bildete, als die Priester mit der Bundeslade des Herrn der ganzen Erde das Wasser mit ihren Füßen berührten (vgl. Jos 3). Der Psalmist behauptet: „Das Meer sah es und floh, der Jordan wich zurück. Die Berge hüpften wie Widder, die Hügel wie junge Lämmer“ (Ps 114,3f). Die meisten Historiker bezweifeln den Aufenthalt und geordneten Auszug des hebräischen Volkes aus Ägypten.
Josua, der Nachfolger von Mose, sagt in Gegenwart der Israeliten bei der Preisgabe der Amoniter durch den Herrn: „Sonne, bleib stehen über Gibeon, und du, Mond, über dem Tal von Ajalon!“ Es geschieht: „Und die Sonne blieb stehen, und der Mond stand still, bis das Volk an seinen Feinden Rache genommen hatte.“ Es wird ergänzt: „Die Sonne blieb also mitten am Himmel stehen, und ihr Untergang verzögerte sich, ungefähr einen ganzen Tag lang“ (vgl. Jos 10,12-14).
Der Psalmist bittet Gott, in seiner Huld Gutes an Zion zu tun, die Mauern Jerusalems wieder aufzubauen. Er glaubt: „Dann hast du Freude an rechten Opfern, an Brandopfern und Ganzopfern, dann opfert man Stiere auf deinem Altar“ (Ps 51,21). Drei Verse vorher glaubt er hingegen: „Schlachtopfer willst du nicht, ich würde sie dir geben; an Brandopfern hast du kein Gefallen.“ Bei den als Tage heiliger Versammlung vom Herrn mitgeteilten Festzeiten soll Mose ausrufen, für den Herrn seien an den jeweiligen Tagen Feueropfer, Brandopfer, Speiseopfer, Schlachtopfer oder Trankopfer darzubringen (vgl. Lev 23,37). Durch Hosea lässt der Herr sagen: „Liebe will ich, nicht Schlachtopfer, Gotteserkenntnis statt Brandopfer“ (Hos 6,6).
Laut Psalm 19 hat Gott der tagsüber von einem Ende bis zum anderen Ende des Himmels laufenden Sonne an den Enden der Erde ein Zelt gebaut. In Psalm 104 verankert Gott die Balken seiner Wohnung im Wasser, bedient sich der Wolken als Wagen, fährt einher auf den Flügeln des Sturms, macht die Winde zu Boten und lodernde Feuer zu seinen Dienern. Die ewig nicht wankende Erde gründet er auf Pfeiler. Der Verfasser des Buches der Weisheit beschreibt seine pränatale Entwicklung: „Im Schoß der Mutter wurde ich zu Fleisch geformt, zu dem das Blut in zehn Monaten gerann durch den Samen des Mannes und die Lust, die im Beischlaf hinzukam“ (Weish 7,2).
Nur Jesus ist der Messias, dt. der Gesalbte, gr. Christos bzw. latinisiert Christus. Im Buch Jesaja ist es auch König Kyros von Persien: „So spricht der Herr zu Kyros, seinem Gesalbten, den er an der rechten Hand gefasst hat, um ihm die Völker zu unterwerfen, um die Könige zu entwaffnen, um ihm die Türen zu öffnen und kein Tor verschlossen zu halten“ (Jes 45,1). Der erstgeborene Sohn Gottes ist Jesus. In Psalm 89 ist es David. Jahwe sagt: „Einen Helden habe ich zum König gekrönt, einen jungen Mann aus dem Volk erhöht. Ich habe David, meinen Knecht, gefunden und ihn mit meinem heiligen Öl gesalbt.“ Und weiter: „Er wird zu mir rufen: Mein Vater bist du, mein Gott, der Fels meines Heiles. Ich mache ihn zum erstgeborenen Sohn, zum Höchsten unter den Herrschern der Erde“ (Verse 20f.27f).
Einerseits kommen Sterndeuter aus dem Osten nach Betlehem, um Jesus nach der Geburt mit Geschenken zu huldigen. Nach dem Weggang der Sterndeuter flieht die Familie auf Geheiß eines Engels im Traum noch in der Nacht mit dem Säugling nach Ägypten, da König Herodes nach dem Leben des Kindes trachten will. In Ägypten bleibt sie bis zum Tod von Herodes. Es entspricht etwa drei Jahren, wenn Jesus um 7 v. Chr. geboren wurde und Herodes ungefähr 4 v. Chr. starb, was heute angenommen wird. Danach lebt die Familie auf erneutes Geheiß eines Engels im Traum in Galiläa in der Stadt Nazaret (vgl. Mt 2,13f.19-23).
Andererseits wird der acht Tage alte männliche Säugling gemäß jüdischem Brauch beschnitten und erhält den bei der Verkündigung seiner Geburt genannten Namen Jesus. Seine Mutter bleibt zu Hause, weil Frauen laut Gesetz des Mose nach der Geburt eines Jungen 40 Tage und nach der Geburt eines Mädchens 80 Tage als unrein galten. Am 40. Tag nach der Geburt wird Jesus in Jerusalem im Tempel dem Herrn geweiht. Dabei bringt seine Mutter das verlangte Reinigungsopfer dar: ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben. Sodann begibt die Familie sich nach Nazaret in Galiläa, wo Jesus seine Kindheit verbringt (vgl. Lk 2,21-24.39f). Wie die beiden sehr unterschiedlichen Versionen in Einklang zu bringen sind, ist ungewiss.
Ein Engel erklärt der Mutter Jesu und ihrem Verlobten, Jesus sei vom Heiligen Geist. Sie verstehen aber nicht, dass der 12-jährige Junge beim Paschafest im Tempel in Jerusalem als dem „Haus seines Vaters“ zurückbleibt (vgl. Mt 1,20f; Lk 1,35; 2,49f). Im Johannesevangelium bezeugt der mit der Kraft und dem Geist Elijas öffentlich auftretende Täufer Johannes, Jesus sei der Sohn Gottes. Daraufhin folgen zwei Jünger des Johannes Jesus. Einer heißt Andreas. Er trifft seinen Bruder Simon und teilt ihm mit, den Messias gefunden zu haben. Andreas führt Simon zu Jesus, der ihn Kephas nennt, was im Deutschen Fels bzw. Petrus bedeutet (vgl. Joh 1,34ff). Im Lukasevangelium schickt Johannes zwei Jünger zu Jesus, um von ihm zu erfahren, ob er der sei, der kommen soll, oder ob sie auf einen anderen warten sollen. Zu dem Zeitpunkt hat Jesus schon Jünger, viele Kranke geheilt und den verstorbenen Sohn einer Witwe aus Naïn wieder mit Leben erfüllt (vgl. Lk 7,18ff). Laut Markusevangelium beruft Jesus die ersten Jünger beim Aufenthalt von Johannes im Gefängnis. Jesus bittet Andreas und Simon beim Fischfang, ihm als Menschenfischer zu folgen (vgl. Mk 1,14ff).
Das Zeugnis des Täufers Johannes über den vom Himmel gekommenen Jesus enthält den Widerspruch: „Doch niemand nimmt sein Zeugnis an. Wer sein Zeugnis annimmt, beglaubigt, dass Gott wahrhaftig ist“ (Joh 3,32). Im Johannesevangelium äußert Jesus beim Gespräch mit dem Pharisäer Nikodemus: „Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird“ (Joh 3,17). Einem geheilten linden teilt Jesus mit: „Um zu richten bin ich in diese Welt gekommen: damit die Blinden sehend und die Sehenden blind werden“ (Joh 9,39).
Jesus sagt von sich als der dem Himmel auf die Erde gekommene Verkünder des Wortes Gottes: „Was er gesehen und gehört hat, bezeugt er, doch niemand nimmt sein Zeugnis an.“ Doch dann: „Wer sein Zeugnis annimmt, beglaubigt, dass Gott wahrhaftig ist“ (Joh 3,32). An anderer Stelle wird berichtet, Jesus habe in Judäa getauft (Joh 3,22), dann: „Allerdings taufte Jesus nicht selbst, sondern seine Jünger“ (Joh 4,2). Jesus sendet die Apostel ohne Wanderstab (vgl. Mt 10,10) und bei Bedarf mit einem Wanderstab aus (vgl. Mk 6,8). Einerseits verbietet Jesus das Schwören: „Schwört überhaupt nicht, weder beim Himmel, denn er ist Gottes Thron, noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße.“ Und weiter: „Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen“ (Mt 5,34f.37) Andererseits sagt er: „Wer beim Himmel schwört, der schwört beim Thron Gottes und bei dem, der darauf sitzt“ (Mt 23,22).
Die Zuhörerinnen und Zuhörer seiner Worte belehrt Jesus, er sei das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen sei. Wer davon esse, werde ewig leben. Das Brot, das er geben werde, sei „sein Fleisch für das Leben der Welt“. Wer es nicht esse und „sein Blut“ nicht trinke, habe das Leben nicht in sich. Wer es esse und trinke, habe das ewige Leben und werde von ihm „am Jüngsten Tag auferweckt“ (vgl. Joh 6,51ff). Haben Personen, die keine konsekrierte Hostie empfingen und den konsekrierten Wein nicht tranken, kein ewiges Leben?
Im Matthäusevangelium findet sich die Aussage Jesu, die Apostel sollten sich vor dem fürchten, der „Seele und Leib ins Verderben der Hölle stürzen kann“ (vgl. Mt 10,28b). Der materielle Leib bleibt aber nach dem Sterben auf der Erde und zerfällt. Der materielle Leib bleibt aber nach dem Sterben auf der Erde und zerfällt. Einseits salbt Maria aus Betanien Jesus die Füße und trocknet sie mit ihrem Haar (vgl. Joh 12,3), andererseites gießt eine Frau in Betanien im Haus Simons des Aussätzigen kostbares Öl über sein Haar (vgl. Mt 26,6f; Mk 14,3), außerdem kam eine Sünderin im Haus eines Pharisäers mit wohlriechendem Öl, trat von hinten an Jesus heran, weinte, ließ die Tränen auf die Füße Jesu fallen, trocknete sie mit ihrem Haar, küsste sie und salbte sie mit dem Öl (vgl. Lk 7,36-38).
Der Schreiber des Johannesevangeliums erwähnt beim letzten gemeinsamen Mahl der Apostel mit Jesus nicht die Einsetzung der Eucharistie in Brot und Wein. Stattdessen berichtet nur er, Jesus habe den Jüngern die Füße gewaschen und mit seinem umgürteten Leinentuch abgetrocknet (vgl. Joh 13,1ff). Der Apostel Judas fragt einerseits Jesus, ob er der Verräter sei, worauf dieser antwortet: „Du sagst es“ (Mt 26,25). Andererseits weist Jesus auf den Verräter, indem er ihm einen Bissen Brot reicht (vgl. Joh 13,26). Trug Jesus selbst das Kreuz zur Hinrichtung (vgl. Joh 19,17) oder ein anderer Mann (vgl. Mt 27,32; Mk 15,21; Lk 23,26)?
Bei Matthäus reagiert Jesus auf die Bitte von ihn um ein Zeichen bittenden Schriftgelehrten und Pharisäern: „Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird auch der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Innern der Erde sein“ (Mt 12,40). Ähnlich äußert er sich gegenüber den Jüngern bei Markus: „Der Menschensohn wird in die Hände von Menschen ausgeliefert und sie werden ihn töten; doch drei Tage nach seinem Tod wird er auferstehen“ (Mk 9,31). Jesu Leichnam lag aber nur zwei Nächte im Grab.
Übrigens nennt Jesus sich hier und bei anderer Gelegenheit „Menschensohn“ unter Bezugnahme auf Vorgaben im Alten Bund. Bei der Berufung des Propheten Ezechiel verwendet der Herr die Bezeichnung „Menschensohn“ und gewährt ihm „etwa so wie die Herrlichkeit des Herrn“ aussehende Visionen (vgl. Ez 1-3). Daniel sieht in einer Vision jemanden, der „wie ein Menschensohn“ mit den Wolken des Himmels kommt. Ihm seien „Herrschaft, Würde und Königtum“ in Ewigkeit übertragen worden (vgl. Dan 7,13f).
Bei Lukas sagen die Apostel und in Jerusalem versammelte Jünger nach der Grablegung Jesu zu zwei von Emmaus zurückkehrenden Jüngern: „Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen“ (Lk 24,34). Bei Markus glauben sie den Beiden nicht, als sie berichten, Jesus sei ihnen unterwegs erschienen. Zudem glauben sie vorher die Aussage von Maria aus Magda nicht, sie habe Jesus gesehen. Daher erscheint Jesus den elf Aposteln später beim Essen und tadelt „ihren Unglauben und ihre Verstocktheit, weil sie denen nicht glaubten, die ihn nach seiner Auferstehung gesehen hatten“ (vgl. Mk 16,9ff).
Laut Matthäus lebte Jesus auf der Erde, um das Gesetz und die Propheten zu erfüllen. Jesus bemerkt dazu: „Amen, das sage ich euch. Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein“ (Mt 5,18f). Auch Lukas zufolge werden eher Himmel und Erde vergehen, als dass der kleinste Buchstabe im Gesetz wegfällt (vgl. Lk 16,17). Doch in Paulinischen Briefen heißt es, Jesus habe durch sein Sterben „das Gesetz mit seinen Geboten und Forderungen aufgehoben“, um die Beiden (Juden und Heiden) in seiner Person zu einem neuen Menschen zu machen. Jesus habe „die trennende Wand der Feindschaft“ entfernt, Frieden gestiftet und „die Beiden durch das Kreuz mit Gott in einem einzigen Leib“ versöhnt. Vor Jesu Sterben seien die Gläubigen „in Zucht“ gehalten worden. Nun seien sie nicht mehr „im Gefängnis des Gesetzes“ festgehalten. (vgl. Eph 2,14f ; Gal 3,23-25).
Jesus empfiehlt seinen Jüngern: „Macht euch Freunde mit Hilfe des ungerechten Mammons, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es (mit euch) zu Ende geht“ (Lk 16,9). Es klingt wie ein Appell, Reichtümer anzusammeln. Es passt aber nicht zur übrigen Lehre Jesu. Jesus könnte gemeint haben: Wer Nächstenliebe praktizieren will, soll den Überfluss, der zwischen Arm und Reich ungerecht verteilt ist, Hilfsbedürftigen zukommen lassen.
Im Johannesevangelium fragt Petrus den auferstandenen Jesus mit Blick auf den Apostel Johannes: „Herr, was wird denn mit ihm?“ Jesu Antwort: „Wenn ich will, dass er bis zu meinem Kommen bleibt, was geht das dich an? Du aber folge mir nach“ (Joh 21,21f). Die Aussage ist falsch, wenn sie bedeutet, Johannes sei nicht gestorben. Sie trifft zu, wenn Jesus Johannes später erschien und Petrus andeutete, er würde als sein Nachfolger wie er am Kreuz sterben.
Jesus weissagte, er werde „mit seinen Engeln in der Hoheit seines Vaters kommen und jedem Menschen vergelten, wie es seine Taten verdienen.“ Und weiter: „Amen, ich sage euch: Von denen, die hier stehen, werden einige den Tod nicht erleiden, bis sie den Menschensohn in seiner königlichen Macht kommen sehen“ (Mt 16,27f). Doch kein Zeitgenosse Jesu sah ihn mit königlicher Macht kommen. Alle starben, ohne es zu erleben. Wird die gesamte Verkündigung Jesu zu Grunde gelegt, bedeutet die Aussage: Einige Zuhörer/innen werden Jesus nach dem Sterben im Himmel mit seiner göttlichen Herrlichkeit sehen.
In der Nachfolge des Täufers Johannes rief Jesus zur Bekehrung auf. Als er in einem Boot sitzend die am Ufer des Sees Stehenden durch Gleichnisse belehrte und die Apostel ihn danach nach dem Sinn der Gleichnisse fragten, sagte er zu ihnen: „Euch ist das Geheimnis des Reiches Gottes anvertraut.“ Was er dann ergänzte, wirkt befremdlich: „Denen aber, die draußen sind, wird alles in Gleichnissen gesagt; denn sehen sollen sie, sehen, aber nicht erkennen; hören sollen sie, hören, aber nicht verstehen, damit sie sich nicht bekehren und ihnen nicht vergeben wird“ (Mk 4,11f). Dass die Worte Jesu bei den Anwesenden keine positive Denk- und Verhaltensänderung bewirken sollten, kann Jesus nicht gemeint haben. Er redete zu den Menschen nicht, um seine Worte zu ignorieren. Die Ablehnung ist eine persönliche Entscheidung.
Laut Kolosserbrief war das Evangelium bei der Niederschrift im ersten Jahrhundert schon „in der ganzen Schöpfung unter dem Himmel“ verkündet (vgl. Kol 1,23). Im Römerbrief heißt es: „Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod, und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, da alle sündigten“ (Röm 5,12). Der Satz verweist auf das Verhalten Evas im Garten Eden. Doch auch ihr Gefährte Adam verstößt gegen die Vorgabe Gottes. Beide essen von der „Frucht des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse“. Als Auswirkung verlieren sie die intime Nähe zu Gott, schämen sich wegen ihrer Nacktheit und müssen den Garten verlassen. Gott ließ nicht zu, wie er zu werden, was die verführerische Schlange versprach. Die Menschen wurden sterblich, Mühsal und Krankheiten zu Bestandteilen des irdischen Lebens (vgl. Gen 2,17ff; 3,5).
Der Tod von Lebewesen ist fossil aber schon vor der Gattung Homo überliefert. Laut der fossilen Dokumentation starben unzählige Mikroben, Pilze, Tiere und Pflanzen vor den ältesten Menschen. Die ersten Menschen versagten demnach nach dem Tod unzähliger Lebewesen. Oder soll angenommen werden, die Menschen seien älter als die Ediacara-Lebenswelt ab vor etwa 579 Millionen Jahren gemäß heute favorisierter Datierung?
Zudem ist es moralisch verwerflich, die gesamte Lebenswelt dem Tod auszuliefern, weil die ersten Menschen sich über eine Vorgabe Gottes hinwegsetzten. Die Fauna, Flora und anderen Menschen sind dafür nicht verantwortlich. Jede und jeder ist für das eigenen Reden und Handeln verantwortlich. Niemand darf für ein Vergehen anderer bestraft werden. Kein Mensch ist schlecht, weil ein Elter oder Großelter etwas Böses tat. In der Genesis und einem Paulus-Brief heißt es aber, der Tod sei durch einen Menschen gekommen. Alle würden „wie in Adam sterben“ (vgl. 1 Kor 15,21f).
Im Ersten Johannesbrief wird gesagt: „Wer den Sohn hat, hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, hat das Leben nicht“ (1 Joh 5,12). Doch schätzungsweise knapp 110 Milliarden Menschen lebten bisher auf der Erde, viele von ihnen vor Jesus. Sodann heißt es: „Wer die Sünde tut, stammt vom Teufel.“ Und: „Jeder, der von Gott stammt, tut keine Sünde, da Gottes Same in ihm bleibt. Er kann nicht sündigen, da er von Gott stammt“ (1 Joh, 3,8f). Es stammt aber kein Mensch vom Teufel und jeder Mensch sündigt. Ein Mensch ohne Sünde wäre dazu verurteilt, stets gut zu sein. Dies erkennt auch der Schreiber. Er sagt, wer meint, ohne Sünde zu sein, führt sich selbst in die Irre und stellt den Sünden vergebenden Jesus quasi als Lügner hin, und sein Wort ist nicht in ihm (vgl. 1 Joh 1,8-10).
Aus den biblischen Widersprüchen folgt, dass keine wissenschaftlichen Schriften vorliegen. Statt einer Geschichtsschreibung im heutigen Sinne bietet die Bibel religiöse Belehrungen vor dem Hintergrund von Geschehnissen. So spielt etwa bei der Geburt Jesu bei Matthäus der neugeborene König, der entsprechend hohen Besuch erhält, dann vom regierenden König verfolgt wird und anschließend, ähnlich wie bei Mose, über Ägypten als Retter wiederkehrt, eine zentrale Rolle. Lukas betont in seiner Geburtserzählung vor allem die Ankunft des Erlösers auf der Erde und seine göttliche Sendung zu den armen und kleinen Leuten. Jesus verkündete eine religiöse Lehre ohne Wissenschaftlichkeit. Daher teilte er den Jüngern mit: „Amen, das sage ich euch: Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen“ (Lk 18,17).

4. Wie Gott das Universum ins Dasein geruft haben könnte
Hoch kompliziert ist die Beantwortung der Frage, wie der Ursprung des Weltalls aus christlicher Sicht abgelaufen sein könnte. Die hier vorgestellte Reflexion ist als extrem vage und rudimentär anzusehen. Fünf Aspekte werden herausgestellt:
4.1. Das Universum hat einen Beginn. Zwei Zitate von Jesus: Er bittet den Vater vor dem Sterben: „Vater, verherrliche du mich jetzt bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war“ (Joh 17,5). Er fügt hinzu: „Vater, ich will, dass alle, die du mir gegeben hast, dort bei mir sind, wo ich bin. Sie sollen meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast, da du mich schon geliebt hast vor der Erschaffung der Welt“ (Joh, 17,24).
4.2. Die Welt verdankt ihre Existenz Gott Vater, Gottes Geist und Jesus. Zu Beginn der Genesis werden Gott und der über dem Wasser schwebende „Gottes Geist“ beim Ursprung der Welt erwähnt (vgl. Gen 1,1f). Auch der Psalmist erwähnt den von Gott ausgesandten „erschaffenden Geist“ (vgl. Ps 104,30).
Jesu Beteiligung findet sich im Johannesevangelium. Er wird als „das Wort“ bezeichnet, das am Anfang bei Gott war und Gott war (vgl. Joh 1,1f). Dann: „Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist“ (Joh 1,3). Nachdem erneut gesagt wird, die Welt sei durch das Wort geworden (vgl. Joh 1,10), wird hinzugefügt, das Wort sei Mensch geworden, war unter ihnen und habe ihnen seine Herrlichkeit als der einzige Sohn des Vaters gezeigt (vgl. Joh 1,14). Im Kolosserbrief wird bestätigt, dass Jesus als der geliebte Sohn des Vaters und als das Ebenbild des unsichtbaren Gottes alles im Himmel und auf Erden erschaffen hat: „Alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen“ (Kol 1,16). Auch laut Hebräerbrief hat Gott durch den Sohn, den er zum Erben des Alls einsetzte, die Welt erschaffen (vgl. Hebr 1,2). Die Mitwirkung Jesu beim Ursprung der Welt folgt aus der Einheit von Vater und Sohn. Es gibt auch einen indirekten Hinweis Jesu:
Jahwe teilte Mose mit, er sei der „Ich bin, der ich bin“ (vgl. Ex 3,14). Er beauftragt ihn, den Israeliten zu sagen, der „Ich-bin“, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, habe ihn zu ihnen gesandt (vgl. Ex 3,15). Jesus sagte von sich zu Kritikern: „Noch ehe Abraham wurde, bin ich“ (Joh 8,58). Dass er das „Bin-ich“ auch für sich in Anspruch nahm, löste tiefstes Entsetzen aus. Denn er brachte damit zum Ausdruck, dass er schon vor Abraham lebte und der Name Jahwes auch für ihn gilt. Sie sahen darin eine Gotteslästerung und wollten Steine auf Jesus werfen. Er verbarg sich aber und verließ den Tempel.
4.3. Gott vermag alles kraft seiner Allmacht (vgl. Sir 43,14; Röm 4,17). Nichts kann ihn einschränken oder sein Wirken beenden. Sein Handeln ist anders als das der Menschen, was mit dem hebräischen Verb „bara“ herausgestellt wird, das nur für Gottes Schöpfungshandeln verwendet wird.
Jahwe stellte sich dem 99-jährigen Abraham vor: „Ich bin der Allmächtige“ (Gen 17,1). Der Psalmist lehrt: „Denn der Herr sprach, und sogleich geschah es; er gebot, und alles war da“ (Ps 33,9). Laut Jesaja kehrt das vom Herrn gesprochene Wort nicht leer zu ihm zurück, sondern bewirkt, was er will, und erreicht, wozu er es gesagt hat (vgl. Jes 55,11).
Der Engel Gabriel sagte zur Jungfrau Maria bei der Mitteilung der Empfängnis Jesu in ihrem Leib: „Für Gott ist nichts unmöglich“ (vgl. Lk 1,37). Der erwachsene Jesus äußerte ebenfalls: „Denn für Gott ist alles möglich“ (Mk 10,27). Als sichtbare Belege beendete er abrupt einen Sturm, vermehrte er wenige Brote zum Sättigen von Tausenden und ließ er Verstorbene wieder leben. Es genügte ein Befehl wie „Ich befehle dir, junger Mann: Steh auf!“ (Lk 7,14) oder „Mädchen, steh auf!“ (Lk 8,54) oder „Lazarus komm heraus!“ (Joh 11,43). Sofort waren der junge Mann aus Naïn, die Tochter des Jaïrus und Lazarus aus Betanien wieder lebendig.
4.4. Gott ist von Licht erfüllt. Das Gesicht des Mose strahlte nach einem vertrauten Gespräch mit dem Herrn auf dem Berg Sinai so viel Licht aus, dass die Israeliten sich fürchteten, in seiner Nähe zu sein (vgl. Ex 34,29ff). Der Psalmist jubelt: „Mein Gott, wie groß bist du! Du bist mit Hoheit und Pracht bekleidet. Du hüllst dich in Licht wie in ein Kleid“ (vgl. Ps 104,1f). Der Prophet Habakuk frohlockt: „Er leuchtet wie das Licht der Sonne, ein Kranz von Strahlen umgibt ihn, in ihnen verbirgt sich seine Macht“ (Hab 3,4).
Jesus identifiziert sich wiederholt mit dem Licht, etwa: „Ich bin das Licht, das in die Welt gekommen ist.“ Oder: „Nur noch kurze Zeit ist das Licht bei euch.“ Oder auch: „Solange ihr das Licht bei euch habt, glaubt an das Licht, damit ihr Söhne des Lichts werdet.“ (Joh 12,46,35f). Bei seiner Verklärung auf einem hohen Berg erschienen Mose und Elija in strahlendem Licht und drei Jünger sahen Jesus mit ihnen reden in strahlendem Licht. Sein Gesicht leuchtete wie die Sonne, seine Kleider waren blendend weiß (vgl. Mt 17,1ff; Lk 9,28ff). Im Ersten Johannesbrief wird von der Unterweisung Jesu gesagt: „Das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkünden: Gott ist Licht, und Finsternis ist nicht in ihm“ (1 Joh 1,5).
4.5. Die von Gott ins Dasein gerufene Welt entstand im Nichts aus dem Licht Gottes. Vor dem Wechsel von Tag und Nacht befahl Gott: „Es werde Licht“ (Gen 1,3). Eine Mutter tröstete ihren jüngsten Sohn vor seiner Ermordung durch einen Tyrannen: „Ich bitte dich, mein Kind, schau dir den Himmel und die Erde an; sieh alles, was es da gibt, und erkenne: Gott hat das aus dem Nichts erschaffen“ (2 Makk 7,28).
Auf Basis der fünf Aspekte könnte ein Gedankenimpuls mit wissenschaftlichen Bestandteilen zum Beginn des Universums lauten: Albert Einstein zufolge sind Energie und Masse ineinander umwandelbar. 1905 publizierte er die Gleichung, dass die Energie gleich der Masse multipliziert mit dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit ist. Beleg: Bei einer Atombombenexplosion durch Spaltung von Uran- oder Plutoniumkernen wird eine immense Energiemenge freigesetzt. Weitaus mehr Energie liegt beim Zünden einer Wasserstoffbombe durch fusionierende Wasserstoffkerne vor. Umgekehrt entstehen Elementarteilchen aus Lichtenergie, wenn ein Vakuum-Hohlraum mit Extremfeldstärke angeregt wird. Durch Höchstleistungslaser zur kurzfristigen Erzeugung eines extrem hochenergetischen Feldes von Trillionen Volt auf kleinstem Raum könnten Materie- und Antimaterieelementarteilchen wie Elektronen und Positronen erzeugt werden. 2021 teilte Daniel Brandenburg vom Brookhaven Laboratory mit, im Teilchenbeschleuniger seien Materie-Antimaterie-Paare in einem Schritt bei der Kollision energiereicher Photonen erzeugt worden: Paare von Elektronen und Positronen aus Licht.
Bei der Erschaffung der materiellen Welt könnte der sich in Licht hüllende Gott analog vorgegangen sein. Schon 1225 meinte der englische Naturphilosoph und Bischof Robert Grosseteste in der Schrift „De luce“, dass die Welt aus Licht bei einem explosiven Urknall entstanden sein könnte. Empirisch belegbar und nachprüfbar ist die religiöse Aussage nicht.
Die Kosmologie bietet mehr als ein Konzept zum Beginn des Universums an. Gemäß dem favorisierten Urknall-Modell entstanden Raum, Zeit und Materie aus einem Minimalpünktchen extremster Energiedichte vor ungefähr 13,8 Milliarden Jahren. Es verlief leise, da der Raum und ein Medium wie Luft zur Ausbreitung eines Geräuschs noch nicht existierten. Einem alternativen Modell zufolge lag die kosmische Gesamtenergie im ewigen Licht-Vakuum in den Erstfluktuationen vor schätzungsweise 5.000 Milliarden Jahren vor. Laut einer dritten Hypothese könnte eine technologisch fortschrittliche Zivilisation das Universum im Labor erschaffen haben. Sie könnte die Wechselwirkung zwischen Quantenmechanik und Gravitation beherrscht haben und durch eine „Theorie von allem“ in der Lage gewesen sein, Raum und Zeit zu manipulieren und vielleicht neue Universen zu erzeugen. Eventuell könnte das Universum auch Zyklen aus Ausdehnung und Kollaps durchlaufen, so dass vor dem Urknall vor zirka 13,8 Milliarden Jahren bereits Vorgänger-Universen existierten.
Wie beim Urknall-Modell die Werte der Gravitation, der elektromagnetischen, starken und schwachen Kraft für die spätere Entstehung der Sterne und Planeten in der ersten Millionstelsekunde zu Stande kamen, bedarf noch weiterer Forschung. Auch bei der Erklärung der Erstentstehung subatomarer Teilchen, der Bereitstellung von primordialem Wasserstoff, Helium und Spurenmengen von Lithium sowie der Entstehung dichter Molekülwolkenkernen und der ersten Galaxien besteht noch immenser Forschungsbedarf.
Zum Beginn des Universums bemerkte Robert Jastrow, Gründungsdirektor des Goddard Institute for Space Studies der Nasa, 1978: „Dieses Ergebnis hat uns überrascht, da wir bisher in der Ermittlung der Ursachenkette erfolgreich gewesen waren. Nur allzu gern würden wir die Spuren noch weiter zurückverfolgen, aber es geht einfach nicht. Mit mehr Forschungsaufwand, mit mehr Zeit, mit mehr Messungen, mit einer neuen Theorie ist es einfach nicht getan. Es sieht so aus, dass wir niemals in der Lage sein werden, die Anfangsursachen hinter dem Anfang zu ermitteln. Demnach wird der Schöpfungsakt immer ein Geheimnis bleiben. Für den Naturwissenschaftler, der im Glauben an die Macht der Vernunft gelebt hat, ist diese Erkenntnis ein Albtraum. Er hat Berge der Unwissenheit bezwungen und steht vor dem höchsten übrigbleibenden Gipfel.“
Auf die Expansion des Universums wies 1927 der belgische Physiker und katholische Priester Georges Lemaître in einer Brüsseler Fachzeitschrift hin, nachdem fünf Jahre zuvor der russische Mathematiker Alexander Friedmann aus Gleichungen der Allgemeinen Realtivitätstheorie ein dynamisches Universum abgeleitet hatte, was Einstein und er in seiner Tragweite aber noch nicht erfassten. Lemaître folgerte: Ein in alle Richtungen sich ausdehnendes Universum muss früher einmal viel kleiner, anfangs sogar in einem winzigen Punkt konzentriert gewesen sein. Nach heutiger Auffassung wird dieser Prozess von der rätselhaften Dunklen Energie angetrieben.
Laut Bibel hat Gott das Universum ins Dasein gerufen. Wann, wo und wie er es tat, wird nicht mitgeteilt. Würde dazu ein Protokoll vorliegen, entstünde ein Glaubenszwang, den Gott nicht will. Eventuell wird die Expansion des Weltalls angedeutet, da zweimal gesagt wird, der Herr habe den Himmel erschaffen und „ausgespannt“ (vgl. Jes 12,5; Jer 10,12). Der Psalmist könnte die zeitlich begrenzte Existenz der Objekte im Weltall erahnt haben, indem er in einer bildhaften Ausdrucksweise schreibt: „Vorzeiten hast du der Erde Grund gelegt, die Himmel sind das Werk deiner Hände. Sie werden vergehen, du aber bleibst; sie alle zerfallen wie ein Gewand; du wechselst sie wie ein Kleid, und sie schwinden dahin“ (Ps 102, 26f).

5. Zwei eigenständige, sich nicht ergänzende Menschenbilder
Das christliche und das evolutionsbiologische Menschenbild stimmen teilweise nicht überein. Wer den Standpunkt vertritt, zwischen biologischer Evolutionslehre und christlichem Schöpfungsglauben bestünde eine sich ergänzende Beziehung, kennt eins der beiden Konzepte noch zu wenig oder erlaubt sich eine Grenzüberschreitung, die aus wissenschaftstheoretischer Sicht nicht zulässig ist. Dazu bemerkte der Philosph Karl Popper: „Die Sphären von Wissenschaft und Religion stören einander nicht. Jeder Konflikt zwischen ihnen rührt von einer Grenzüberschreitung, von einer Seite zur anderen.“
Für Darwin war der Glaube an Gott gemäß theistischer Vorstellung mit dem Evolutionismus vereinbar. Am 7. Mai 1879 teilte er dem Missionar John Fordyce brieflich mit: „Es scheint mir absurd, daran zu zweifeln, dass ein Mensch ein glühender Theist und Evolutionist sein kann.“ Und weiter: „Was meine eigenen Ansichten sein mögen, ist eine Frage, die niemanden außer mir etwas angeht. Aber wie Sie fragen, kann ich sagen, dass mein Urteil oft schwankt. Außerdem hängt die Frage, ob ein Mensch es verdient, Theist genannt zu werden, von der Definition dieses Begriffs ab, was ein viel zu großes Thema für eine Notiz ist. In meinen extremsten Schwankungen war ich nie ein Atheist in dem Sinne, dass ich die Existenz eines Gottes leugnete. Ich denke, dass im Allgemeinen (und immer mehr, je älter ich werde), aber nicht immer, ein Agnostiker die korrekteste Beschreibung meines Geisteszustandes wäre.“
Der Genetiker, Zoologe und Evolutionsbiologe Theodosius Dobzhansky, von dem der 1973 publizierte und häufig zitierte Satz stammt, „nichts in der Biologie macht Sinn außer im Lichte der Evolution“, vertrat den religiösen Standpunkt, die Bibel lehre, dass Gott die Welt geschaffen hat. Sie teile aber nicht mit, wie er es tat. Zur Beseitigung der Wissenslücke fügte Dobzhansky hinzu, das Wie, die Schöpfungsmethode Gottes, sei die Evolution.
Eine vergleichbare Position nahm der Stuttgarter Pflanzenphysiologe Ulrich Kull ein. Er hielt 1994 fest, aus einem Aufsatz des Paläontologen Hölder im Evangelischen Gemeindeblatt für Württemberg (1994) und einem Aufsatz in der Zeitschrift Offene Kirche (1987) „sei zu ersehen, dass zwischen Evolutionstheorie und Schöpfungsglaube kein Widerspruch besteht“. Kull schrieb, der bedeutendste schwäbische Naturforscher Johannes Kepler habe es als Aufgabe der Naturwissenschaft bezeichnet, die Schöpfungsgedanken Gottes nachzudenken. Dies sei der Biologie und hier vor allem Charles Darwin und all denen, die auf seinen Schultern stehend weitergebaut haben, mit der Evolutionstheorie ein Stück weit gelungen.
Im 2022 erschienenen Buch Und Gott schuf die Evolution versucht Matthew Nelson Hill darzulegen, dass die Auseinandersetzung mit der Evolutionstheorie Christen auf dem Weg zu einem erfüllten und tugendhaften Leben unterstützen kann. Hill, ordinierter Ältester in der Freien Methodistischen Kirche und Philosophie-Dozent an der Spring Arbor University, betont: „Wenn wir die Evolution zu einem Teil unseres Weltbildes machen, kann das viel mehr bedeuten als die bloße Akzeptanz der wissenschaftlichen Erkenntnisse. Dieser Schritt hat das Potenzial, uns in dem Bemühen, ein heiliges Leben zu führen, zur Hilfe und zum Segen zu werden.“ Sein integrativer Ansatz geht so weit, dass er behauptet, Jesus sei auch ein Tier geworden: „Aber da wir Menschen gemeinsame Vorfahren mit den höherentwickelten Tieren haben, wurde Jesus nicht nur Mensch, er wurde auch ein Tier – wodurch alle Tiere etwas ganz Besonderes sind, denn Gott wurde einer von ihnen.“ Laut einleitendem Kommentar von Joel Green, Neutestamentler am Fuller Theological Seminary, wird in dem Buch aufgezeigt, dass „uns das Verstehen unserer evolutionären Natur helfen kann, Christus ähnlicher zu werden“.
Der Paläontologe und Jesuit Pierre Teilhard de Chardin sah die Evolution im 1940 publizierten Werk Le Phénomène humain als ein alle Tatsachen erleuchtendes Licht an, dem alle zukünftigen korrekten Theorien zu entsprechen haben: „Die Evolution sollte nichts als eine Theorie, ein System, eine Hypothese sein? Keineswegs! Sie ist viel mehr! Sie ist die allgemeine Bedingung, der künftig alle Theorien, alle Hypothesen, alle Systeme entsprechen und gerecht werden müssen, sofern sie denkbar und richtig sein wollen. Ein Licht, das alle Tatsachen erleuchtet, eine Kurve, der alle Linien folgen müssen, das ist Evolution.“
Die Gregoriana-Konferenz im Vatikan setzte sich 2009 mit dem Thema Biologische Evolution – Fakten und Theorien, eine kritische Bewertung 150 Jahre nach The Origin of Species auseinander. Danach wurde Jürgen Mittelstraß als Vorsitzender des Österreichischen Wissenschaftsrates sowie Direktor des Konstanzer Wissenschaftsforums und des Zentrums Philosophie und Wissenschaftstheorie gefragt, ob die Katholische Kirche sich angesichts früherer widersprüchlicher Aussagen zur Evolutionslehre neu positioniert habe. Er entgegnete: „Papst Johannes Paul II. sagte, die Evolutionstheorie sei mehr als eine Hypothese.“ Mittelstraß schlussfolgerte: „Die Katholische Kirche erkennt die Evolution als Fakt an, die Evolutionstheorie wird nicht in Frage gestellt.“
Papst Franziskus sagte 2014 bei der Einweihung einer Büste seines Vorgängers zu den anwesenden Kardinälen, Bischöfen, Priestern und Vertretern der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, dass die Evolution in der Natur und die Lehre der Katholischen Kirche zum Begriff Schöpfung miteinander vereinbar seien: „Die Evolution in der Natur steht nicht im Kontrast zum Begriff Schöpfung, denn die Evolution setzt die Erschaffung der Wesen voraus, die sich entwickeln.“ Hier integriert Franziskus eine religiöse Aussage in ein biologisches Konzept. Die Behauptung der „Erschaffung sich entwickelnder Wesen“ gehört nicht in die Biologie, da die sachliche Korrektheit empirisch nicht belegt und überprüft werden kann. Sie darf in einem Lehrbuch der Evolutionsbiologie nicht enthalten sein.
Zur inhaltlich übereinstimmenden oder sich ergänzenden Beziehung ist anzumerken, dass aus christlicher Sicht Gott bereits vor der Erschaffung von Raum, Zeit, Naturgesetzen und Materie wusste, wie der Mensch in fernster Zukunft beschaffen sein wird. Der Plan Gottes und das spätere Wesen des Menschen stimmen überein. Nur der Mensch ist mit Merkmalen ausgestattet, die ihn zum Abbild Gottes machen (vgl. Gen 1,26f; Eph 1,4). Allein der Mensch ist „nur wenig geringer als Gott“ und und soll verantwortungsbewusst die Werke Gottes gestalten (vgl. Ps 8,6f). Jesus versprach ihm: „Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat das ewige Leben; er kommt nicht ins Gericht, sondern ist aus dem Tod ins Leben hinübergegangen.“ Oder auch: „Wenn jemand an meinem Wort festhält, wird er auf ewig den Tod nicht schauen“ (Joh 5,24; 8,51). Das Lebendigsein des Menschen und der übrigen Lebewesen basiert auf der Anteilhabe an der Lebensfülle Gottes. Ohne sie ist die Materie tot. Jesus drückte es so aus: „Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts“ (Joh 6,63).
Aus evolutionsbiologischer Sicht sind die ältesten Einzeller, die auf der jungen Erde, einem Exoplaneten oder Mond durch experimentell noch nicht nachgewiesene Prozesse der präbiotischen Chemie aus leblosen Molekülen entstanden sind, die Ururururururur…großeltern des Menschen. Wie die genetische Kodierung von Zellbestandteilen, die Regulierung ihrer Synthese, der Verdoppelungsmechanismus der Erbinformation und ihre Weiterreichung bei der Zellteilung und Fortpflanzung entstanden sind, bedarf noch einer Erklärung. Die stammesgeschichtliche Entwicklung von den Einzellern über tierische Vielzeller zum Menschen war auf Grund zufälliger Mutationen nicht vorhersehbar. Sie lief ohne ein den Naturprozessen übergeordnetes, den Zufall steuerndes Prinzip bzw. ohne zielsetzende Instanz ab. Die Merkmale der fossilen und heutigen Lebewesen einschließlich des Menschen sind Resultate naturgesetzlicher Abläufe, deren Ergebnis vorher nicht feststand. Ein erneuter Verlauf der Lebensgeschichte würde wegen anderer Mutationen und Selektionsereignisse eine andere Lebenswelt als die heutige hervorbringen. Zitate als Beleg:
Ulrich Kull charakterisierte die Mutationen: „Sie treten fortlaufend bei allen Lebewesen ein. Welcher Art sie sind, kann nicht vorhergesagt werden; nur ihre mittlere Häufigkeit kann angegeben werden. Sie sind also ihrer Natur nach für die Naturwissenschaft zufällig.“
Der Paläontologe Stephen Brusatte von der University of Edinburgh konstatierte: „Wie viele Zufälle haben im Verlauf von Jahrmillionen zur Entstehung der Vögel beigetragen! Die Evolution vermag nicht vorauszuschauen. Niemand von uns, wäre er damals dabei gewesen, hätte geahnt, was aus dem Federkleid der Dinosaurier, das zum Warmhalten und Prahlen dient, einmal werden würde. Die Evolution wirkt stets nur aus dem Augenblick heraus, mit dem gerade Vorhandenen, das vom nie verschwindenden, immerfort wechselnden Umwelt- und Wettbewerbsdruck geprägt ist.“
Der Genetiker Joseph Thornton von der University of Oregon äußerte: „Wenn wir die Zeit zurückdrehen und die Evolution von neuem starten lassen könnten, würden andere Mutationen entstehen. Das würde neue historische Pfade erschließen und andere blockieren – inklusive jenem, der in unsere Gegenwart geführt hat.“
Der Komplexitätsforscher Klaus Mainzer betonte: „Auf jeder Entwicklungsstufe wären auch andere Entwicklungswege möglich gewesen. Vorbestimmt war dabei nichts. Waren es am Anfang des Universums Quantenfluktuationen, so sind es nun zufällige molekulare Veränderungen mit katalytischen Folgen, die an den instabilen Verzweigungspunkten dieser Entwicklungsbäume stattfinden.“ Er ergänzte: „Jedes Einzelereignis ist zwar kausal bestimmt, das Zusammentreffen der vielen Kausalketten aber zufällig (kontingent).“
Andreas Beyer, Molekular- und Evolutionsbiologe an der Westfälischen Hochschule in Recklinghausen, und Hansjörg Hemminger, Beauftragter für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, stellten 2021 im Artikel „Was kann Naturwissenschaft und was nicht?“ heraus, dass die phylogenetische Entwicklung einer Art wegen der komplexen Bedingungen nicht vorhergesagt werden kann: „Die Entwicklung einer Art in der Stammesgeschichte folgt immer der Selektionslogik. Aber wohin ihr Entwicklungsweg führen wird, lässt sich aufgrund der überaus komplexen ökologischen, genetischen und ontogenetischen Bedingungen nicht vorhersagen. In der Regel müssen diese Bedingungen bekannt, konstant oder unter der Kontrolle der Wissenschaftler sein, um eine schlüssige Vorhersage zu machen: Die Selektionstheorie kann also nur im Einzelfall konkrete Vorhersagen treffen. Oft ist allerdings „hindcasting“ möglich, also die nachträgliche, modellhafte Erklärung eines Evolutionsgangs, von dem fossile und genetische Daten vorliegen.“
Ben Moore, Astrophysiker und Kosmologe mit Albert-Einstein-Lehrstuhl an der Universität Zürich, bemerkte: „Einen Sinn des Lebens gibt es nicht, nein. Wir sind durch Zufall hier, wir sind hier, weil Moleküle diesen erstaunlichen Weg von Bakterien zu Elefanten hin zu Menschen eingeschlagen haben, es gibt keine Regeln, wie Moleküle sich verhalten sollen. Es ist erstaunlich, es ist großartig, dass wir hier sind, aber es steckt kein Sinn dahinter.“
Die Zitate belegen, dass Vertreter der Evolutionsbiologie die Herkunft des Menschen anders erklären, als das christliche Menschenbild es nahelegt.
„Wir sind nicht das zufällige und sinnlose Produkt der Evolution. Jeder von uns ist Frucht eines Gedankens Gottes“, meinte Papst Benedikt XVI. 2005. „Dagegen sind Evolutionsbiologen überzeugt, dass die Natur allein ein ebenso genialer wie blinder Uhrmacher ist“, entgegnete der Evolutionsbiologe Matthias Glaubrecht wenige Monate danach. Anlässlich des 200. Geburtstags Darwins stufte Glaubrecht 2009, seit 2014 Direktor des Centrums für Naturkunde an der Universität Hamburg, als dessen wichtigstes und folgenreichstes Verdienst ein: „Wir verdanken Darwin den Einblick in den Mechanismus der Evolution und die Erkenntnis, dass sie durch natürliche Auslese stattfindet. Damit löste Darwin die Vorstellung ab, dass es irgendeine höhere Macht gibt, die diese natürlichen Prozesse steuert. Er hat gegen den Schöpfungsglauben eine naturwissenschaftliche Erklärung gesetzt, die bis heute tragfähig ist.“ Oder so formuliert: „Seit Darwin müssen wir nicht länger glauben, dass ein allmächtiger Gott das Leben auf der Welt erschaffen hat. Nachdem bis dahin eine naturwissenschaftliche Erklärung für die Entstehung und Vielfalt des Lebens in Abrede gestellt worden war (einen ‚Newton des Grashalms’ könne es nicht geben, meinte etwa Immanuel Kant), wurde Darwin genau dies: der Newton der Biologie. Wie Newton durch seine Gravitationstheorie hat Darwin mit seiner Abstammungslehre die Natursicht revolutioniert.“
Ähnlich äußerte sich der Wiener Biologe Franz Wuketits 2009: „Darwin wollte die Entstehung der Lebewesen ausschließlich durch natürliche Faktoren erklären. Seine Zeitgenossen erschütterte dabei vor allem, dass er sich komplett vom Gedanken einer universellen Teleologie verabschiedete, also von der Vorstellung, alles Leben sei auf ein bestimmtes Ziel hin gerichtet. Im Schlusskapitel seines Hauptwerks Über die Entstehung der Arten heißt es: ‚So geht also aus dem Kampf der Natur, aus Hunger und Tod allein, das Höchste hervor, das wir uns vorstellen können – die Erzeugung immer höherer Lebewesen.’“ Wuketits weiter: „An die Stelle eines Schöpfers setzte Darwin also einen natürlichen Mechanismus. Und das tun Evolutionsbiologen bis heute.“
Der renommierte Evolutionsbiologe Richard Dawkins äußerte einmal plakativ, die angebliche Annäherung zwischen Wissenschaft und Religion sei eine „flache, leere, hohle, schönrednerische Augenwischerei“.

6. Eine Rekonstruktion der Lebensgeschichte aus christlicher Sicht
Bei der folgenden Betrachtung zur Geschichte der Lebewesen handelt es sich um eine christliche Reflexion auf Basis biologischen Wissens. Da die bisher gefundenen Fossilien nur einen minimalen Auszug des erdgeschichtlichen Sterbens zeigen, ist die Geschichte der Lebewesen nur vage rekonstruierbar. 14 Aspekte werden vorgestellt.
6.1. Der globale Fossilfundus lässt unterschiedliche Deutungsmodelle zur Geschichte der Lebewesen zu, da kein Protokoll vorliegt, Zeugen-Anhörungen nicht möglich sind und die Fossilien keine Etiketten zu ihrer Herkunft tragen.
Charles Darwin vermutete, dass das Leben den ersten Lebewesen vom Schöpfer eingehaucht wurde und die weitere Entwickung durch Mutation und Selektion zu Stande kam. Er schreibt im Schluss der Entstehung der Arten (6. Auflage) über den Ausgangspunkt der stammesgeschichtlichen Entwickung: „Es liegt Erhabenheit in dieser Annahme, dass das Leben mit seinen verschiedenen Kräften vom Schöpfer ursprünglich nur einigen oder einer Form eingehaucht sei, und dass, während dieser Planet nach den festen Gesetzen der Schwerkraft sich gedreht hat, aus einem so einfachen Anfang unendlich viele Formen von hoher Schönheit und Wunderbarkeit sich entwickelt haben und noch entwickeln.“
Darwins Evolutionstheorie wurde im Laufe der Zeit von Fachpersonen der Evolutionsbiologie ohne religiöse Komponente weiter ausgearbeitet. Dazu ein historischer Abriss: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15241603
Ein erklärungsbedürftiger Aspekt der Evolutionsgenetik ist die Frage, wie durch Mutation und Selektion im Laufe der stammesgeschichlichen Entwicklung von den ältesten Einzellern zur heutigen Lebenswelt zahlreiche komplexe Merkmale entstehen konnten, wenn ungefähr 80 bis 90 Prozent der Mutationen neutral oder fast neutral und 10 bis 19,9 Prozent negativ sind. Der minimale Anteil positiver Mutationen erhöht die Funktionalität nur gering. Sind sie in der Nähe von negativen Mutationen platziert, werden sie bei der Meiose selten von ihnen getrennt und mit ihnen selektiv entfernt. Zudem können positive Mutationen mit einem Verlust an genetischer Information einhergehen.
Zu betonen ist, dass die Prozentangaben verallgemeinernde Schätzungen sind. Welche Mutation als positiv, neutral oder negativ einzustufen ist, hängt von der Definition ab und wann die Mutation betrachtet wird. Zudem ist es vom mutierenden System und Selektionsdruck abhängig. Generell nehmen Fachpersonen eine positive Mutation unter tausend Mutationen und eine Drift von zirka 75 Prozent an. Bei der Bildung von etwas Einfachem wie einer Antibiotikaresistenz könnten es wenige positive Mutation unter tausend Mutationen sein.
In Anbetracht der relativ geringen Anzahl positiver Mutationen argumentieren Fachpersonen der Evolutionsbiologie, dass bei der sukzessiven Bildung eines neuen Merkmals bei Abertausenden oder Zigmillionen Generationen genug positive Mutationen vorliegen, um den Startpunkt für etwas Neues zu erhalten. Sobald mutativ ein Ausgangspunkt besteht, bewerkstelligen weitere positive Mutationen die nächsten Schritte bis zur Fertigstellung. Hier ist zu fragen: Wie wird das Vorliegen eines noch keine Funktion erfüllenden Ausgangspunktes für ein zukünftig neues Merkmal erkannt und wie kann durch stetige Anhäufung positiver Muationen etwas Neues entstehen, wenn die funktionslosen Vorstufen selektiv beseitigt werden können?
Laut humangenetischer Forschung erhält jeder Neugeborene durchschnittlich 100 neue Mutationen von seinen Eltern, von denen etwa zehn negativ sind. Bereits der Austausch eines der ungefähr 3,2 Milliarden Nukleotide kann zur Bildung eines dysfunktionalen Proteins führen. In der Folge kann eine schwerwiegende Erkrankung entstehen. Bei der Sichelzellanämie ist im HBB-Gen auf Chromosom 11 an der sechsten Position einer Untereinheit des den Sauerstoff bindenden und transportierenden Hämoglobins der Roten Blutkörperchen die Aminosäure Glutaminsäure durch Valin ersetzt. Durch mutative Veränderung einer Aminosäure beim Transkriptionsfaktor Interferon Regulatory Factor 4 (IRF4), der bei der Synthese von m-RNA durch Ablesen der entsprechenden DNA-Sequenz beteiligt ist, kann bei Kindern ein schwerer Immundefekt auftreten. Komplett anders agiert IRF4 beim Austausch der benachbarten Aminosäure an Position 99. Wird dort Cystein durch Arginin ersetzt, bindet der mutierte Transkriptionsfaktor mit dem relativ sperrigen Arginin nicht mehr an der üblichen Stelle der DNA, sondern an zuvor ignorierten Sequenzen, was zu einer grundlegend anderen Genregulierung führt. Das gesunde Zellplasmaprogramm ist abgeschaltet und krankheitsrelevante Gene sind hochreguliert, so dass die Reifung der B-Lymphozyten zu Antikörper bildenden Plasmazellen unterbunden ist. Es entstehen vergrößerte B-Lymphozyten mit Signalen anderer Immunzellen auf der Oberfläche, was den bösartigen Tumor Hodgkin-Lymphom kennzeichnet.
Mehrere Prozent der Menschen haben auf Grund von Mutationen das Potenzial für Krankheiten, die ausschließlich oder größtenteils durch weitere Mutationen gesundheitliche Probleme wie Geburtsanomalien, Diabetes und Schizophrenie verursachen. Mutationen mit milderen negativen Folgen sind noch weiter verbreitet. Abertausende Mutationen für die Disposition von Erkrankungen sind heute bekannt. Mit koronaren Herzkrankheiten, der global häufigsten Todesursache, werden momentan 268 Genomorte mit verschiedener Intensität in Verbindung gebracht.
Offensichtlich zeigt die Mutationsforschung beim Menschen in eine andere Richtung als eine genetische Fitness- und Komplexitäts-Zunahme. Im Laufe der Zeit könnte der Mensch bereits bis zu zehn Prozent seiner Gene verloren haben. Die Verschlechterung des Genoms wird zwar durch Mechanismen wie gelegentliches Hinzukommen positiver Mutationen, selektive Beseitigung gravierender negativer Mutationen und Übertragung fremder Erbinformation verlangsamt. Insgesamt unterliegt das Erbgut des Menschen aber einer degenerativen Tendenz.
Vergleichbare Veränderungen wurden bei Mutationsexperimenten mit vielzelligen Tieren beobachtet. Werden Taufliegen über mehrere Jahrzehnte mit mutagenen Strahlen oder Chemikalien attackiert, entstehen Mutanten mit schneller verlaufender Individualentwicklung, anderer Körpergröße, Lebensdauer, Körper- oder Augenfarbe, fehlenden oder an unüblicher Stelle positionierten Körperteilen, erhöhter oder geringerer Gen- oder Enzymaktivität, fester bindenden Transkriptionsfaktoren, länger haltbaren Strukturproteinen, reversibler Lähmung, Muskeldystrophie, gebogenen Flügeln oder weniger Nachwuchs. Fehlende Proteine wie Bruchpilot oder Creld führen zu Beeinträchtigungen der Bein- oder Flügelbewegung wegen geringeren Ausschüttung von Transmittern. Insgesamt entsteht eine Fülle von Varianten vorhandener Merkmale. Belege einer „Höherentwicklung“ wurden noch nicht entdeckt.
Überraschende Befunde lieferte ein Langzeitexperiment zum Mutationsspektrum des Bakteriums Escherichia coli, bei dem zwölf identische Populationen ab 1988 einem Nährmedium mit Glukose und Citrat ausgesetzt wurden und 2022 insgesamt 75.000 Generationen vorlagen. Ab etwa 26.000 Generationen hatte eine Population eine deutlich höhere Mutationsrate, weil durch Einfügung einer Base das Leseraster verschoben war. Andere Populationen verloren die DNA-Reparatur oder die Ribose-Synthese. Bei wieder anderen waren Kontrollgene verändert. Einige Mutationen waren von pathogenen Bakterien bekannt.
Mit Erstaunen wurde ab 31.500 Generationen ein aerober Citrattransport festgestellt. Bei Anwesenheit von Sauerstoff wurde Citrat als Kohlenstoffquelle genutzt, was Coli-Bakterien gewöhnlich nicht machen. Analysen wiesen auf Mutationen von Genen wie citG (beteiligt beim Citrat-Stoffwechsel), citT (zuständig fürs Transportprotein beim Einschleusen von Citrat) und rnk (beteiligt beim Energiestoffwechsel) hin. Zuerst wurde eine Sequenz mit citT verdoppelt oder vervielfältigt, dann gingen Nukleotide verloren. Gelegentlich verschmolz citT mit einem Bereich, dessen Promotor die Proteinsynthese bei Sauerstoffanwesenheit initiierte, so dass die Mutante den Citrattransporter bilden konnte. Weitere Vervielfältigungen des Gens verstärkten den Citrattransport. Bei einem anderen Experiment nutzte das Coli-Bakterium Citrat bei Sauerstoffanwesenheit bereits nach zwölf Generationen.
Nach 40.000 Generationen lagen 653 Mutationen ohne signifikante Fitnesssteigerung vor. Die Ausgangspopulationen mutierten verschieden, ähnlich oder übereinstimmend durch Mechanismen wie Austausch, Einfügung oder Verlust von Basen. Das Erbgut schrumpfte bis zu 1,2 Prozent, nach 50.000 Generationen um 1,4 Prozent bei allen Populationen.
Um die Mutationsrate bei Extremstress zu erhöhen, wurde E. coli einem Citrat-Nährmedium ohne Glukose ausgesetzt. Dabei nahmen die Mutationen schon nach ungefähr 2.500 Generationen deutlich zu. Eine Ursache waren sich vervielfältigende Transposons, die sich an anderer Genomstelle je nach äußerer Situation positionierten. Das Wachstum konnte verlangsamt, die Sterberate erhöht sein. Eine Fitness-Zunahme in Form einer höheren Vermehrungsrate blieb aus. Auffallend waren die Fehlanpassungen. Im kuriosesten Fall könnten tote Bakterien konsumiert worden sein.
Längerfristig nahm der Anteil nützlicher Mutationen ab, die neutralen und schädlichen Mutationen blieben konstant. Bei jeder zweiten Population lagen Defekte bei der DNA-Reparatur vor. Citrat wurde unter aerober Bedingung verwertet, da citT mit einem bei Sauerstoffanwesenheit aktiven Schalter fusionierte. Oft traten die gleichen Mutationen bei getrennten Populationen auf. So hatten 59 von mehreren Tausend Genen zweier Populationen eine andere übereinstimmende Aktivität. Ursache der stärkeren oder geringeren Genaktivität waren gleiche oder sehr ähnliche Verlustmutationen. Wurde genetische Information nicht mehr beansprucht, begann das Genom zu schrumpfen. Dazu passt: Da die großen Bakterien bis zu ca. 5.000 und die kleinen signifikant weniger Gene haben, könnte zumindest ein Teil von ihnen als „degenerierte große Bakterien“ entstanden sein.
Mit dem bisherigen Wissen experimenteller Biologie kann eine phylogenetische Entwicklung empirisch nicht belegt und argumentativ nicht hinreichend absichert werden.
6.2. Die Arten können sich mit verschiedenem Ausmaß an neue Rahmenbedingungen durch genetische und epigenetische Prozesse wie Anschalten von noch nicht verwendeten Genen, Abschalten von in Anspruch genommenen Genen, stärkere oder schwächere Genaktivität, Basenaustausch, Einfügung oder Verlust einzelner oder mehrerer Nukleotide, Verdoppelung, Vervielfältigung, Positionsänderung, Übertragung oder Umkehrung von Nukleotidsequenzen, Transfer von Plasmiden, Wegfall, Verdoppelung oder Vervielfältigung von Chromosomen oder Chromosomensätzen anpassen.
Die genannten Prozesse können bei den Betroffenen auch Nachteiliges bewirken. So ist eine Veränderung der Chromosomenzahl in den meisten Fällen für die Zelle tödlich. Zu viele oder zu wenige Chromosomen können die Individualentwicklung stören oder Krankheiten verursachen. Bei drei- oder mehrfachem Vorliegen eines Chromosoms ist die Protein-Menge der sie kodierenden chromosomalen Gene erhöht, was zu physiologischen Problemen mit einer Fehlgeburt führen kann. Anders ist es bei krankmachenden Hefepilzen und Krebszellen. Bei ihnen können überzählige Chromosomen die Wirkung von Medikamenten verhindern.
Anatomische Varianten sind die den Nesteingang bewachenden Soldaten der Schildkrötenameisen. Sie können eine der Öffnung entsprechende quadratische, kuppel-, schalen- oder scheibenförmige Kopfform haben. Manche Arten verschließen die Nester mit nebeneinander positionierten Soldaten mit quadratischen Köpfen oder einem Soldaten mit deckelähnlichem Kopf. Vögel auf stürmischen Inseln bilden die Flügel zurück. Im Boden lebende Tiere können die Augen verlieren. Einige Höhlengewässer bewohnende Flohkrebsarten verzichten auf die Augen und Pigmente. Den Verlust des optischen Sinnes gleichen sie durch längere Tentakeln, mehr Tasthaare an den Füßen und eine effizientere Wahrnehmung chemischer Reize aus. Fische in dunklen Höhlen wie der blinde mexikanische Salmler kompensieren den Augenverlust durch Verstärkung des Geruchs-, Geschmacks- und Strömungssinnes, für den das Seitenlinienorgan zuständig ist.
Neugierige Buntbarsche erkunden mehr zuvor noch nicht aufgesuchte Lebensräume und bilden mehr neue Arten als vorsichtige Artgenossen, was mit der Variation im Genom korreliert. Im Victoria-See gingen innerhalb von 14.000 Jahren über 500 Buntbarscharten aus zwei Ausgangslinien hervor. Anpassungen in der Gestalt, Physiologie und im Verhalten gegenüber der Stammform Wolf zeigen die Haushunderassen. In engen Räumen sind sie weniger gestresst, sie übernehmen sogar den Kurz- und Langzeit-Stresspegel ihrer Besitzerinnen und Besitzer, und manche Rassen schützen Herden von Nutztieren wie Schafe, was bei Wölfen noch nicht beobachtet wurde. Da die Hunderassen meistens vor nicht allzu langer Zeit gezüchtet wurden, kommen epigenetische Prozesse als Ursache in Frage.
Bei Anolis-Eidechsen auf verschiedenen Inseln entstand im Laufe der Zeit ein breites Spektrum von Varianten, deren Phänotyp teilweise übereinstimmte. Die Varianten waren um den Fitness-Gipfel positioniert und durch Fitness-Täler voneinander getrennt. Das typische Aussehen von Anolis-Eidechsen blieb erhalten. Auch Menschen haben ein hohes Anpassungspotenzial. So kommen Hochlandbewohner mit dünner Atemluft, Eskimos mit arktischer Kälte und Beduinen mit sengender Hitze in der Wüste zurecht.
Die Arten können sich innerhalb gewisser Grenzen durch Variantenbildung an neue Rahmenbedingungen anpassen. Die Anpassung basiert auf einem epigenetischen Potenzial. Das Abrufen latenter Erbinformation kann etwas mutativ neu Entstandenes vortäuschen. Bisweilen ist bei den Varianten eine eindeutige Zuordnung zu einer bestimmten Art nicht möglich. Sie sind Repräsentanten einer Lebensform.
6.3. Bei den fossil bisher bekannten Arten lagen beim erstmaligen Auftreten fertige Merkmale vor. Fossilien in geologisch alten Schichten wie die Fotosynthese betreibenden Cyanobakterien des Präkambriums und die Gliederfüßer mit Facettenaugen des Kambriums besitzen hoch komplexe Ausstattungen.
6.4. Vögel haben mehr Gewebe und Organe als fossil ältere Quallen. Demnach nahm während der Lebensgeschichte die morphologische, physiologische und genetische Komplexität zu. Es belegt nicht eine phylogenetische Entwicklung, da die fossilen Übergangsformen einer kontinuierlichen Komplexitätszunahme mit entsprechender chronologischer Abfolge noch gesucht werden.
6.5. Die etwa 6,4 Milliarden Basenpaare des Genoms einer Körperzelle des Menschen ergäben ausgedruckt 4.200 Bücher mittlerer Größe mit einer aneinandergereihten Länge von zirka 100 Metern. In ihnen wären die Anweisungen für die Zusammensetzung der Proteine und die Steuerung ihrer Synthese zu finden. Gemäß den von 30 Forschergruppen von 2003 bis 2020 durchgeführten Analysen im Rahmen des Projekts „Encylopedia of DNA Elements“ und dem 2020 abgeschlossenen Projekt „Genotype-Tissue Expression“ erfüllen mindestens 80 Prozent des Erbguts des Menschen eine Funktion. Im früher als „Junk-DNA“ bzw. „Gen-Wüste“ eingestuften Genombereich sind mehrere Millionen DNA-Sequenzen lokalisiert, die als Schalter in Interaktion mit Proteinen und RNA-Molekülen Gene durch Methylierung und Acetylierung an- und abschalten. Gene unterliegen der Kontrolle und Steuerung Dutzender Schalter.
6.6. Ein Hinweis auf die aktive Beteiligung Gottes bei der Geschichte der Lebewesen könnten die irreduziblen Systeme sein, deren Funktionieren das Fehlen nur weniger Elemente erlaubt. Ein Beispiel könnte der Elektrorotationsmotor mit Geißel, Antriebs- und Navigationssystem des Darmbakteriums Escherichia coli sein. Es ist quasi eine lebende 0,2-Volt-Batterie, die sechs Ultraminiatur-Elektromotoren mit jeweils 30 nm Länge antreibt. An der Basis jedes Motors befindet sich über ein biegsames Winkelstück die Geißel mit fünffacher Länge des Bakteriums. Mit ihrer Hilfe bewegt der Einzeller sich durch bis zu 100 Umdrehungen pro Sekunde in einer der zwei Drehrichtungen mit 15 bis 25 Zelllängen pro Sekunde vorwärts oder rückwärts. Mittels Navigationssystem schwimmt er zu Stellen hoher Nährstoffkonzentration und meidet er Schadstoffe.
Das Fortbewegungssystem mit Elektromotor und beweglicher Geißel ähnelt dem von Schiffen mit elektrischer Antriebsmaschine und Propeller. Der Stator und Rotor üben die gleiche Funktion wie die Feldspule und der Drehanker eines technischen Elektromotors aus. Die Chemikalien registrierenden Sensorproteine fungieren wie die Millionen Riechzellen des Menschen in der Nase. Der Rotor nutzt die im Wasserstoffionen-Gradienten zu beiden Seiten der Membran gespeicherte Energie für die Drehbewegung wie bei einer Turbine.
Die Ad-hoc-Entstehungswahrscheinlichkeit des bakteriellen Motors beträgt je nach Prämisse 10-29 bis 10-94. Demnach ist der Versuch, die sechs Richtigen im Lotto vorab korrekt zu tippen, über 1.000.000.000.000.000.000.000 Mal wahrscheinlicher. Keine Evolutionsgenetikerin und kein Evolutiongenetiker argumentiert mit einem solchen „evolutionären Lotto-Treffer“.
Angesichts dessen gehen die Fachpersonen der Evolutionsbiologie davon aus, dass das bakterielle System, ausgehend von einer einfachen Pore in der inneren Membran, durch Übernahme von Genen schon vorhandener Teilstrukturen schrittweise entstanden ist, wobei für jede Teilstruktur eine Funktion angenommen wird, die selektiert werden konnte. Außer dem Erhalt von Genen anderer Bakterien werden Mechanismen wie Mutationen, Gendrift und Genduplikation postuliert, um neue Teilstrukturen zu erzeugen. Der Lösungsversuch hat bislang nicht überzeugt, da jede Bildung einer neuen Teilstruktur mehrere aufeinander bezogene Muationen in verschiedenen Genen erfordert. Wie sie in einem Vorfahrenbakterium zusammenkommen konnten, ist noch völlig rätselhaft.
Zudem wird die phylogenetische Entstehung neuer Gene durch „prä-existente Elemente“ erklärt, die verdoppelt oder zwischen Lebewesen übertragen und danach diversifiziert wurden. Die postulierte Duplikation und zwischenartliche Übertragung „prä-existenter Elemente“ setzt ihre Existenz voraus. Wie die Elemente des horizontalen Gentransfers und wie ihre Vorläufer und wiederum deren Vorläufer entstanden sind, wird nicht gesagt. Eine Erklärung überzeugt aber nur, wenn keine Komponente einer weiteren Erklärung bedarf.
Gott könnte den Bakterienmotor aus zirka 40 Proteinen schlagartig oder über Zwischenstufen erzeugt haben. Beiden Fällen lag ein für Menschen nicht mögliches Know-how zu Grunde.
6.7. Die Geschichte der Erde und ihrer Bewohner wird im ersten Schöpfungsmythos der Bibel (Gen 1,1ff) mit einem „Sieben-Tage-Schema“ erzählt, um das Handeln Gottes mehreren Zeitabschnitten zuzuordnen („am dritten, fünften und sechsten Tag“).
Belege für die Korrektheit der Deutung sind symbolische Zahlen- und Zeitangaben der Bibel. So wird die Zahl 7 im Sinne von „vielmals“ verwendet: „Denn sieben Mal fällt der Gerechte und steht wieder auf“ (Spr 24,16; Mt 18,21). Oder: „Denn er ist ein Gott, der vergilt, siebenfach wird er es erstatten“ (Sir 35,13). Samuel wurde zu Isai geschickt, um einen seiner Söhne zum König über Israel zu bestimmen und zu salben. Dabei ließ Isai sieben Söhne zur Auswahl vor Samuel treten (vgl. 1 Sam 16,1ff). Jesus beantwortet dem Apostel Petrus die Frage, wie oft er verzeihen soll: „Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal“ (Mt 18,21).
6.8. Das erdgeschichtliche Langzeitkonzept ist mit biblischen Aussagen kompatibel. So kann der Ausdruck „Tag“ auch einen längeren Zeitraum bedeuten. Der Psalmist betet: „Denn tausend Jahre sind für dich wie der Tag, der gestern vergangen ist, wie eine Wache in der Nacht“ (Ps 90,4). Das Zitat steht in einem erdgeschichtlichen Kontext, da die Entstehung des Weltalls, der Erde mit Bergen und eine Überflutung genannt werden. Oder auch: „Beim Herrn ist ein Tag wie tausend Jahre, und tausend Jahre sind wie ein Tag“ (2 Petr 3,8).
6.9. In der Frühzeit der Erde herrschte ein Tohu-wa-bohu (vgl. Gen 1,2). Es könnte das Inferno bei der Bildung des Mondes einige zehn Millionen Jahre nach der Erdentstehung und das so genannte Große Bombardement andeuten, zu dessen Datierung verschiedene Angaben vorliegen.
6.10. Der die Bescheibung der ersten sechs Tage beendende Passus „Es wurde Abend, und es wurde Morgen“ verweist auf Zeiträume göttlicher Passivität („Es wurde Abend“) und Aktivität („Es wurde Morgen“). Phasen göttlichen Handelns und Zeiten, in denen Gott seine Werke betrachtet und die Lebensformen durch Artbildungen sich entfalten lässt, folgen aufeinander. Es ähnelt der am Morgen beginnenden und am Abend endenden Arbeit des Menschen (vgl. Ps 104,22f; Ri 19,16; Mt 20,1, 20,8).
Die taxonomische Einheit der Lebensformen ist einzelfallspezifisch. Es kann die Gattung oder die Familie sein. Die dazu gehörenden Vertreter können Rassen, Unterarten, Semi-, Allo-, Para-, Megasub- und Superspezies, Sub- und Intertriben, Tribus über­grei­fende und vergleichbare Taxa sein. Exakt lässt der Terminus „Lebensform“ sich so wenig definieren wie die Grenze zwischen Hügel und Berg, die als eine idealtypische Vorgabe der Sprache in der Realität individuell verschieden festgelegt wird.
6.11. Dass Gott zahlreiche Lebensformen zu verschiedenen geologischen Zeiten durch zielgerichtetes Handeln ins Dasein rief, vermutete der Naturforscher Alcide d¢Orbigny (1802-1857). Er unterteilte die Geschichte der Lebewesen in 29 Abschnitte, wobei nach jedem Sterben eine neue Lebenswelt die Erde bewohnte.
6.12. Wie Gott die einzelnen Lebensformen ins Dasein rief, ist offen und kein Gegenstand biologischer Forschung. Denkbar aus menschlicher Sicht sind Neuerzeugung, gelenkte Erbgutveränderung und Rückgriff auf vorhandene Gene. Geologische Zeitpunkte für einen lebensgeschichtlichen Neubeginn lagen etwa nach den fossil überlieferten Krisen und Massenaussterben vor. Vor ungefähr 359, 201 und 66 Millionen Jahren starben zirka drei Viertel der Arten, vor etwa 443 Millionen Jahren die Meeresfauna zwei Drittel und vor zirka 252 Millionen Jahren über 90 Prozent der marinen und drei Viertel der Festlandarten aus. Gott führte es nicht herbei. Laut Jesus agiert eine andere Person als „Mörder von Anfang an“ (vgl. Joh 8,44).
6.13. Die jüngste Lebensform ist der Mensch. Er ist das irdische Abbild Gottes mit kognitiver und instrumenteller Vernunft, Spiritualität und komplexer Wortsprache. Als das Meisterwerk Gottes kann er mit ihm wie mit einem Vater, Bruder oder Freund gedanklich sprechen.
6.14. Die Lebensformen sind defizitär und nicht vollkommen. Und die Erde ist kein Paradies. Dadurch liegt ein Indizienbeweis für Gott als Urheber nicht vor. Gott lässt jede und jeden den spirituellen Standpunkt selbst festlegen und zwingt niemanden an ihn zu glauben. Außerdem kann der Mensch nur eine Erde und Lebenswelt mit Mängeln optimierend gestalten.

Hier eine höchst provisorische und partielle Skizze zum Verlauf der Lebensgeschichte:

⇑ Zeit ⇑

  Anzahl der existierenden Lebensformen  ⇒

Skizze zum Verlauf der Geschichte der Lebewesen in Anlehnung an Alcide d’Orbigny.
In mehreren geologischen Zeiten hat Gott zahlreiche Lebensformen mit unterschiedlichem Aufbau und phänotypischer Plastizität ins Dasein gerufen. Danach variierten sie ihren Habitus in Anpassung an situative Rahmenbedingungen durch diverse Mechanismen, so dass neue Arten, Gattungen und andere niedere Taxa entstanden. Über 99 Prozent der bisherigen Arten sind während der Lebensgeschichte ausgestorben. Der Fossilfundus sagt nichts über die Zeitpunkte der Entstehung vor dem untersten fossilen Auftreten und des Aussterbens nach der obersten Einbettung aus. Fossilien zeigen einen minimalen Anteil der bisherigen Leichen.

Wichtige Hinweise: Die Skizze enthält nur fünf geologische Epochen, zeigt keine Zunahme der Vielfalt bei den einzelnen Lebensformen durch Bildung neuer Arten und berücksichtigt nicht, dass über 99 Prozent der Spezies ausgestorben sind. Sie deutet das Auftreten neuer Lebensformen und das Sterben mit abnehmender Vielgestaltigkeit und Vielfalt an. Relevant ist, dass eine bis zu den Einzellern zurückreichende Verwandtschaft des Menschen und der übrigen vielzelligen Lebensformen nicht vorliegt. Verwandt ist der heutige Mensch mit den Fossilien der Gattung Homo. Die Hunderassen sind mit den Wölfen, Füchsen, Kojoten, Schakalen und deren Mischlingen, nicht mit den Katzen oder den Pferden verwandt. Innerhalb der Pferdeartigen entstanden Arten wie Berg-, Steppen- und Grevy-Zebra, Wild- und Halbesel, Kiang und zentralasiatisches Urwildpferd bzw. Przewalski-Pferd und fossil bekannte Spezies. Durch Züchtung gingen aus dem noch vorkommenden Wildkohl Gemüsesorten wie Blumen-, Grün-, Rosen-, Rot-, Spitz-, Zierkohl, Kohlrabi und Brokkoli hervor. Dies kann belegt und mit genetischen Konzepten erklärt werden.
Zu betonen ist: Religiöses Reflektieren und naturwissenschaftliches Erklären sind zwei eigenständige Erkenntniswege. Biologische Lehren dürfen keine religiöse Aussage enthalten. Religiöse Betrachtungen können durch biologische Erkenntnisse präzisiert und vertieft werden.

7. Der christliche Glaube als persönliche Option mit Zukunftsperspektive
Dass Gott existiert sowie die materielle Welt und ein für irdische Menschen unsichtbares Jenseits ins Dasein gerufen hat, ist eine Aussage religiösen Glaubens, kein empirisch abgesichertes Wissen wie die Aussage, dass das Licht der Sonne den Erdentag erhellt. Es ist auch nicht empirisch belegbar, dass Jesus noch lebt. Die Dokumente des jüdischen Geschichtsschreibers Josephus Flavius und des römischen Historikers Tacitus erwähnen den irdischen Aufenthalt Jesu. Der Glaube an seine Auferstehung nach dem Sterben am Kreuz ist ein persönliches Für-wahr-Halten, kein auf Erfahrung basierendes Wissen. Biblisch ausgedrückt: „Glaube ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht“ (Hebr 11,1). Jesus bat die Menschen, an ihn zu glauben: „Wer an mich glaubt, wird leben, wenn er stirbt.“ Wem es nicht gelingt, kann „wenigstens seinen Werken glauben“ (vgl. Joh 11,25, 10,38).
Zudem sind die Evangelien keine Originaltexte mit präziser Wiedergabe von Aussagen Jesu, sondern Abschriften jüngerer Fragmente, von denen die ältesten aus dem zweiten Jahrhundert stammen. Der Kanon wurde im 4. Jahrhundert aus einem größeren Fundus ausgewählt. Zirka 35 Evangelien und evangelienähnliche Texte lagen bis zum 5. Jahrhundert und etwa 50 Apostelgeschichten und Dutzende Apokalypsen ab dem 4. Jahrhundert vor. Die meisten Vorlagen wurden als apokrüph eingestuft und verworfen. Außerdem weichen die heutigen Übersetzungen stellenweise deutlich voneinander ab.
Vers 10,23 im Lukasevangelium lautet in der Einheitsübersetzung der Bibel, Stuttgart 1980: „Jesus wandte sich an die Jünger und sagte zu ihnen allein: Selig sind die, deren Augen sehen, was ihr seht.“ Der gleiche Vers wird in der gemeinsamen Bibelausgabe von katholischen und evangelischen Theologen übersetzt, Stuttgart 1997: „Dann wandte sich Jesus zu seinen Jüngern, den Männern und Frauen, und sagte: ‚Ihr dürft euch freuen, dass Gott euch die Augen gab zu sehen und zu verstehen, was hier geschieht.’“ In der Einheitsübersetzung von 2016 ist die Bezeichnung „Heiland“ nicht mehr zu finden, obwohl Jesus als „der Heilende“ wirkte. Es wird dafür meistens der Ausdruck „Retter“ verwendet, was an die Hilfe Jesu beim Verhindern des Ertrinkens von Petrus im See erinnert.
Der altgriechische Ausdruck „mágoi“ für die „Magier“ (Mt 2,1), die aus dem Osten zu Jesus nach der Geburt kamen, kann auch „Astrologe, Gaukler, Wahrsager und Zauberer“ bedeuten. Im Lateinischen bezeichnet „magi“ einerseits die Mitglieder einer Priesterkaste im heutigen Iran und andererseits „Magier, Weise, Wahrsager, Zauberer und Gaukler“. Der altgriechische Terminus „egkráteia“ (Gal 5,23) lautet in der Luther-Bibel „Keuschheit“, in der Elberfelder Bibel „Enthaltsamkeit“ und in der Einheitsübersetzung von 1980 und Hoffnung-für-alle-Bibel „Selbstbeherrschung“. Er kann auch „Mäßigkeit, Ausdauer und Abhärtung“ bedeuten. Hierbei trifft überspitzt formuliert das italienische Sprichwort „Traduttore, traditore“ zu: „Der Übersetzer ist ein Verräter.“ Die Bemühung, hebräische, altgriechische und lateinische Bibeltexte in die heutigen Sprachen zu übertragen, kann die Vorlagen nie exakt wiedergeben.
Ungeachtet dessen wird hier der Blick vor allem auf Jesus gerichtet, da er als der von Gott mit dem Heiligen Geist und mit Kraft Gesalbte religiöse Wahrheiten zu den Menschen brachte (vgl. Apg 10,38; Joh 1,17). Analog zum Prinzip bei Gericht „In dubio pro reo“ werden die Bemühung der Evangelisten um eine korrekte Jesus-Biografie, das präzise Abschreiben der Textvorlagen im Laufe der Jahrhunderte und die Zuverlässigkeit der Bibelübersetzungen nach dem Prinzip „In dubio pro deo“ angenommen.
Was Jesus laut den Evangelien unter den Menschen heraushebt: Er trug seine Lehre kompromisslos vor, entlarvte Scheinheiligkeiten, verhielt sich nicht unterwürfig gegenüber Repräsentanten religiöser und staatlicher Macht, legte keinen Wert auf Vermögen, heilte alle ihn bittenden Kranken, verbot ausnahmslos das Töten von Menschen und ließ Verstorbene wieder weiter leben. Es genügte, den Saum seines Gewandes mit Zuversicht zu berühren, und die Gesundheit war sofort wieder hergestellt (vgl. Mt 14,36). Jesus erklärte alle Speisen für rein und wusste Zukünftiges an Orten, wo er sich bei der Aussage nicht befand (vgl. Mk 7,19; Lk 19,30ff; 22,10ff). Bei Dunkelheit ging er auf dem Wasser des aufgewühlten Sees von Galiläa zu den Jüngern in einem Boot. Sein Leichnam lag zwei Tage nach dem Sterben nicht mehr im Grab, er erschien den von Gott vorherbestimmten Zeugen in verschiedener Gestalt, ging mit zwei Jüngern nach Emmaus, zeigte seine Hände und Füße mit den Wunden der Kreuzigung den Aposteln und Jüngern, bat sie ihn anzufassen, da sie meinten, einen Geist zu sehen, sagte acht Tage danach zum abwesenden Apostel Thomas, der an seine Auferstehung nicht glaubte, die Hand auszustrecken und in seine Seitenwunde zu legen, aß ein Stück gebratenen Fisch und trank vor ihren Augen (vgl. Mk 16,12; Lk 24,35ff; Joh 6,12ff; 20,19ff; Apg 10,41).
Zum Pharisäer Nikodemus teilte Jesus mit: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat“ (Joh 3,16). Er versprach Marta aus Betanien: „Jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben“ (Joh 11,26). Kritische Zuhörer belehrte Jesus: „Wenn jemand an meinem Wort festhält, wird er auf ewig den Tod nicht schauen“ (Joh 8,51). Der Weg zu Gott führt über ihn: „Niemand kommt zum Vater außer durch mich“ (Joh 14,6). In Jesus wird Gott Vater gesehen: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Joh 14,9). Die Begründung: „Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist!“ (Joh 14,11). Kürzer: „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,30). Daraus folgt: „Wer an mich glaubt, glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat“ (Joh 12,44f).
Jesus gebührt als dem göttlichen Sohn des himmlischen Vaters Ehrfurcht und Anbetung. Gerne steht er als Bruder, Freund, Kumpel und/oder Bräutigam angstfrei den Menschen hilfreich zur Seite. Vollenden in unermesslicher und immerwährender Fülle wird er jene in der himmlischen Herrlichkeit, denen es aus seiner Sicht zusteht. Sie erhalten einen nichtmateriellen und unvergänglichen Leib ohne die Defizite des irdischen Körpers (vgl. 1 Kor 15,44ff). Zur Vorbereitung setzte er vor seinem Sterben die Eucharistie ein. Sie ist die nicht sichtbare, tatsächliche Anwesenheit Jesu in der konsekrierten Hostie als dem „vom Himmel herabgekommenen Brot“ und die Realpräsenz Jesu im konsekrierten Wein zur ständigen Verbundenheit mit Jesus durch den Empfang mit entsprechendem Glauben (vgl. Joh 6,52ff).
Der Engel Gabriel teilte der Mutter Jesu bei seiner Menschwerdung mit, ihr Sohn werde der „Sohn des Höchsten“ genannt werden. Gott, der Herr, werde seinem Sohn „den Thron seines Vaters David geben“ (vgl. Lk 1,32.38). Demnach erfüllten sich in Jesus prophetische Verheißungen zur Nachfolge Davids. Laut Jesaja werde auf der Schulter eines von Gott geschenkten Sohnes auf dem Thron Davids die Herrschaft ruhen. Er werde „wunderbarer Ratgeber, starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens“ genannt (vgl. Jes 9,5). Sacharja frohlockte: „Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin“ (Sach 9,9).
Die Weissagung traf beim Paschafest ein. Auf einem jungen Esel sitzend zog Jesus in Jerusalem ein. Dabei breiteten viele ihre Kleider und Zweige auf der Straße aus und riefen ihm zu: „Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe!“ (Mt 21,9; Mk 11,9). Der Ausruf „Sohn Davids“ ist ein indirektes Messiasbekenntnis. Auch Blinde und eine kanaanäische Frau, deren Tochter „von einem Dämon gequält wurde“, nannten Jesus bei der Bitte um Hilfe „Sohn Davids“ (vgl. Mt 9,27; 15,22; 20,30f). Durch die sitzende Körperhaltung auf dem jungen Esel zeigte Jesus, dass er der Friedenskönig ohne irdisches Heer und Kriegswaffen ist.
Josef, der Verlobte der Mutter Jesu, war ein „Sohn Davids“ (vgl. Mt 1,20) bzw. „stammte aus dem Haus David“ (vgl. Lk 1,27). Durch die Annahme des nicht von ihm gezeugten Jesus an Sohnes Statt, worum ihn ein im Traum erschienener Engel des Herrn bat (vgl. Mt 1,20), übertrug er als väterlicher Erzieher seine davidische Abstammung auf Jesus. Im Römerbrief ist jedoch von der biologischen Verwandtschaft Jesu mit David die Rede: „Evangelium des Sohnes Gottes, der dem Fleisch nach geboren ist als Nachkomme Davids“ (Röm 1,3). Doch Jesus war nicht „dem Fleisch nach“ ein Nachkomme Davids, da Josef nicht sein biologischer Vater war. Im Erbgut Jesu befand sich kein Gen von Josef. Bei Matthäus findet sich auch „des Sohnes Abrahams“, um anzudeuten, dass durch Jesus wie durch Abraham „alle Geschlechter der Erde Segen erlangen“ (vgl. Gen 12,3).
In zwei frühchristlichen Texten wird die Nachkommenschaft Jesu von David über seine Mutter erwähnt. Justinus der Märtyrer (100 – 165) sagt von Jesus in einem Dialog mit dem Juden Tryphon: „Menschensohn nun nannte er sich entweder wegen der Geburt aus der Jungfrau, die, wie gesagt, aus dem Geschlechte Davids, Jakobs, Isaaks und Abrahams war, oder weil Adam auch der Vater dieser erwähnten Männer war, von denen Maria ihr Geschlecht ableitet; denn, wie wir wissen, sind die Väter der Frauen auch Väter von den Kindern, die von den Töchtern geboren werden.“ Dabei ist er sich darüber im Klaren, dass die Abstammung in der jüdischen Kultur eigentlich patrilinear konstruiert wird. Damit auch die Väter der Mütter als Stammväter von deren Kindern gelten können, also die matrilineare Abstammung gilt, gibt er sich viel Mühe bei der Begründung.
Im um das Jahr 200 verfassten und seinerzeit beliebten „Jakobusevangelium“ wird die davidische Abstammung Mariens ebenfalls erwähnt: „Die Priester aber besprachen sich und sagten: ‚Wir wollen einen Vorhang für den Tempel des Herrn anfertigen lassen.’ Und es sprach der Priester: ‚Rufet mir unbefleckte Jungfrauen aus dem Stamme Davids!’ Und die Diener gingen hin und machten sich auf die Suche und fanden sieben Jungfrauen. Und es erinnerte sich der Priester an die kleine Maria, dass sie ja aus dem Stamme Davids war und unbefleckt war vor Gott. Und die Diener gingen hin und brachten sie.“
Die beiden Schreiber des zweiten Jahrhunderts führten die davidische Abstammung Jesu auf seine jungfräuliche Mutter zurück. Das matrilineare Prinzip bei der Herkunft eines Menschen wurde von den Juden erst allmählich nach der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 akzeptiert. Die noch zurzeit Jesu geltende patrilineare Abstammung wurde unter anderem damit begründet, dass die Mutter zur Zeugung eines Kindes nur wenig beiträgt. Sie galt als das „Behältnis“ für den „Samen“ des Mannes, aus dem das Kind entstand. In der Antike wurde das matrilineare Prinzip unter anderem beim rechtlichen Status von Sklavenkindern angewandt, da der Nachweis des Vaters immer unsicher war („pater semper incertus est“).
Jesus selbst stellte den Titel „Davids Sohn“ in Frage, da David ihn „Herr“ und nicht seinen „Sohn“ nannte: „Denn David hat, vom Heiligen Geist erfüllt, selbst gesagt: ‚Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich mir zur Rechten, und ich lege dir meine Feinde unter die Füße‘. David selbst also nennt ihn ‚Herr‘. Wie kann er dann Davids Sohn sein?“ (Mk 12,36f).
Bevor auf die Mutter Jesu weiter eingegangen wird, sind drei biblische Termini zu erläutern: In der Bibel können Verwandte und/oder Bekannte auch als „Brüder“ oder als „Schwestern“ bezeichnet werden. So sagt Abraham zu seinem Neffen Lot: „Zwischen dir und mir, zwischen meinen und deinen Hirten soll es keinen Streit geben; wir sind doch Brüder“ (Gen 13,8). Laban fragt seinen Neffen Jakob: „Sollst du mir umsonst dienen, weil du mein Bruder bist?“ (Gen 29,15). Auch in den Evangelien (etwa Mt 13,55f; Mk 6,3) und in der Apostelgeschichte werden Nicht-Geschwister so genannt. Petrus beginnt die Rede bei der Wahl des Apostel Matthias mit „Brüder!“ (vgl. Apg 1,15). Nach dem Pfingsterlebnis spricht er die Anwesenden als „Brüder“ an. Und diese nennen die Apostel „Brüder“ (vgl. Apg 2,29.37). Paulus wird von „Brüdern“ nach Cäsarea gebracht (vgl. Apg 9,30), wohin sich auch Petrus mit „einigen Brüdern aus Joppe“ begibt (vgl. Apg 10,23f). Weitere Belege sind Apg 13,26 und 15,22.
Aus der Bezeichnung „Erstgeborener“ (vgl. Lk 2,7) folgt nicht, dass die Mutter Jesu jüngere Kinder hat. Es bedeutet, dass Jesus als männliche Erstgeburt ganz Gott gehört und dem Herrn geweiht werden soll. Jeder erstgeborene Sohn war als Eigentum Gottes von den Eltern auszulösen. Zurzeit Jesu waren dazu fünf Silberschekel an den Tempel zu entrichten, was ungefähr dem Lohn von 20 Arbeitstagen entsprach. Auch beim Vieh gehörte das erstgeborene Gott (vgl. Num 3,11-13). Jesus war das einzige Kind seiner Mutter. Daher vertraute er sie bei seinem Sterben dem Apostel Johannes an. Hätte die Mutter Jesu noch andere Kinder gehabt, wären sie für die Sorge ihrer Mutter zuständig gewesen (vgl. Joh 19,26f).
Die hebräische Vokabel „alma“ bedeutet „Mädchen“ und „Jungfrau“, kann aber auch andere Bedeutungen haben. So begegnete Abrahams Verwalter der Alma Rebekka bei der Brautwerbung für Isaak (vgl. Gen 24,23). Bei der Aussetzung des kleinen Mose im Nil handelte seine Schwester als Alma (vgl. Ex 2,3-7). In den Evangelien nach Matthäus und Lukas wird die Mutter Jesu eine „Alma“ im Sinne eines heiratsfähigen Mädchens genannt. Die Schreiber der Septuaginta in altgriechischer Sprache entschieden sich bei der Übersetzung für „parthenos“, was trotz der maskulinen Wortendung in der deutschen Sprache „Jungfrau“ bedeutet.
Es folgen relevante Aspekte zur Zeugung Jesu. Im Lukasevangelium beginnt der Engel Gabriel den Dialog mit der Mutter Jesu: „Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir.“ Erschrocken über die Anrede überlegt sie, was es bedeuten könnte. Der Engel teilt ihr mit, dass sie bei Gott Gnade gefunden habe, einen Sohn gebären werde und ihm den Namen Jesus geben soll. Sodann fragt Maria den Engel: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ Der Engel erklärt Maria: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden“ (vgl. Lk 1,28-35).
Der Dialog zwischen Maria und dem Engel belegt auf diskrete Weise, dass die Heiratsfähige sexuelle Kontakte mit einem Mann ausschließt. Eventuell hatte sie ein Gelübde sexueller Enthaltsamkeit abgelegt, da sie die Liebe zu Gott höher als die Liebe zu einem Mann einstufte. Zeitlebens wollte sie Jungfrau bleiben. Das Gelübde basiert auf einer Passage im Buch Numeri. Mose teilte den Stammeshäuptern der Israeliten als „Befehl des Herrn“ mit, Männer und Frauen dürften vor dem Herrn ein Gelübde oder einen Eid zu einer Enthaltsamkeit ablegen. Dabei gälte: Wenn ein im Haus seines Vaters lebendes Mädchen dem Herrn ein Gelübde ablegt oder sich zu einer Enthaltung verpflichtet, bleibt dies in Kraft, wenn der Vater es erfährt und dazu schweigt. Wenn die Ledige mit einer Verpflichtung vor dem Herrn heiraten will, gilt das folgende Gesetz für den Mann und seine Frau, das der Herr dem Mose aufgetragen hat: „Heiratet sie einen Mann, während sie durch ein Gelübde oder durch ein voreiliges Wort, mit dem sie sich verpflichtet hat, gebunden ist, dann bleiben die Gelübde oder die Enthaltung, zu der sie sich verpflichtet hat, in Kraft, falls ihr Mann an dem Tag, an dem er davon erfährt, dazu schweigt.“ Stimmt der Mann nicht zu, wird das Gelübde oder das voreilige Wort seiner Frau außer Kraft gesetzt, und der Herr wird es ihr erlassen (vgl. Num 30,1-17). Gemäß Aussage Mariens gegenüber dem Engel, sie erkenne keinen Mann, entschied sie sich für den jungfräulichen Lebensstand.
Dazu bemerkt der Schreiber des Buches der Weisheit, die Kinderlose werde gleich einer Mutter geehrt, wenn die Seelen ihren Lohn empfangen. Kinderlosigkeit mit Tugend stehe „in Ehren bei Gott und bei den Menschen. Ist sie zugegen, ahmt man sie nach; ist sie entschwunden, sehnt man sie herbei. In der Ewigkeit triumphiert sie, geschmückt mit dem Kranz, Siegerin im Wettstreit um einen edlen Preis“ (vgl. Weish 3,13; 4,1f).
Auf solchen Vorgaben basierend könnte Maria sich durch ein Versprechen oder Gelübde vor dem Herrn verpflichtet haben, ohne sexuellen Kontakt zu leben. Daher äußerte sie gegenüber dem Engel ihr Bedenken zu der angekündigten Geburt. Und ihr Verlobter sah ihre Einstellung als einen religiösen Wert an, den er schätzte.
Zwei andere Passagen passen ebenfalls zur göttlichen Zeugung Jesu durch den Heiligen Geist: Der Verfasser des Matthäusevangeliums verwendet im Stammbaum Jesu von Abraham bis zu Josef die Formulierung „war der Vater von“. Bei Jesus nennt er Josef, sagt aber nicht „war der Vater von Jesus“. Stattdessen sagt er von Maria: „Von ihr wurde Jesus geboren, der der Christus genannt wird“ (Mt 1,16). Laut Lukasevangelium wurde Jesus in Bezug auf seinen Vater falsch eingeschätzt. Beim öffentlichen Auftreten „hielt man ihn für den Sohn Josefs“ (vgl. Lk 3,23). Das „Halten-für“ verweist auf ein allgemeines Missverständnis.
Von Josef wird im Matthäusevangelium mitgeteilt, dass er „gerecht“ war. Demnach wankte er nicht, da er „die Weisung seines Gottes im Herzen hatte“ (vgl. Ps 37,31). Zurzeit Jesu galt die Verlobung als ein rechtsverbindliches Heiratsversprechen. Als Josef merkte, dass seine Verlobte schwanger war, wollte er sich unauffällig von ihr trennen. Um dies zu verhindern, teilte ein Engel Josef im Traum mit, das Kind seiner Verlobten sei vom Heiligen Geist. Er soll Maria als seine Frau zu sich nehmen, sie gebäre einen Sohn, dem er den Namen „Jesus“ geben soll (vgl. Mt 1,18-21). Nun war Josef bereit, das schwangere Mädchen in seine Wohnung aufzunehmen und den Knaben als Sohn anzunehmen. Dadurch übertrug er seine davidische Abstammung indirekt auf Jesus.
Josef bewahrte seine Verlobte vor schwerem Leid. Ein Mädchen mit mit außerehelicher Schwangerschaft galt als Verbrecherin, der die Todesstrafe drohte. Wenn eine Ledige sexuellen Kontakt vor der Heirat mit einem anderen Mann hatte und der Gatte bemerkte es nach der Heirat, durfte sie laut Gesetz wegen der Schandtat vor die Tür des Vaterhauses gebracht werden, um von Männern der Stadt gesteinigt zu werden, wenn der Vater des Mädchens die sexuelle Unberührtheit seiner Tochter nicht nachweisen konnte (vgl. Dtn 22,13ff).
Ohne die Intervention des Engels hätte Josef die Verlobung aufgehoben und Maria still entlassen, um sie nicht öffentlich bloß zu stellen (vgl. Mt 1,19). Hätte er als ein gerechter Mann die Schwangerschaft selbst herbeigeführt, wäre seine Reaktion anders gewesen. Sein Handeln signalisiert, dass er Jesus nicht gezeugt hat (vgl. Mt 1,18-24).
Außereheliche Zeugungen galten lange als eine Schande. Erasmus von Rotterdam, Wegbereiter der Reformation und unehelicher Sohn eines Priesters, floh aus Angst vor dem Zorn seiner Eltern nach Italien, als ihm seine Geliebte die Schwangerschaft mitteilte. Später wurde ihm als einem unehelichen Mann eine akademische Laufbahn in Kirche und Staat verwehrt. Die „Schande seiner Eltern“ konnte nur durch Eintritt in ein Kloster wieder „gutgemacht“ werden. Auch Jesus wurde wegen seiner vermeintlichen Herkunft aus einer nichtehelichen Beziehung öffentlich diffamiert. Solche Personen wurden als unebenbürtig angesehen und gebrandmarkt. Zeitgenossen attackierten Jesus: „Wir stammen nicht aus einem Ehebruch, sondern wir haben nur den einen Vater: Gott“ (Joh 8,41). Juden murrten gegen Jesus, weil er behauptete, dass er vom Himmel herabgekommen sei (vgl. Joh 6,42).
Wenn Jesus als Gott und als Mensch (Gottmensch) auf der Erde lebte, muss er notwendigerweise einen göttlichen und einen menschlichen Elternteil gehabt haben. Der Sohn einer Frau und eines Mannes wäre ein Mensch gewesen. Wer sagt, Josef habe Jesus gezeugt, beraubt Jesus seiner Gottheit beim irdischen Aufenthalt.
Das Wesen und Handeln Gottes können die in Raum und Zeit eingebetteten Menschen mit einem materiellen Körper auf der Erde nur vage verstehen. Dazu ein Vergleich: Wenn die Regenwürmer die Menschen sehen und erkennen könnten, wären sie aus ihrer Sicht „anatomisch deformierte Regenwürmer mit törichtem Verhalten“. Denn sie setzen sich tagsüber der Trockenheit über dem Boden und der schädlichen UV-Strahlung aus und ruinieren dadurch ihre Gesundheit. Analog können die drei göttlichen Personen des einen Gottes als den Menschen übergeordnete Personen nicht authentisch erfasst werden. Könnte Gott voll und ganz verstanden werden, wäre er nicht Gott, sondern nur ein Mensch.
Naturverbundene Personen äußern bisweilen, die Erde mit einer friedlichen Menschheit werde schon fast einem Paradies gleichen. So sagte Papst Benedikt XVI. beim Blick auf die Dolomiten im Sommer 2007: „Wenn die Menschen in Frieden mit Gott und untereinander leben, ähnelt die Erde wirklich einem Paradies.“ Die Erde ist von einem paradiesähnlichen Zustand aber noch weit entfernt. Bereits zur Zeit der Dinosaurier wurden Tiere von Parasiten gequält. Ein fossiler Beleg ist das Ei eines parasitischen Fadenwurms im auf 200 Millionen Jahre datierten Kot eines Reptils.
Solange kilometergroße Geschosse und tödliche Strahlung aus dem All die Menschheit auslöschen können, Hurrikans und Tsunamis bewohnte Regionen zerstören, Lawinen und herabrutschende Berghänge idyllische Gebirgsdörfer unter sich begraben, bei der Fortpflanzung brutale Rivalenkämpfe etwa unter männlichen Hirschen stattfinden und Guanakos sich gegenseitig in die Genitalien beißen, Pandemie auslösende und therapieresistente Erreger auftreten, Menschen wegen eines genetischen Erbes sich verstümmeln, Locked-in-Patienten bei ungetrübtem Bewusstsein sich nicht eigenständig bewegen, reden und essen können, Personen mit Cotard-Syndrom sich für tot halten, mental Erkrankte von Angst einflößenden Stimmen drangsaliert werden, ein Embryo sich in einem anderen entwickelt, zwei ineinander gewachsene Föten mit einem Gehirn oder vier Armen, Säuglinge mit zwei Köpfen oder drei Händen, ohne Nase oder Augen, mit unvollständigem Schädel, freiliegendem Gehirn oder Herz auf der Brust geboren werden, ab der Geburt vergreisen, Schulkinder wegen Abbau von Gehirnzellen an schwerer Demenz leiden, intakte Zellen zu wuchernden Krebszellen werden, jeder jederzeit unheilbar erkranken kann, ähnelt die Erde nicht dem Paradies.
Etliche haben wegen unerträglicher Herausforderungen vorzeitig den Aufenthalt auf der Erde beendet, sich von Gott distanziert oder eine negative Gottesvorstellung entwickelt. Andere erfuhren wegen ihres Glaubens Hass, Spott, Verleumdung und/oder Tod. Beim Blick auf einen Taubstummen sah Jesus sogar seufzend zum Himmel (vgl. Mk 7,34). Er brachte Gebete und Bitten teilweise „mit lautem Schreien und unter Tränen“ vor den ihn erhörenden Vater (vgl. Hebr 5,7). Der irdische Aufenthalt der Menschen bedarf einer grundlegenden Erneuerung, die nur Gott realisieren kann. Die instrumentelle Vernunft des Menschen vermag es nicht.
Im Römerbrief wird eingestanden, dass „die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt“. Sie vermittle den Eindruck, dass das Unvollkommene in ihr die Oberhand gewonnen hat. Demnach dringen nicht nur Jubellieder von der Erde zum Himmel, sondern auch Schreie der Verzweiflung, die wegen des Schmerzempfindens vom Menschen über die Wirbeltiere bis zu den Insekten reichen könnten. In der Bibel wird aber versprochen, die Schöpfung werde „von der Sklaverei und Verlorenheit zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes befreit werden“ (vgl. Röm 8,19ff).
Jesus betonte, das Schöpfungswerk sei noch nicht abgeschlossen: „Mein Vater ist noch immer am Werk, und auch ich bin am Werk“ (Joh 5,17). Biblischer Prophezeiung zufolge wird Gott den jetzigen Zustand der Erde lebensfreundlicher gestalten und das Firmament erneuern (vgl. Jes 65,17; 2 Petr 3,13). Erdacht vom Heiligen Geist, wird der Dreieine Gott die Erde und Lebenswelt erneuern. Die Menschen werden dann die beiden Liebesgebote erfüllen: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken.“ Und: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Mt 22,37.39). Gott will von den Menschen nicht gefürchtet, sondern von Herz zu Herz geliebt werden.

8. Die von Jesus prophezeiten Vorboten seiner Wiederkunft in der heutigen Zeit
Bereits in vorchristlicher Zeit versprach versprach der Herr durch den Propheten Jesaja: „Ja, vergessen sind die früheren Nöte, sie sind meinen Augen entschwunden. Denn schon erschaffe ich einen neuen Himmel und eine neue Erde. Man wird nicht mehr an das Frühere denken, es kommt niemand mehr in den Sinn. Nein, ihr sollt euch ohne Ende freuen und jubeln über das, was ich erschaffe“ (Jes 65,17f). Der Schreiber erwähnt nochmals den neuen Himmel und die neue Erde, die der Herr vor Augen hat und er erschaffen wird (vgl. Jes 66,22). Im Zweiten Petrusbrief wird die Weissagung bestätigt. Gemäß göttlicher Verheißung sind ein neuer Himmel und eine neue Erde zu erwarten, in denen die Gerechtigkeit wohnen wird (vgl. 2 Petr 3,13).
Jesus empfahl, außer dem Aussehen der Erde und des Himmels zur Wetterprognose auch die Zeichen der Zeit zu deuten, um eigenständig das rechte Urteil zu finden: „Sobald ihr im Westen Wolken aufsteigen seht, sagt ihr: Es gibt Regen. Und es kommt so. Und wenn der Südwind weht, dann sagt ihr: Es wird heiß. Und es trifft ein. Ihr Heuchler! Das Aussehen der Erde und des Himmels könnt ihr deuten. Warum könnt ihr dann die Zeichen dieser Zeit nicht deuten? Warum findet ihr nicht schon von selbst das rechte Urteil?“ (Lk 12,54-57).
Mit dem Wiederkommen Jesu trösteten die Engel die nach oben blickenden Apostel unmittelbar nach seiner Aufnahme im Himmel: „Dieser Jesus, der von euch ging und in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen“ (Apg 1,11). Den Glauben auf der Erde setzte Jesus mit seinem erneuten Kommen in Beziehung. Er stellte die Frage, ob er bei seinem Wiederkommen noch Glauben vorfinden wird (vgl. Lk 18,8). Daher werden beim Wiederkommen Jesu Menschen auf der Erde leben.
Die Rückkehr Jesu zu den Menschen wird vor der endgültigen Auslöschung der irdischen Lebenswelt stattfinden. Jesus wird der Menschheit eine Zeit der Liebe und des Friedens schenken. Später werden die Erde und der Kosmos nicht mehr existieren. Jesus sagte: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen“ (Lk 21,33). Die Beseitigung von Himmel und Erde wird im Zweiten Petrusbrief bestätigt: „Der Tag des Herrn wird aber kommen wie ein Dieb. Dann wird der Himmel prasselnd vergehen, die Elemente werden vor Hitze schmelzen und aufgelöst; die Erde und alles, was auf ihr ist, werden (nicht mehr) gefunden“ (2 Petr 3,10).
Bildhafte Hinweise könnte die Offenbarung des Johannes enthalten. So wird beim Öffnen des sechsten Siegels erwähnt: „Da entstand ein gewaltiges Beben. Die Sonne wurde schwarz wie ein Trauergewand, und der Mond wurde wie Blut. Die Sterne des Himmels fielen herab auf die Erde, wie wenn ein Feigenbaum seine Früchte abwirft, wenn ein heftiger Sturm ihn schüttelt. Der Himmel verschwand wie eine Buchrolle, die man zusammenrollt, und alle Berge und Inseln wurden von ihrer Stelle weggerückt“ (Offb 6,12-14). Nach dem Ausgießen der siebten Schale durch einen Engel werden Blitze, Stimmen und Donner genannt und dann ein gewaltiges Beben, wie noch keines war, seit Menschen die Erde bewohnen. Eine Auswirkung: „Die große Stadt brach in drei Teile auseinander, und die Städte der Völker stürzten ein.“ Zudem heißt es: „Alle Inseln verschwanden, und es gab keine Berge mehr. Und gewaltige Hagelbrocken, zentnerschwer, stürzten vom Himmel auf die Menschen herab“ (Offb 16,18-21).
Demnach erhalten die irdischen Menschen vor der endgültigen Auslöschung von Himmel und Erde „die neue Erde, auf der die Gerechtigkeit wohnt“. In der Zeit der Liebe und des Friedens ist der die Menschen verführende und sie vor Gott verklagende Teufel von einem Engel Gottes überwältigt, für „tausend Jahre“ gefesselt und in den Abgrund geworfen. Danach ist er erneut kurz freigelassen, um die Menschen letztmalig zu verführen. Doch dann wird Feuer vom Himmel fallen und die Lebenswelt auslöschen. Der Teufel wird in den „See von brennendem Schwefel geworfen, wo auch das Tier und der falsche Prophet sind. Tag und Nacht werden sie gequält, in alle Ewigkeit“ (vgl. Offb 12,10; 20,1-3.7-10).
Der Schreiber der Offenbarung des Johannes verliert sich angesichts der apokalyptischen Katastrophe nicht in Resignation, sondern verheißt vorher „ein neues vom Himmel herabkommendes Jerusalem, eine heilige Stadt, in der Gott als der Herrscher über die ganze Schöpfung und Jesus als das Lamm mitten unter den Menschen wohnen werden“. In die „Gotteswohnung unter den Menschen werden nur Menschen mit reinen Herzen eingelassen, die dem Liebesgebot folgen. Sie werden den in ihrer Mitte wohnenden Gott erfahren“ (vgl. Offb 21,2ff). Es ähnelt der Weissagung des Paulus, gemäß der die „der Vergänglichkeit unterworfene und in Geburtswehen liegende Schöpfung zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes befreit werden wird“ – eine zentrale Zuversicht christlichen Glaubens (vgl. Röm 8,18ff).
Wie der nahende Frühling wirft auch das Wiederkommen Jesu Vorboten voraus, um das Eintreffen anzuzeigen. Im Lukasevangelium nennt Jesus sieben historische Ereignisse und Naturphänomene, die sein „Wiederkommen auf einer Wolke mit großer Macht und Herrlichkeit“ ankündigen (vgl. Lk 21,27). Die Vorzeichen sind bereits eingetroffen. Es bekundet, dass Jesus beim irdischen Aufenthalt vom göttlichen Licht des Heiligen Geistes erfüllt war. Was er verkündete, stammte von seinem Vater und vom Heiligen Geist. Nachfolgend werden die eingetretenen Vorboten vor wissenschaftlichem Hintergrund vorgestellt:
a) Jerusalem wird von Fremden belagert und zerstört: „Es wird eine Zeit für dich kommen, in der deine Feinde rings um dich einen Wall aufwerfen, dich einschließen und von allen Seiten bedrängen. Sie werden dich und deine Kinder zerschmettern und keinen Stein auf dem andern lassen; denn du hast die Zeit der Gnade nicht erkannt“ (Lk 19,43f).
b) Der Tempel in Jerusalem wird niedergerissen: „Als einige darüber sprachen, dass der Tempel mit schönen Steinen und Weihegeschenken geschmückt ist, sagte Jesus: ‚Es wird eine Zeit kommen, da wird von allem, was ihr hier seht, kein Stein auf dem andern bleiben; alles wird niedergerissen werden’“ (Lk 21,5f).
c) Die Bewohner von Judäa werden mit scharfem Schwert erschlagen und als Gefangene in andere Länder verschleppt: „Wenn ihr aber seht, dass Jerusalem von einem Heer eingeschlossen wird, dann könnt ihr daran erkennen, dass die Stadt bald verwüstet wird. Dann sollen die Bewohner von Judäa in die Berge fliehen; wer in der Stadt ist, soll sie verlassen, und wer auf dem Land ist, soll nicht in die Stadt gehen.“ Denn: „Mit scharfem Schwert wird man sie erschlagen, als Gefangene wird man sie in alle Länder verschleppen, und Jerusalem wird von den Heiden zertreten werden, bis die Zeiten der Heiden sich erfüllen“ (Lk 21,20f.24).
Zu den drei Weissagungen ist anzumerken, dass die Römer den Tempel in Jerusalem im Jahr 70 zerstörten und Abertausende Juden töteten. Sie zerstreuten die Überlebenden und wollten durch die Umbenennung Israels in die Provinz Palästina die Erinnerung an Israel auslöschen. Das jüdische Gebiet verlor bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts die politische Eigenständigkeit. Nun suchten die Juden die Region wieder auf und gründeten den Staat Israel, was Jahwe ihnen durch den Propheten Ezechiel versprechen ließ: „So spricht Gott, der Herr: Auch wenn ich sie weit weg unter die Völker geführt und in alle Länder zerstreut habe, so bin ich doch in den Ländern, wohin sie gekommen sind, beinahe zum Heiligtum für sie geworden. Darum sag: So spricht Gott, der Herr: Ich führe euch aus allen Völkern zusammen, sammle euch aus den Ländern, in die ihr zerstreut seid, und gebe euch das Land Israel“ (Ez 11,16f). Es ist denkbar, dass die prophetischen Aussagen Jesu noch weiteres Unheil beinhalten.
d) Viele Pseudochristen werden irreführend auftreten, angeblich im Namen Jesu handeln und die von Jesus genannten Ereignisse zum falschen Zeitpunkt ankündigen: „Gebt acht, dass man euch nicht irreführt! Denn viele werden in meinem Namen auftreten und sagen: ‚Ich bin es’! Und: ‚Die Zeit ist da.’ – Lauft ihnen nicht nach!“ (Lk 21,8). Nicht jeder, der im Namen Gottes nach Jesus auftrat, war ein von Gott berufener Prophet. Wer nicht den einen Gott in drei Personen, Jesus als Gottes Sohn und die Realpräsenz Jesu in der Eucharistie lehrte, trat nicht im Namen Jesu auf.
e) Viele Christen werden verfolgt, festgenommen, verhört, eingesperrt und ermordet, da sie an Jesus und seiner Lehre festhalten. Dabei beteiligen sich auch Eltern, Geschwister, Verwandte und Freunde. Christen werden um des Namens Jesu willen gehasst werden. Durch ihre Standhaftigkeit gewinnen sie das ewige Leben (vgl. Lk 21,12-19).
Die zwei Vorzeichen sind eingetroffen. Irrlehrer und Märtyrer durchziehen die zwei Jahrtausende nach der Beendigung des irdischen Aufenthaltes Jesu.
f) Kriege, Unruhen, Völkerschlachten, heftigen Erdbeben, Seuchen, Hungersnöte und andere schreckliche Ereignisse werden stattfinden; am Himmel werden gewaltige Vorgänge gesehen: „Und wenn ihr von Kriegen und Unruhen hört, lasst euch dadurch nicht erschrecken! Denn das muss als erstes geschehen; aber das Ende kommt noch nicht sofort. Ein Volk wird sich gegen das andere erheben und ein Reich gegen das andere. Es wird gewaltige Erdbeben und an vielen Orten Seuchen und Hungersnöte geben; schreckliche Dinge werden geschehen, und am Himmel wird man gewaltige Zeichen sehen“ (Lk 21,9-11).
g) Nochmals nennt Jesus sichtbare Zeichen am Himmel. Namentlich erwähnt er Sonne, Mond und Sterne. Die Menschen werden über die vernichtende Kraft des Meeres bestürzt und ratlos sein. Das zerstörerische Potenzial des Kosmos ruft Angst hervor: „Es werden Zeichen sichtbar werden an Sonne, Mond und Sternen; und auf der Erde werden die Völker bestürzt und ratlos sein über das Toben und Donnern des Meeres. Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über die Erde kommen; denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden“ (Lk 21,25f).
Diese beiden Vorboten der Wiederkunft Jesu werden nun durch Fakten, historische Ereignisse und wissenschaftliche Forschungsergebnisse konkretisiert. Zuerst werden die Völkerschlachten und Zeichen an Sonne, Mond, Sternen und anderen Objekten des Weltalls dargelegt. Danach werden beängstigende Dinge auf der Erde beschrieben.
Bei den zwei „Weltkriegen“ während des „Deutschen Kaiserreiches“ und der nationalsozialistischen Diktatur des „Dritten Reiches“ erhob sich im 20. Jahrhundert „ein Volk gegen das andere“, so dass Dutzende Millionen starben. Davor gab es während des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ den Dreißigjährigen Krieg und etliche andere Konflikte mit Blutvergießen auf dem Schlachtfeld.
Die Sonne ist quasi ein Kernreaktor, dessen Leistung in einer Millionstel Sekunde die Jahresleistung aller irdischen Atomreaktoren übertrifft. Auf ihre Aktivität weisen dunkle Flecken, Gasausbrüche und Strahlungsstürme hin, die Polarlichter auf der Erde erzeugen. Laut der in Eisbohrkernen seit über 11.000 Jahre dokumentierten Aktivität war die Sonne mehr als 8.000 Jahre nicht so aktiv wie seit zirka 1940. Seither hat der Mittelwert sich fast verdoppelt.
Um das Jahr 7.176 v. Chr. traf radioaktiven Isotopen in Eisbohrkernen aus Grönland und der Antarktis zufolge ein außergewöhnlich starker Sonnensturm während einer passiven Sonnenphase die Erde. Heute würde ein solcher Auswurf geladener Teilchen die elektronische Zivilisation empfindlich schädigen. Die bei Sonneneruptionen ins All geschleuderte Teilchenwolke hat ein eigenes Magnetfeld, das mit dem der Erde interagieren kann. Dadurch kann das irdische Magnetfeld deformiert, die Luft elektrisch aufgeladen und die vor UV-Strahlung schützende Ozonschicht zerfetzt werden. Weitere Folgen können beschädigte Satelliten und Ausfall der Stromversorgung durch Überspannung in den Stromleitungen sein.
Bei einem starken koronalen Massenauswurf in Erdrichtung können Transformatoren explodieren. Zur Auswirkung zählen unter anderem der Stillstand elektrischer Pumpen der Trinkwasserversorgung, Tanksäulen, Heizungen und Kühlsysteme, der Wegfall stromabhängiger Verkehrsmittel, Backöfen, Kühlschränke, Kühltruhen und Handys, Störungen der Radio- und TV-Sender, Signalanlagen und Lebensmittelversorgung. Die heutigen Kommunikations- und Navigationssysteme sind auf funktionierende Satelliten angewiesen. Die Anfälligkeit der Infrastruktur bei einem schwächeren Sonnensturm zeigte sich am 29. August 2003, als das die GPS-Positionen präzisierende WAAS-Funknetz sich abschaltete. Heftige Sonneneruptionen können die GPS-Frequenzen so stark verändern, dass Positionsangaben um bis zu 50 Meter verfälscht sind.
Ungefähr im Jahr 774 wurde es in Europa spürbar kälter nach einem heftigen Sonnenwind. Im Februar 1872 wurden Polarlichter bis in die Karibik gesehen, da die Erde von einem Sonnensturm mit voller Wucht getroffen wurde. Weitaus stärker waren die Auswirkungen des Sonnensturms vom 1. September 1859. In den USA und in Europa brach das Telegrafennetz teilweise zusammen, da Telegrafenämter durch elektrische Funkenbildung brannten. Polarlichter waren in Rom und auf Hawaii zu sehen. Eine Billion Kilogramm geladene Teilchen trafen das Magnetfeld und setzten die Energie von zehn Milliarden Hiroshima-Atombomben frei. Zirka sechs Millionen Kanadier hatten neun Stunden keinen Strom. Heute würden bei dem Sonnensturm Abermillionen im Dunkeln sitzen und im Winter im Kalten. Die durch den Strom- und Kommunikationsausfall entstandenen Schäden bräuchten Jahre zur Beseitigung.
Am 13. November 1960 fielen Radio-Sender wegen einer geomagnetischen Störung aus. Eine atomare Auseinandersetzung zwischen den USA und der Sowjetunion hätte ein Sonnensturm am 23. Mai 1967 beinahe ausgelöst. Der Ausfall dreier Radaranlagen des Frühwarnsystems in den USA wurde zunächst als Attacke der Sowjets gedeutet. Im August 1972, vier Monate vor der Apollo-17-Mission, war die Strahlendosis auf dem Mond so hoch, dass dortige Astronauten in wenigen Stunden gestorben wären. Am 4. August explodierten vor der nordvietnamesischen Küste Dutzende Seeminen der US-Marine, da ein heftiger Teilchenschauer die Erde bereits knapp 15 Stunden nach dem Ausbruch traf.
Am 7. September 2005 entstand ein starker Röntgen-Flare mit acht weiteren Ausbrüchen, die einen kurzen Blackout im Kurzwellenbereich verursachten. Rubinrote Polarlichter wurden in südlichen Breitengraden gesehen. Am 23. Juli 2012 verfehlte ein Sonnensturm mit Stärke des Ereignisses von 1859 nur knapp die Satelliten und die Erde.
Sonnenflecken entstehen als kühlere Stellen auf der Oberfläche beim Verhindern des Aufsteigens heißer, elekrtrisch geladener Gase durch starke Magnetfelder. Beim Maunder-Minimum von 1645 bis 1715 gab es außergewöhnlich wenige Sonnenflecken, was zu einer kleinen Eiszeit auf der Erde geführt haben könnte. Bei großer Sonnenfleckenanzahl bilden sich weniger Wolken, wodurch die Temperatur sich erhöhen kann. Inwiefern zwischen der Sonnenaktivität und der globalen Durchschnittstemperatur eine Beziehung besteht, wird noch erforscht. Laut Analyse ostafrikanischer Niederschlagsdaten von 1927 bis 1968 könnten starke Sonnenaktivitäten die Starkregengüsse in und außerhalb der Regenzeit beeinflussen. In dem Zeitraum gab es mehr Überschwemmungen, Erosionen und Epidemien. Infektionserreger übertragende Mücken vermehrten sich stärker.
Bei geomagnetischen Stürmen können elektromagnetische Pc1-Pulse mit gleicher Frequenz wie das menschliche Herz entstehen. Zusammen mit anderen Einflussgrößen wie Temperatur und Sonnenscheindauer könnte eine Korrelation zwischen dem Auftreten von Pc1-Pulsen und der Anzahl von Notarztrufen bestehen. Bis zu 30 Prozent der Notarztrufe wegen akuter Herzprobleme oder eines Gehirnschlags von 1979 bis 1981 in Moskau und Bulgarien könnten mit vermehrt aufgetretenen Pc1-Pulsen korrelieren. Während ein gesundes Herz einen variablen Rhythmus hat, schlägt ein durch Pc1-Pulse manipuliertes Herz quasi mit einem aufgezwungenen Rhythmus, der schlimmstenfalls zum Herzinfarkt führt.
Der Planet Erde umrundet sein Zentralgestirn mit etwa 107.000 Stundenkilometern. Bei einer zwei Prozent geringeren Geschwindigkeit würde er in die Sonne stürzen. Vorher würden die Kontinente sich nach einem halben Jahr in Wüsten mit einer Durchschnittstemperatur von 300 Grad Celsius verwandeln. Durch den ansteigenden Meeresspiegel verschwänden immer mehr Inseln und Küstenstädte. Irgendwann wären die Ozeane verdampft. Die Erde wäre nicht mehr bewohnbar. Die Sonne ist bisheriger Garant und potenzieller Vernichter der Lebenswelt.
Der Mond entstand nach der Megakollision eines marsgroßen Himmelskörpers mit der frühen Erde. Die von der Erde weggeschleuderten Gesteine und Staubwolken formten sich teilweise zum Mond. Etwa 16 Prozent der Mondoberfläche entfallen auf Einschlagkrater, die sich teilweise über mehr als 500 Kilometer erstrecken. Namensgeber der zirka 100 Kilometer großen Krater Cyrillus, Theophilus und Catharina waren zwei Patriarchen und eine Astronomin aus Alexandria, deren Tötung in frühchristlicher Zeit Cyrillus anstiftete. Jährlich landen zirka 260, mindestens ein Kilogramm schwere Brocken auf dem Mond. Die oberste Schicht wird von ihnen alle 80.000 Jahre umgepflügt. Manche Geschosse erzeugen Lichtblitze durch starke Erhitzung von felsigem Gestein im Mondboden. Beim Einschlag größerer Geschosse verflüssigt sich das Mondgestein und Krater mit Zentralberg entstehen. Tausende Kilometer lange, helle Wirbel mit eigenem Magnetfeld in der Mondoberfläche stammen von Stoßwellen, die bei Einschlägen auf der gegenüberliegenden Seite erzeugt wurden und den Trabanten durcheilten.
Beim Aitken-Bassin handelt es sich um einen bis zu 2.100 Kilometer messenden Impaktkrater, der zu den größten Einschlagbecken im Sonnensystem zählt. In ihm liegen kleinere Krater mit zum Teil noch kleineren im Inneren. Vermutlich prallte ein Geschoss mit magnetischem Material schräg auf den Mond und erzeugte das elliptische Becken. Laut der Verteilung und Datierung der Impaktkrater auf der West- und Ostseite könnte der Impakt den Mond vor 3,9 Milliarden Jahren um 180 Grad gedreht haben. Vor 3,8 Milliarden Jahren traf ein 64 Kilometer großes Geschoss den Mond und schleuderte zirka 5,7 Millionen Kubikkilometer Material ins All. Es entstand das 930 Kilometer große Mare Orientale mit drei Ringen am Kraterrand. Die Rückseite des Mondes prägen Hochland und Impaktkrater.
Durch die Gravitation des Mondes wird die Rotation der Erde verlangsamt. Dadurch verlängerte sich der Erdtag von zunächst acht mondlosen Stunden auf 24 Stunden. Ohne den Mond schlügen mehr Geschosse auf der Erde ein. Zudem wären die Erdbewohner einem Wechsel mit der Kälte einer Tiefkühltruhe und der Hitze einer Sauna ausgesetzt.
Eine mit Impaktkratern übersäte Oberfläche wie der Mond hat auch der sonnennächste Planet Merkur. Das Caloris-Becken zählt zu den großen Impaktkratern des Sonnensystems. Vor 3,8 Milliarden Jahren könnte es bei der Kollision eines etwa 100 Kilometer großen Objektes entstanden sein. Die Merkuroberfläche ist besonders an Kraterrändern dunkler als die des Mondes. Es kommt durch kristallinen Kohlenstoff (Graphit) im geschmolzenen Magma der Frühzeit, vulkanisches Gestein und Reste eingeschlagener Kometen zu Stande. Der Kern ist größer als bei den anderen Planeten des Sonnensystems. Etwa 40 Prozent des Gesamtvolumens entfallen auf den Eisenkern. Eventuell hat Merkur bei einem gewaltigen Crash den Mantel teilweise verloren. Danach erhielt er Material bei weiteren Kollisionen.
Der junge Merkur könnte der Sonne stets die gleiche Seite zugewandt haben. Ein Impakt änderte die Umdrehung. Zukünftig könnte Merkur seine elliptische Umlaufbahn durch die starke Gravitation des Jupiters verlieren, in die Sonne stürzen, mit einem anderen Planeten kollidieren oder das Sonnensystem verlassen. Ob ein Crash mit der Erde auszuschließen ist, bleibt offen. Eine kleine Bahnabweichung eines Planeten kann folgenreich fürs Sonnensystem sein.
Auch Merkurs Nachbarplanet Venus haben Kollisionen gestaltet. Eventuell entstand sie durch den Frontalzusammenstoß zweier Protoplaneten, die jeweils etwa ihre halbe Masse hatten. Da keine Gesteinstrümmer weggeschleudert wurden, entstand kein Mond. Ein Crash könnte dazu geführt haben, dass die Venus sich langsamer und andersherum als die übrigen Planeten des Sonnensystems dreht. Ein Venustag dauert etwa 117 Erdtage. Der Sonnenaufgang ist im Westen zu sehen und der Sonnenuntergang im Osten. Zunächst besaß sie eventuell Ozeane, Kontinente und Plattentektonik, was die Oberflächeninfrarotstrahlung andeutet. Bis vor 715 Millionen Jahren könnte ein lebensfreundliches Klima geherrscht haben. Bei einer Megakollision schmolz Gestein unter Freisetzung des darin enthaltenen Kohlendioxids. Die heutige kohlendioxidreiche Atmosphäre mit einer dichten Wolkendecke aus Schwefelsäure ist durchschnittlich 460 Grad Celsius heiß.
Weitere Auswirkungen der Frontalkollision könnten die relativ geringe Dichte, der kleine Eisen-Nickel-Kern und das fehlende Wasser im Inneren sein. Im heißen Kollisionskörper aus flüssigem Gestein und Gas wurde das Wasser mit Eisen chemisch zersetzt. Durch die relativ hohe Gesteinstrockenheit verschwanden die Kontinente und Plattentektonik. Heute übersäen Vulkane die Venus. Die wenigen Einschlagkrater bedürfen noch einer griffigen Erklärung.
Auf der Erde wurden die Krater von zirka 200 Impaktereignissen vor allem auf dem Festland bisher nachgewiesen. Beim Massenaussterben vor 66 Millionen Jahren durch einen über zehn Kilometer großen Brocken starben unter anderem die Dino-, Flug-, Plesio- und Mosasaurier aus. Zudem wurden die größeren Festlandwirbeltiere sowie viele Vogel-, Knochenfisch-, Weichtier- und Planktongattungen, Gruppen von Beuteltieren und die Ammoniten und Belemniten ausgelöscht. Die globale Extinktionsrate betrug etwa 75 Prozent.
Beim Aufprall des sich mit schätzungsweise 70.000 Stundenkilometern nähernden Objektes wurde die Sprengkraft von über einer Milliarde Hiroshima-Atombomben freigesetzt. Der aufgewirbelte Silikatstaub verteilte sich um den Globus und schirmte das Sonnenlicht ab, was zu einem 15-jährigen Impakt-Winter führte. Kälte und Dunkelheit attackierten die Überlebenden. Fast zwei Jahre fiel die Fotosynthese aus, so dass zahlreiche Nahrungsketten komplett kollabierten. Weitere Ursachen des Sterbens waren die beim Einschlag entstandene Hitze- und Schockwelle, Feuer von herabfallenden brennenden Brocken, riesige Tsunamis und gewaltige Erdbeben.
In Erdnähe lauern mehr als 7.000 Asteroiden und im Asteroidengürtel Hunderttausende bisher aufgespürte Brocken. Im sich über bis zu 80 Astronomische Einheiten erstreckenden Kuiper-Gürtel mit Zwergplaneten wie Pluto und Eris sind Objekte mit einer Größe von Hunderten Kilometern beheimatet. Bis zu einer Milliarde Brocken könnten sich noch weiter außen in der Oortschen Wolke aufhalten.
Der Mars demonstriert die Bedeutung eines globalen Magnetfeldes. Er hatte zu Beginn einen Ozean mit ähnlicher Konzentration von Chlorid- und Natrium-Ionen wie die Meere der Erde. Die Menge der Kalzium-Ionen war größer als die der irdischen Ozeane. Dies wurde aus der chemischen Analyse eines Marsmeteoriten abgeleitet. Gewaltige Wasserfluten schufen riesige Flusstäler. Es gab Seen und eine lebensfreundliche Temperatur. Doch vor etwa 3,9 Milliarden Jahren verlor der Mars das den Sonnenwind abschirmende Magnetfeld, was ebenfalls aus einem Marsmeteoriten zu entnehmen ist. Danach blies der koronale Teilchenstrom die Atmosphäre und das Oberflächenwasser weg. Als mögliche Ursache des Magnetfeldverlustes wird der Impakt eines großen Objektes diskutiert, bei dem eine Hitzeschockwelle durch den Planeten raste. Als die oberen Schichten so heiß wie der Kern waren, endeten die inneren Umwälzungen zum Erzeugen des Magnetfeldes.
Wie der Erdmond besitzt der Mars eine unterschiedliche Nord- und Südhalbkugel. Die kraterreiche Südhemisphäre hat eine raue, bergige und zerklüftete Oberfläche mit vielen Vulkanen. Eventuell wurde sie bereits wenige Millionen Jahre nach der Entstehung des Planeten von einem über 3.000 Kilometer großen, eisenhaltigen Impaktor getroffen. Die beim Aufprall freigesetzte Energie ließ ein riesiges Magma-Meer entstehen. Als es erkaltete, blieb die gebirgige Oberfläche zurück. Das über 2.000 Kilometer messende Hellas-Bassin mit einem Außenring von aufgeworfenem Material könnte bei einem Einschlag vor 3,9 bis 3,5 Milliarden Jahren entstanden sein.
Jährlich schlagen auf dem Mars etwa 200 Objekte verschiedener Größe ein. Beim Aufspüren junger Impaktkrater fand die Raumsonde Mars Global Surveyor zwischen 1999 und 2006 auf einer Fläche von 21,5 Millionen Quadratkilometern 20 Einschlagkrater mit einem Durchmesser von bis zu 150 Metern. Das in der Frühzeit entstandene Borealis-Becken im Norden erstreckt sich über eine Fläche, die so groß wie Europa, Asien und Australien ist. Die ellipsenförmige Vertiefung und ein eventueller zweiter Außenring lassen sich durch den Impakt eines 2.000 Kilometer großen Objekts erklären, das mit einem Winkel von 45 Grad einschlug.
Für die Entstehung der Marsmonde Deimos und Phobos mit schutthaufenähnlicher Oberfläche werden diverse Hypothesen diskutiert. Zum einen könnten zwei Asteroiden vom Gravitationsfeld des Mars eingefangen worden sein. Alternativ könnte Marsgestein bei einem Impakt weggeschleudert worden sein und die Monde gebildet haben. Die kreisförmigen Umlaufbahnen und die annäherungsweise parallel zum Marsäquator verlaufenden geringen Bahnneigungen der Monde sowie die rasche Eigenrotation des Mars lassen sich am besten durch den Einschlag eines Asteroiden auf dem Mars erklären. Bei der Bildung des Stickney-Impaktkraters auf Deimos wurde der Mond fast zerstört.
Eine außergewöhnliche Vielfalt unterschiedlicher Impaktkrater hat der Zwergplanet Ceres im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter. Der 92 Kilometer messende Krater Occator ist deutlich größer als die Krater auf der Vorderseite. Der ebene Boden des 34 Kilometer großen Kraters Haulani könnte auf einen jüngeren Impakt verweisen. Die hellen Flecken im mit Einsturzsenken und Rissen übersäten Einschlagkrater Dantu könnten Reste von Eis aus dem Inneren sein, das bei Impakten schmolz und verdampfte. Dabei blieben die Salzbestandteile auf der Krateroberfläche zurück. Große und kleine Krater sind im Inneren und in der Umgebung des Messor-Kraters lokalisiert. Offenbar fanden nach der Kraterbildung weitere Einschläge im Inneren statt. Bei den Kratererhebungen rutschte Hangmaterial übereinander.
Laut Messdaten der Raumsonde Juno und Simulationen könnte Jupiter in der Frühphase von einem größeren Objekt getroffen worden sein, das seinen Kern zertrümmerte. Zu den größten Impaktkratern des Sonnensystems gehört das Valhalla-Becken auf dem Jupitermond Callisto. Sein Durchmesser ist vergleichbar mit der des Mars-Kraters Hellas Planitia, der sich über zirka 2.200 Kilometer erstreckt und bis zu neun Kilometer in die Tiefe reicht.
Die Saturn-Ringe könnten bei einer Kollision entstanden sein, bei der ein etwa 25 Kilometer großer Mond getroffen wurde und zerbrach. Aus dem Staub und Schutt formte sich das Ringsystem mit zahlreichen Minimonden verschiedener Größe. Die kleineren des äußeren Rings sind zwischen 50 und 150 Meter groß. Den Mond Rhea umgibt eine über Tausende Kilometer sich erstreckende Scheibe aus Geröll und Staub. Er hat eventuell wie der Planet mehrere Ringe als Relikte einer Kollision, bei der große Mengen fester Materie und Gase weggeschleudert wurden. Die Gase verflogen, das Geröll und der Staub bildeten die Ringe. Der Mond Mimas wurde bei einem Impakt fast gezweiteilt. Bei Rhea und Tethys wurde die Rotationsachse bei einem Einschlag verschoben. Vergleichbares könnte sich bei Enceladus ereignet haben, der in der Südpolarregion wenige und im Norden viele Krater besitzt. Die Rotationsachse könnte bei einem Impakt um 55 Grad verlagert worden sein.
Ähnliches könnte sich bei der um 27 Grad geneigten Rotationsachse von Saturn und der um 98 Grad gegenüber der Senkrechten geneigten Achse von Uranus ereignet haben. Bei der Kollision des Zwergplaneten Pluto mit seinem Mond Charon könnten Pluto um zehn und Charon um 20 Grad gekippt worden sein. Bei den kleinen Monden Hydra, Kerberos, Nix und Styx befinden die Rotationsachsen sich fast senkrecht zu den Drehachsen von Pluto und Charon. Daher könnten Pluto und seine fünf Monde bei dem gleichen Kollisionsereignis entstanden sein. Das riesige, helle „Herz“ auf Plutos Oberfläche könnte mit der Tiefebene „Sputnik Planitia“ bei einem schrägen, relativ langsamen Impakt eines 700 Kilometer großen Geschosses aus Eis und Gestein entstanden sein.
Weitere Vorzeichen der jetzigen Wiederkunft Jesu sind die erdnahen Vorbeiflüge von Asteroiden aus dem Gürtel zwischen Mars und Jupiter und dem Kuiper-Gürtel im äußeren Sonnensystem, Scharen fern lauernder dunkler Kometen, Milliarden in der Milchstraße vagabundierende Schurkenplaneten, Planeten verschlingende Sterne, täglich mehr als die Sonnenmasse einsaugende supermassive Schwarze Löcher, über zehn Kollisionen der Milchstraße mit anderen Galaxien und die beim Zusammenstoß zweier Galaxien entstandene Andromeda-Galaxie in kosmischer Nachbarschaft, die in Richtung der Milchstraße mit 120 Sekundenkilometern unterwegs ist, sie in ungefähr 3,9 Milliarden Jahren durchdringen wird, sich von ihr entfernen und irgendwann in ferner Zukunft mit ihr verschmelzen wird.
Von der immensen Fülle stellarer Schwarzer Löcher mit unersättlichem Appetit auf Sterne, Planeten, Monde, Gaswolken und Licht sind BH1, BH2 und BH3 mit zehn, neun und 33 Sonnenmassen 3.800, 1.560 und 2.000 Lichtjahre entfernt. Laut kosmologischer Theorie könnte sich ein stellares Schwarzes Loch sogar im Inneren der Sonne verbergen. Es entstand innerhalb der ersten Sekunde nach dem Urknall mit der Größe eines Asteroiden oder Mondes und wuchs danach beim Einfangen kosmischer Materie. Zusammen mit den übrigen Exemplaren in Sternen unter anderem in Kugelsternhaufen und lichtschwachen Zwerggalaxien könnten diese so genannten primordialen Schwarzen Löcher die Wirkung der Dunklen Materie erklären. Zudem könnten sie die Existenzdauer der aufgesuchten Sterne verlängern, sie im Laufe der Zeit aber aufzehren, so dass sie irgendwann als primordiale Schwarze Löcher mit untersolarer Masse enden. Woraus die Dunkle Materie besteht, ist noch offen. Eventuell sind es die möglichweise existierenden Weißen Löcher, die entstehen, wenn ein Schwarzes Loch genug Materie aufgenommen und bis zur Grenze komprimiert hat und danach nur noch Einverleibtes abgibt.
Am 27. Dezember 2004 wurde die Erde vom Energie-Blitz einer starken Gammastrahlung getroffen. Die hochenergetische, sich mit Lichtgeschwindigkeit nähernde Schockwelle stammte von einem Neutronenstern mit extrem starkem Magnetfeld (Magnetar) im Sternbild Schütze. Der zirka 20 Kilometer große Magnetar schleuderte in einer Fünftel Sekunde etwa die gleiche Energiemenge ins Universum wie die Sonne in Hunderttausenden Jahren. Vor dem Erreichen der Erde wurde die Ionosphäre von der Gamma- und Röntgenstrahlung einige Kilometer nach unten gedrückt. Bei geringfügig anderer Annäherungsrichtung hätte das Krebsrisiko durch die Strahlenfront zugenommen.
Starke Gammastrahlung kann die Ionisierung der Atmosphäre schlagartig erhöhen und so die Ozonschicht weitgehend zerstören. In den vergangenen Jahrzehnten wurde täglich mindestens ein Gammastrahlenausbruch registriert. Die Explosion eines Magnetars in der Nähe des Sonnensystems würde die Erde verwüsten. Eventuell löste vor 2,6 Millionen Jahren die erhöhte Strahlenbelastung einer Supernova eine marine Krise aus, bei der zirka ein Drittel der größeren Meerestiere wie der bis zu 20 Meter lange Riesenhai Megalodon ausstarben.
Das Magnetfeld, das die Atmosphäre festhält und die Lebewesen vor hochenergetischen Teilchen aus dem All schützt, unterliegt derzeit einer Abschwächung, bei der es in den vergangenen 200 Jahren zehn Prozent an Stärke verlor. Der magnetische Nordpol wandert mit zunehmender Geschwindigkeit in Richtung Sibirien. 1831 lag er in der kanadischen Arktis, 2018 überquerte er die Internationale Datumsgrenze in die östliche Hemisphäre. Von 2010 bis 2020 bewegte er sich viermal schneller als im Zeitraum der Messung davor. Ob es zu einer Umpolung kommt, ist offen. In der Vergangenheit tauschten die magnetischen Pole Hunderte Mal ihre Position. Bipolare Umpolungen finden unregelmäßig statt, aus statistischer Sicht in einigen 10.000 bis zu einigen Millionen Jahren, wobei der Mittelwert der letzten 20 Millionen Jahre 100.000 bis 250.000 Jahre betrug. Lava-Ablagerungen legen eine kurze Dauer von etwa 100 Jahren, andere Daten ungefähr 4.000 Jahre nahe. Davor könnte etwa 18.000 Jahre eine instabile Phase bestehen.
Gegen Ende einer magnetischen Umpolung entstehen „komplexe Tänze“ ausführende Nord- und Südpole. Wenn die miteinander verschmelzenden Pole einen stärkeren bipolaren Pol bilden, nimmt die Magnetfeldstärke um bis zu 90 Prozent ab, wodurch die Atmosphäre wesentlich stärker dem Sonnenwind und dem Strom hochenergetischer Teilchen ausgesetzt ist. Mögliche Auswirkungen sind unter anderem eine erhöhte Mutationsrate und Störungen der Kommunikationssysteme und Stromversorgung. Diskutiert wird, ob eine Kälte- oder Wärmeperiode entstehen könnte.
Bei der Flutwellenkatastrophe vom 26. Dezember 2004 in Südostasien zeigte sich, dass ruckartige Erdbewegungen bei Seebeben Tsunamis erzeugen können, durch die Hunderttausende Menschen sterben, Millionen ihr Zuhause verlieren und gravierende ökologische Schäden eintreten. Flutwellen, die sich mit Atombomben-Gewalt ausbreiten und vor der Küste auftürmen, können in kurzer Zeit weiträumige Verwüstungen anrichten.
Die bis zu 30 Meter hohe Flutwelle entstand, als die Indische Kontinentalplatte sich unter die Birmanische Platte auf einer Länge von 1.300 Kilometern schob. Dabei suchten die Kompressionskräfte einen Ausgang und das Gestein schnellte bis zu 15 Meter hoch. Die freigesetzte Energie des Seebebens entsprach der Sprengkraft von 23.000 Hiroshima-Atombomben. Mehrere Inseln der Andamanen und Nikobaren versanken im Meer. Vor Sumatra hoben sich Inseln bis zu zwei Meter. Die thailändische Ferieninsel Phuket wurde um 27 Zentimeter verschoben. Die Position der Erdachse veränderte sich um sieben Zentimeter und die Tageslänge nahm durch den Drall auf die Rotation minimal ab. Bei einem Nachbeben mit der Stärke 8,7 am Ostermontag 2005 starben etwa 2.000 Menschen, die vor allem von einstürzenden Häusern erschlagen wurden.
Ein Seebeben mit der Stärke 7,7 erzeugte am 17. Juli 2006 einen vier Meter hohen Tsunami, durch den auf der indonesischen Insel Java über 500 Personen starben. Besonders betroffen war der Urlaubsort Pangandaran. Mehr als 50.000 Indonesier waren vorübergehend obdachlos. Am 22. Dezember 2018 überrollte eine drei bis zehn Meter hohe Flutwelle die Küstenregionen der Sundastraße. Über 400 Menschen starben. Auslöser war ein Bergrutsch beim Vulkan Anak Krakatau zwischen Java und Sumatra. Bei der Explosion verlor er zwei Drittel der Höhe. Im nahen Umfeld waren die Tsunamis bis zu 150 Meter hoch.
Von den sieben der zehn schwersten Erdbeben im 20. Jahrhundert ereigneten sich fünf von 1950 bis 1965 am Pazifiknordrand. Bei starken Erschütterungen der Erdkruste können die angrenzenden tektonischen Platten so heftig unter Druck gesetzt werden, dass eine geringe Erschütterung Verwerfungen auslöst. Eine Störungszone mit heftiger Spannung zwischen zwei Erdschollen befindet sich 500 bis 600 Kilometer südlich vom Epizentrum des Osterbebens bei den Mentawai-Inseln. In der Region ereignet sich statistisch alle 230 Jahre ein heftiges Beben mit Tsunamibildung. Im November 1952 erreichte ein heftiger Tsunami die russische Halbinsel Kamtschatka, im März 1957 die Aleuten-Insel Andreanof, im Mai 1960 die chilenische Hafenstadt Valdivia und am Karfreitag 1964 die Küste von Alaska. Beim Seebeben vor Chile entstand eine bis zu 50 Meter hohe Flutwelle, die 15 Stunden später die 6.800 Kilometer entfernte Stadt Hilo auf Hawaii durch bis zu zehn Meter hohe Brecher verwüstete. In den Monaten danach brachen in Chile fünf Vulkane aus. Der 67 Meter hohe Wellenberg vor Alaska zerstörte 80.000 Quadratkilometer am Valdez Inlet. Nach den Erdstößen auf Kamtschatka, vor Chile und Alaska waren einige Vulkane über Jahre aktiver. Alaska wird öfter von Tsunamis heimgesucht. 1958 raste Meerwasser durch den Druck einer Flutwelle bis zu 550 Meter in der Lituya Bay die Hänge hinauf. Am 17. Oktober 2015 stürzten 180 bis 200 Millionen Tonnen Gestein innerhalb einer Minute in den Taan-Fjord. Ein Tsunami raste die Hänge hinauf und knickte Bäume bis in 190 Meter Höhe um.
26.000 Menschen starben 1896 durch eine Flutwelle, welche die japanische Küste bei Sanriku überrollte, ungefähr 36.000 Personen 1883 durch eine Flutwelle beim Ausbruch des indonesischen Vulkans Krakatau und über 60.000 Einwohner Lissabons 1775 durch drei Flutwellen. Beim Krakatau-Ausbruch stieg eine Aschewolke bis zu 38 Kilometer in die Höhe und reduzierte jahrelang das Sonnenlicht. Über Indien schien eine blau-grüne Sonne. Ein Tsunami raste auf die Küsten benachbarter Inseln zu und umrundete vier Mal den Globus. Krakatau und knapp 300 andere Orte wurden vollständig zerstört.
Die maximal 15 Meter hohen Flutwellen von Lissabon entstanden durch ein Seebeben mit der Stärke 8,5 bis 9, das sich am 1. November 1755 in der Nähe des Golfs von Cadiz ereignet haben könnte. Dabei rissen Schiffe bis nach Schweden aus der Verankerung. Der gestiegene Pegel des Flusses Tejo überflutete schlagartig die tiefer gelegenen Teile Lissabons. Die meisten Gebäude verbrannten bei einer Feuersbrunst. Lissabon wurde zu 85 Prozent zerstört. Seismische, sedimentologische und geotektonische Daten zwischen Marokko und Spanien verweisen auf eine erdbebenaktive Zone, die alle 1.500 bis 2.000 Jahre die angestaute Energie freisetzt. Vor dem Hafen von Cadiz liegen marine Ablagerungen eines Tsunamis, der die Region 2.000 Jahre vorher heimsuchte.
Mindestens 300 durch Beben ab der Stärke 6 ausgelöste Tsunamis erreichten die mediterranen Küsten in den zurückliegenden 4.000 Jahren, unter anderem um 1600 v. Chr. Santorini, 373 v. Chr. Helike und 1303 Rhodos. Bei den Explosionen des Vulkans Thera auf Santorini ging ein Großteil der Insel bei Kratereinstürzen verloren. Magma schichtete sich bis zu 50 Meter hoch. Die östliche Mittelmeerregion war mit Asche bedeckt. Tsunamis überrollten mehrere Küsten und trugen zum Untergang der Minoischen Kultur auf der Insel Kreta bei. Auch Olympia war von Tsunamis betroffen. Dies belegen Ablagerungen über der Kult- und Sportstätte. Die bis zu acht Meter hohe Sedimentschicht über Olympia mit Muschelschalen, Schneckengehäusen und Foraminferen-Resten könnte durch einige verheerende Meeresfluten entstanden sein.
Der Geschichtsschreiber Ammianus Marcellinus berichtet, 365 habe eine Flutwelle Zehntausende Opfer im östlichen Mittelmeer gefordert. Von der Adriaküste bis zum Nildelta zerstörte ein Tsunami weite Küstenstreifen. In Alexandria starben etwa 5.000 Personen. Der Auslöser könnte ein Seebeben mit der Stärke 8.0 bis 8.5 westlich der Insel Kreta nahe der Subduktionszone gewesen sein, bei dem der Meeresboden sich abrupt über zehn Meter hob. Die Flutwelle erreichte den Peloponnes nach einer halben Stunde und eine Stunde später Alexandria, Sizilien und Kroatien. Zwischen 1801 und 1956 gab es etwa 40 Tsunamis im östlichen Mittelmeer. Die Mehrzahl entstand bei Seebeben, bei denen die afrikanische Platte sich unter die eurasische schob. 1956 verwüstete eine gewaltige Flutwelle die Kykladeninsel Amorgos.
Ein weiteres Tsunamigebiet befindet sich vor der Südküste von Sizilien. Selinunte wurde im 4. Jahrhundert vermutlich von einem Wellenberg verwüstet. 1908 suchte eine bis zu zehn Meter hohe Flutwelle die Region von Messina heim und zerstörte 90 Prozent der Gebäude. Zirka 100.000 Personen starben auf Sizilien und in Kalabrien in Folge der Eruption eines Unterwasservulkans bei einem Beben in der Straße von Messina. Der größte Unterwasservulkan Europas liegt vermutlich südlich von Italien. Das Massiv des drei Kilometer hohen Il Marsili erstreckt sich über 2.600 Quadratkilometer und liegt 500 Meter unter der Wasseroberfläche. 40 Kilometer vor Sizilien schlummert der Unterwasservulkan Ferdinandea. Ein im Ligurischen Meer entstandener Tsunami könnte die Côte d’Azur verwüstet haben.
Von den Tsunamis im Mittelmeer sind besonders Griechenland und Italien betroffen. Durchschnittlich wird die Mittelmeerregion pro Jahrhundert einmal von einer zerstörerischen Flutwelle heimgesucht. Historische Daten legen nahe, dass die Westküste von Griechenland zirka alle acht bis elf Jahre von einem Tsunami überflutet wurde. Würde das „Messina-Beben“ sich heute östlich von Sizilien oder südlich von Kreta ereignen, wären schätzungsweise 130 Millionen Menschen mit verschiedenem Ausmaß betroffen. Beim relativ kleinen Mittelmeer ist die Zeit für Evakuierungen zu knapp. Ein bei einem Beben mit der Stärke 7 südlich von Kreta gebildeter Tsunami würde die Insel nach vier Minuten und die Küsten des südlichen Griechenlands nach 30 Minuten erreichen.
In der Karibik gab es seit 1492 zirka zehn gewaltige Tsunamis. 1946 starben etwa 1.800 Personen. Den Süden von Peru und Norden Chiles könnte aus statistischer Sicht ein verheerender Tsunami etwa pro Jahrhundert treffen. 1877 überrollte eine 24 Meter hohe Flutwelle die Küste im Norden Chiles. Bei der Cascadia-Subduktionszone etwa 80 Kilometer vor der Westküste der USA handelt es sich um eine Verwerfung, die bei einem heftigen Seebeben jederzeit einen Tsunami auslösen kann, der die US-Küste in wenigen Minuten erreicht. Das Frühwarnsystem im Pazifik wäre weitgehend nutzlos, da die Menschen in den küstennahen Unterkünften nicht rechtzeitig gewarnt und evakuiert werden könnten.
Die Erde ist ein Planet mit innerer Dynamik und zerrissener Kruste. Sieben große und mehrere kleine Platten bilden die Oberfläche. Wenn zwei gleitende Platten sich verhaken, kann die Spannung sich ruckartig auflösen. Beim Auseinanderdriften kann die Erdkruste aufreißen und Magma austreten. Tsunamis entstehen meistens an Stellen, an denen eine Platte unter eine andere taucht. Die seismisch aktiven Gebiete liegen überwiegend unter Wasser. Im Durchschnitt findet global alle 15 Jahre eine Verwerfung mit Tsunami-Bildung in einem Meer statt.
In Folge der zunehmenden Erwärmung der Meere können mehr gefährliche Hurrikans entstehen und zu Umweltkatastrophen führen. Die höhere Temperatur ist eine Hauptursache für das Zustandekommen extrem heftiger Wirbelstürme, die im Indischen Ozean als Zyklone, an den Küsten Amerikas als Hurrikans und im asiatischen Raum als Taifune bezeichnet werden. So entstanden 2004 beim Hurrikan „Ivan“ im Golf von Mexiko bis zu 40 Meter hohe Wellenberge. 2005 überfluteten bis zu zehn Meter hohe Wellenwände beim Tropensturm „Katrina“ die Jazz-Metropole New Orleans zu 80 Prozent. Ein Gebiet von der Größe Großbritanniens stand unter Wasser, so dass die Katastrophenhilfe überfordert war. Zirka 1.400 Menschen starben. Der Sachschaden betrug über 75 Milliarden Dollar.
Vom mit bis zu 290 Stundenkilometern rasenden Wirbelsturm „Larry“ wurden 2006 Teile im Nordosten Australiens verwüstet. Tausende Häuser wurden unbewohnbar, und das zu den „Sieben Weltwundern der Natur“ gehörende Great-Barrier-Korallenriff war beschädigt. Ein Jahr vorher entstanden Schäden beim Korallenriff „Ingrid“ auf einer Länge von etwa 160 Kilometern. Von 1996 bis 2005 erhöhte die Erwärmung des Nordatlantiks die Hurrikanaktivität um 40 Prozent. Die Hurrikans den höchsten Kategorien vier und fünf mit Windgeschwindigkeiten von über 211 Stundenkilometern haben sich von 1974 bis 2004 fast verdoppelt. Da die Wassertemperatur im Golf von Mexiko in den nächsten Jahrzehnten im Sommer bis über 30 Grad Celsius ansteigen könnte, werden die Hurrikans heftiger sein.
Hurrikans könnten die Tsunamibildung begünstigen und im Jahr danach die Giftalgenblüte in Küstennähe verstärken. Wenn sie unter Wasser viel Material umlagern, können Wellenberge durch abrutschende Unterwasserabhänge entstehen. Beim Hurrikan „Ivan“ wurde eine Fracht von etwa 100 Millionen Kubikmetern am Kontinentalabhang vor dem Mississippi-Delta abgelagert.
Das Entstehungsgebiet der Hurrikans erstreckt sich nördlich des Äquators vor Afrika. Früher zogen sie als Tiefdruckgebiete nach Westen, nahmen an Stärke zu und erreichten die Karibik oder die Ostküste der USA. Doch 2004 zog der erste Hurrikan über die Südhalbkugel nach Brasilien. 2005 erreichte „Vince“ das spanische Festland und „Delta“ zog zu den Kanarischen Inseln. Durch den Klimawandel ändern sich die Zugbahnen von Hochdruck- und Tiefdruckgebieten und die typischen Eigenschaften der Jahreszeiten.
Von 1980 bis 2010 verdreifachte sich die Häufigkeit von Naturkatastrophen, besonders wegen klimatischer Faktoren. Laut Bericht der Weltwetterorganisation der Vereinten Nationen von 2020 haben die klima- und wetterbedingten Katastrophen sich global in den fünf Jahrzehnten davor nahezu verfünffacht. 2004 starben zirka 245.000 Personen bei Naturkatastrophen, 2008 mehr als 238.000 und 2010 ungefähr 300.000. Der Sachschaden versechsfachte sich innerhalb von drei Jahrzehnten. 2023 und zuvor in anderen Jahren betrug der wirtschaftliche Schaden über 200 Milliarden Dollar.
Derzeit leben eine Milliarde Menschen in Regionen zukünftiger Jahrhundertfluten. Bis 2080 könnten Dutzende Millionen von Afrikanern von Küstenüberflutungen betroffen sein. In Kalifornien kann bei einem Jahrhunderthochwasser Ähnliches wie in New Orleans passieren. Das Sacramento-Delta bei Los Angeles liegt zum Teil über sechs Meter unter dem Meeresspiegel. Eine Überflutung wird zunehmend wahrscheinlicher, da die Region zu jenen mit dem höchsten Erdbebenrisiko zählt.
Um das Jahr 1970 ereigneten sich global etwa 30 verheerende Überschwemmungen pro Jahr, danach im Durchschnitt 130. Besonders Küstenstädte ziehen die Naturkräfte zu sich. Straßen können die Sturmböen kanalisieren und beschleunigen, und Niederschläge können kaum versickern und zu reißenden Fluten werden. In Großstädten ist die Temperatur höher als im Umland, wenn grüne Parkanlagen fehlen. In heißen Monaten kommt es zu mehr Herz-Kreislauf-Problemen. 2003 starben 35.000 Menschen wegen extremer Hitze, einige hundert am 12. August in Paris.
Die Kanaren-Inseln La Palma, Teneriffa und El Hierro waren in den vergangenen 20.000 Jahren jeweils mindestens hundertmal Schauplatz einer Vulkaneruption. Von La Palma könnte im Westen bei einer leichten Eruption die fast 500 Milliarden Tonnen schwere, eingerissene Steilflanke der 14 Kilometer langen Vulkankette Cumbre Vieja in den Atlantik stürzen. Dabei würde sich ein bis zu 900 Meter hoher Wellenberg bilden, der mit über 700 Stundenkilometern zuerst die benachbarten Inseln, nach einer Stunde als 100 Meter hoher Tsunami die Küste Marokkos und nach über acht Stunden als zehn bis 20 Meter hoher Brecher die Ostküste der USA erreichen würde. Zehntausende Opfer könnten allein in New York zu beklagen sein. An die Küsten Englands würden bis zu sieben Meter hohe Flutwellen donnern.
Vergleichbares könnte passieren, wenn auf Teneriffa die zum Meer ausgerichtete Flanke des 3.718 Meter hohen Berges Teide bei einem Erdbeben wegrutschen würde. In den vergangenen Jahrhunderten ereigneten sich Flankenabbrüche am Teide. Satellitenaufnahmen belegten in den 1990er Jahren, dass der Teide in sich örtlich um mehrere Zentimeter ausbeulte. Die Anzahl und Stärke der Beben nahm seit 2004 zu. Größere aus dem Vulkan austretende Gasmengen könnten auf aufsteigendes Magma hinweisen. Auf El Hierro donnerte vor 120.000 Jahren der Nordwestteil des 1.500 Meter hohen Vulkans in den Atlantik.
Weitere Regionen mit Tsunami-Bildung durch Vulkaneruption oder Hangabbruch liegen vor Indonesien, im östlichen Pazifik und in der nördlichen Karibik. Der Indonesische Feuergürtel mit bis zu 150 Vulkanen zählt zu den aktivsten Vulkanansammlungen. Auf Hawaii bröckeln 5.000 Kubikkilometer Gestein und Geröll der Südostflanke des Vulkans Kilauea langsam ab. Über 25 Flankenabbrüche gab es auf der Inselkette in den vergangenen fünf Millionen Jahren. Bei den Hawaii-Inseln ereignen sich Vulkanabbrüche alle 100.000 bis 200.000 Jahre. Global bricht alle 10.000 Jahre eine Flanke mit zerstörerischer Flutwelle ab.
Über 100 Calderen von Vulkan- und Supervulkanausbrüchen snd heute bekannt. Sie entstanden, wenn die Magmakammern sich entleerten, der Raum kollabierte und eine Absenkung zurückblieb. Zu den größten zählt die Yellowstone-Caldera. In Nordamerika ergossen sich einige Magmakammern. Dabei wurde vor 780.000 Jahren im Long Valley so viel Material ausgeschleudert, dass in wenigen Stunden eine zentimeterdicke Ascheschicht den Westen der USA bedeckte. Vor zwölf Millionen Jahren brach der Bruneau-Jarbridge in Idaho aus und begrub weite Teile der USA unter Asche. Die Region des Yucca Mountain in Nevada wurde vor fast 13 Millionen Jahren unter glutheißen Aschelawinen begraben. Im Westen ereigneten sich heftige Vulkaneruptionen vor 16,5 Millionen Jahren. Wegen gewaltiger Lavaströme und bis zu 305 Milliarden Tonnen freigesetzter Schwefelgase im Gebiet des Columbia-Flutbasalts könnte die Temperatur global gefallen sein. Mächtige Ablagerungen im Westen Nebraskas könnten von einer Vulkankatastrophe vor zirka 28 Millionen Jahren stammen.
Auch in Mittel- und Südamerika waren Menschen verheerenden Eruptionen ausgesetzt. Bis zu 100.000 Mayas und Personen anderer Volksgruppen starben in Mittelamerika ab 536 nach einem Vulkanausbruch. Aschepartikel verdunkelten den Himmel, so dass die Temperatur über Monate fiel. Sogar in Europa, im Nahen Osten und in Ostasien waren Menschen betroffen. In China fiel Schnee im Sommer. Analysen von Baumringen und Eisbohrkernen weisen auf eine Misere hin. Dichter Nebel schwächte den Einfall des Sonnenlichts über der Nordhalbkugel ab. Missernten führten zu Hungersnöten. Mögliche Auslöser sind der Ilopango in El Salvator, der Krakatau in Indonesien, der Tavurvur auf Papua-Neuguinea, ein äquatornaher Ausbruch und ein isländischer Vulkan.
Danach könnte durch weitere Eruptionen die ohnehin niedrigere Temperatur im Sommer um zwei weitere Grad Celsius gefallen sein. Kälte und Hunger prägten den Alltag. Das mehrjährig reduzierte Sonnenlicht führte zu einem Vitamin-D-Mangel mit geschwächtem Immunsystem. Während der Regierung des oströmischen Kaisers Justinian brach 541 die Pest aus. Der bakterielle Erreger konnte sich leicht ausbreiten und Infizierte dahinraffen. Um zu überleben, verließen viele die Heimat. Bei der Pest könnten mehr Menschen als im Ersten Weltkrieg mit der anschließenden Grippe-Pandemie gestorben sein. Heute begünstigen die hohen Einwohnerzahlen von Großstädten und der Tourismus die rasante Ausbreitung lebensbedrohlicher Infektionen. Hoch infektiöse Viren, therapieresistente Bakterien und potenziell tödliche Hefe- und Schimmelpilze belegen die Gefährdung der Menschheit.
Als vor 8,1 Millionen Jahren die Vilama-Caldera auf einer nordargentischen Hochebene entstand, könnte Material von bis zu 2.000 Kubikkilometern in die Atmosphäre gelangt sein. Die Erdkruste stürzte Hunderte Quadratkilometer ein. Ein Supervulkan in Bolivien könnte das Uturuncu-Massiv sein. Der letzte Ausbruch könnte vor knapp 300.000 Jahren stattgefunden haben. Aufnahmen von Radarsatelliten zeigen leichte Beben und Anhebungen des Bergkegels über der zirka 20 Kilometer messenden Magmakammer. Auf Eruptionen könnten auch Calderen wie Cerro Guacha, Capina, Coruto und Pastos Grandes verweisen. In den Anden befindet sich vermutlich eine bisher kaum erforschte Supervulkan-Wiege.
Zwei Supervulkane im Mittelmeer sind die Magmakammer bei der Insel Kos und die westlich von Neapel gelegenen Phlegräischen Felder, die den Vesuv speisen und zu den gefährlichsten geotektonischen Gebieten der Erde zählen. Beim Ausbruch von 1538 entstand in einer Woche der 132 Meter hohe Vulkankrater Monte Nuovo. Bodenaufwölbungen, Erschütterungen, Ausgasungen und eine steigende Temperatur der Wasserdampffontänen könnten Vorzeichen einer weiteren Eruption sein. Durch die aufgebaute Energie dehnt und destabilisiert sich das Gestein vor allem seit 2005. Bei einer Eruption würde die Region um Neapel verwüstet. Tsunamis zerstörten Städte und Ortschaften. Wegen der Dunkelheit käme die Landwirtschaft weiträumig zum Erliegen. Millionen würden vermutlich ihre Heimat verlassen.
Der Ablauf einer Supervulkaneruption wurde beim Toba in Indonesien ansatzweise rekonstruiert. Zuerst verliert eine Erdplatte in über 100 Kilometer Tiefe Wasser durch den Druck des darüberliegenden Gesteins. Das aufsteigende heiße Wasser lässt teilweise das Gestein in über 30 Kilometer Tiefe zu Magma werden. Eine stabile Gesteinsplatte hält die einem Kubus mit fast 37 Kilometer Kantenlänge entsprechende Magmamenge so lange fest, bis der Gesteinsbrei mit Hilfe des Gases in ihm ausbricht.
Dass irgendwann ein Supervulkan wieder ausbrechen wird, ist eine Gewissheit. Statistisch ereignet es sich im Durchschnitt alle 17.000 Jahre. Dabei wird er mindestens tausendmal mehr Material als der Mount St. Helens 1980 ausspucken. Der Versuch, Supervulkaneruptionen mit technischen Verfahren zu verhindern, hatte noch keinen Erfolg. Einer Mega-Eruption würden gravierende Herausforderungen wie Lebensmittelknappheit, Flüchtlingsströme und Wirtschaftskrisen folgen.
Die vorgestellten Zeichen verweisen auf das jetzige Wiederkommen Jesu. Er bemerkte dazu: „Wenn ihr die ersten Anzeichen von alldem bemerkt, dann richtet euch auf und erhebt freudig euer Haupt: Bald werdet ihr gerettet“ (Lk 21,28). Laut Hebräerbrief wird Jesus beim zweiten Erscheinen als Retter zu den ihn Erwartenden kommen (vgl. Hebr 9,28).
In vorchristlicher Zeit weissagte der Prophet Maleachi zum „großen und furchtbaren Tag des Herrn“, dass jenen, die Gott lieben und ihr Handeln an seinen Geboten ausrichten, die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen und ihre Flügel Heilung bringen wird. Sie werden Freudensprünge wie junge Stiere machen (vgl. Mal 3,20).
Gemäß Erstem Timotheusbrief wird Jesus beim Erscheinen zur vorherbestimmten Zeit als der einzige Herrscher, der König der Könige und Herr der Herren erscheinen (vgl. 1 Tim 6,14f). Sodann wird es auf der „neuen Erde“ gerecht zugehen.


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