Was Fakten über die Geschichte der Lebewesen verraten

Charles Darwin zählt zweifelsfrei zu den genialen Naturforschern, denen Anerkennung und Dank gebühren. Durch seine sorgfältig durchgeführten Studien zur Veränderlichkeit der Arten beeinflusste er nachhaltig die biologische Sicht der Geschichte der Lebewesen. Über den Sprengstoff der von ihm publizierten Evolutionstheorie war er sich voll und ganz im Klaren. Vor der Veröffentlichung teilte er dem befreundeten Botaniker Joseph Dalton Hooker brieflich mit: „Es ist, als ob man einen Mord gesteht.“ Er kommentierte seinen inneren Zustand: „O Gesundheit, du bist mein Schreckgespenst bei Tag und bei Nacht und nimmst mir all meine Lebensfreude.“ Doch kraft der Begeisterung für die exakte Naturbeobachtung und der liebevollen Zuwendung seiner Gattin gelang es ihm, ungeachtet innerer Zerwürfnisse und blockierender Ängste seine bahnbrechenden Erkenntnisse aus Liebe zur Wahrheitsfindung öffentlich zugänglich zu machen. Heute gilt es, die Tragweite des stammesgeschichtlichen Konzeptes an Hand des nachgewiesenen Potenzials der Artenwandels zu überprüfen.

Die noch unbekannten Wurzeln und abgebrochenen Äste des Stammbaums der Lebewesen

* Wie die ersten lebenden Zellen auf der jungen Erde, einem anderen Planeten oder Mond entstanden sind, ist noch ein Rätsel der Biologie. Bislang ist es keiner Fachperson und keinem Expertenteam der präbiotischen Chemie gelungen, eine lebendige Zelle aus leblosen Molekülen in vitro zu erzeugen. Die von Louis Pasteur 1882 geäußerte Feststellung, alles Lebendige entsteht aus Lebendigem („omne vivum ex vivo“), gilt bis heute.
Zudem hat noch keine Expertin oder Experte der Medizin einen Verstorbenen wieder lebendig gemacht. Es gibt zwar diverse Zustände an der Grenze des Lebendig-Seins wie tiefgefrorene Bakterien und aerobe Mikroben, die bis zu 100 Millionen Jahre lang ihr Stoffwechselpotenzial 100 Meter unter dem Ozeangrund beibehalten haben und zur Zellteilung angeregt werden können, Amphibien und Reptilien in der Winterstarre, reanimierbare Notfallpatienten mit Herzstillstand und Schwerstverletzte mit vor dem operativen Eingriff auf 15 bis 10 Grad Celsius heruntergekühltem Körper. Die Betroffenen sind aber nicht tot. Offenbar besteht eine existenzielle Zäsur zwischen lebendig und tot sein, die noch nicht beseitigt werden konnte.

* Das fossil explosionsartige Auftauchen zahlreicher neuer Tierformen im unteren Kambrium ist ein noch nicht schlüssig gelöstes Problem der Evolutionsbiologie. In den Schichten des vor circa 539 Millionen Jahren begonnenen Kambriums findet sich eine hoch verschiedengestaltige Meeresfauna.
Zur kambrischen Tierwelt gehören fossile Vertreter der Schwämme, Nesseltiere, Rippenquallen, Platt-, Priaps-, Ringel- und Eichelwürmer, Hakenrüssler, Flügelkiemer, Armfüßer, Weich- und Hohltiere, Stachelhäuter, Gliederfüßer wie die dreilappigen, bis zu 30 Zentimeter großen Trilobiten oder die filigrane Gattung Marrella mit zwei im Kopfschild nach hinten gerichteten Stacheln, 24 bis 26 jeweils ein Paar zweiästige Gliedmaßen tragenden Körpersegmenten und gefiederten Kiemen sowie Chordatiere wie die lanzettfischchenähnliche Pikaia mit innerem Achsenstab, Kiemenspalten, zickzackartig angeordneten Muskeln und paarigen Tentakeln sowie kieferlose Fische als Wirbeltiere.

Die kambrischen Gattungen Anomalocaris (oben), Pikaia und Marrella – eine farbige Skizze der Abiturientin Isabelle Jost

Die Entstehung der bisher circa 1.200 bekannten Gattungen mit oft geografisch weiter Verbreitung lässt sich mit einem hohen Kalzium- und Sauerstoffgehalt nicht erklären. Er ist eine tierfreundliche Rahmenbedingung, stellt aber keine genetische Erklärung für die Entstehung der extrem unterschiedlichen Fauna mit mindestens 50 Klassen dar. Zudem bekundet die so genannte „Kambrische Explosion“ nicht ein ziemlich plötzliches Entstehen vieler neuer Tiergattungen, sondern ihr in Ablagerungsschichten überliefertes Sterben. Wo und wie lange die Eingebetteten bereits vorher gelebt haben, bleibt ungewiss. Dazu sagen die geologischen Schichten nichts aus.

Relikte einer fossil älteren Lebenswelt sind die nach einem Fundort in Australien benannten Ediacara-Fossilien. Lange wurde debattiert, ob die global verbreiteten Fossilien als Rieseneinzeller, Zellkolonien, Pilze, Flechten, frühe Tierstämme oder eine separate Gruppe anzusehen sind. Durch den Nachweis von Cholesterin bei der Gattung Dickinsonia aus dem Weißen Meer wurden die ab vor ungefähr 579 Millionen Jahren überlieferten Leichen 2018 als Fauna eingestuft. Dies ist unter den Fachpersonen der Paläobiologie jedoch bis heute umstritten.

Illustration der spätpräkambrischen Ediacara-Lebenswelt des Paläokünstlers John Sibbick

Ungefähr 120 Spezies sind derzeit bekannt. Dickinsonia ähnelt einer elliptischen Scheibe mit mehreren Segmenten entlang der Mittelachse. Pteridinium simplex erinnert an den Rumpf eines Bootes mit vertikal dem Kiel entlanglaufender Scheidewand. Charnia wardi gleicht einem langen Blatt mit starker Äderung. Luftmatratzenähnliche hatten variabel mit Lamellen abgesteppte Körperhüllen. Wie Farnwedel aussehende Arten waren bis zu zwei Meter lang und besaßen Stiele, an denen sie auf dem Meeresgrund verankert waren. Yorgia waggoneri könnte sich amöbenähnlich fortbewegt haben.
Die Gattungen bildeten Ökosysteme ohne typische Räuber-Beute-Beziehung, da Verletzungen noch nicht entdeckt wurden. Einige Paläontologen bezeichnen die Epoche daher als „goldenes Zeitalter mit dem friedlichen Garten von Ediacara“. Die Ernährungsweise und Fortpflanzung sind erst ansatzweise bekannt. Mund, Verdauungstrakt und After fehlen. Manche könnten Moleküle durch Osmose aus dem Wasser bezogen, andere als Filtrierer gelebt haben. Farnähnliche könnten über bis zu ein Millimeter dicke Fäden als eine Art Kolonie miteinander Kontakt gehabt haben. Mit Hilfe der Vernetzung tauschten die einzelnen Individuen eventuell Nährstoffe wie manche Pflanzen über Seitentriebe mit Ablegern aus. Alternativ wird diskutiert, ob das Geflecht aus maximal wenigen Meter langen Fäden der asexuellen Vermehrung gedient haben könnte. Eventuell könnten sie sich auch durch Knospung fortgepflanzt haben. Funisia dorothea mit den dicht angeordneten Röhren und laichartigen Gebilden pflanzte sich eventuell sexuell und asexuell fort. Die fossilen Vorfahren der Ediacara-Lebenswelt werden noch gesucht. Sie taucht fossil unvermittelt auf und ist nach der Krise im ausgehenden Präkambrium nicht mehr überliefert.
Vor dem Auftauchen der Ediacara-Fossilien endete die globale Gletscherepoche mit vermutlich drei Eiszeiten. Wie die verschiedenartigen Lebensformen unter solchen Rahmenbedingungen entstehen konnten, bedarf noch einer schlüssigen Erklärung. Der Hinweis auf eine hohe Sauerstoffkonzentration durch eine starke Algenvermehrung in Folge einer großen Mineralstoffmenge nennt eine für Tiere günstige Lebenssituation, stellt aber keine genetische Erklärung dar.

* Die anatomische und physiologische Komplexität kambrischer Tiere entspricht der von heutigen, die ihnen diesbezüglich verglichen werden können.
In den Meeren des Kambriums waren Gattungen wie Collinsium, Hallucigenia und die über ein Meter großen Anomalocariden beheimatet. Collinsium ciliosum hat vorne ein Paar wie Antennen und sechs Paar wie fein gefiederte Filtrierer aussehende Anhänge. Zudem besitzt es neun beklaute Beine zum Festhalten der Beute und 72 spitze Rückenstacheln, um vermutlich Feinde abzuwehren. Der Körperbau ist komplexer als der von rezenten Stummelfüßern, die am ehesten mit Collinsium vergleichbar sind. Beim „irren Wundertier“ Hallucigenia wurde lange debattiert, was die Ober- und Unterseite sowie das vordere und hintere Ende sein könnten. Außergewöhnlich wirken der lang gezogene Kopf, die spitzen Anhänge auf der Unter- und Oberseite sowie die üppige Bezahnung um den Mund und im Rachen. Den ihm ähnelnden Stummelfüßern fehlen die Zähnchen.
Die Gattung Anomalocaris besaß echte Kiefer, mehrere Zahnreichen, paarige Mundwerkzeuge, einen Rumpf mit elf Lappen von dreieckiger Grundform und zwei Augen auf kurzen Stielen. Mit den Facettenaugen aus jeweils bis zu 16.700 sechseckigen Einzelaugen sah der marine Räuber schärfer als fast alle heutigen Insekten. Durch Einsatz der zwei flügelförmigen Flossengebilde war er exzellent manövrierfähig. Die Fortbewegungsweise ähnelte der von heutigen Rochen. Die zwei gegliederten Mundwerkzeuge mit dornenartigen Anhängen packten die Beute und führten sie zur Mundöffnung, die wie eine Kamerablende geöffnet werden konnte. Im Mund wurde sie vermutlich wie bei einem Nussknacker zerkleinert. Eventuell dienten die Mundwerkzeuge auch als Filtrierapparat, mit dem die Nahrung wie bei Bartenwalen aus dem Wasser aufgenommen wurde. Bezüglich der anatomischen Komplexität ist Anomalocaris mit rezenten Krebsen, Spinnen und Insekten vergleichbar.
Frappierend ähnlich mit den Facettenaugen rezenter Gliederfüßer sind die Sehorgane unterkambrischer Trilobiten. Holmia kjerulfi sah mit den dicht gepackten Einzelaugen die Umgebung so scharf wie heutige Bienen. Auch die Augenleistung von Schmidtiellus reetae ähnelte der heutiger Insekten. Pigmente schirmten die etwa 100 aus einem zentralen Lichtleiterstäbchen und sieben peripheren Sinneszellen bestehenden Einzelaugen voneinander ab. Ein spezieller Bautyp kompensierte die fehlende Linse. Das zentrale Sehstäbchen wandelte die Lichtsignale in elektrische Impulse um, die zum Nervensystem zur Verarbeitung gelangten. Wie heutige Insekten sah der Trilobit die verschiedenen Helligkeitsverteilungen im Umfeld. Laut Team verfügte das Facettenauge über „eine elegante physikalische Lösung, wie man ein Qualitätsbild moderner Art entwickeln kann“. Vergleichbares lieferte die Untersuchung eines Facettenauges des 429 Millionen Jahre alten Trilobiten Aulacopleura koninckii aus dem Silur. Auch hier schirmten Pigmente die circa 200 Einzelaugen voneinander ab. Jedes hatte acht Sinneszellen, die um das zentrale Lichtleiterstäbchen gruppiert waren. Oberhalb der lang gestreckten Sehzelle waren der Licht brechende Kristallkegel, darüber die hauptsächlich aus Kalzit bestehende Linse, welche die Lichtstrahlen zum zentralen Lichtleiterstäbchen lenkte, und außen eine lidartige Schicht zum Abschatten des einfallenden Lichtes und Stabilisieren des Auges positioniert. Insgesamt ähnelten der Aufbau und die Funktionsweise denen von rezenten Bienen und tagaktiven Krebstieren, so dass die Autoren von „einer modernen Art des Komplexauges“ sprachen.
Der Nachweis hochauflösender Facettenaugen im unteren Kambrium und Silur mit gleicher Funktionsweise wie bei den heutigen Gliederfüßern entspricht nicht der evolutionsbiologischen Erwartung. Ein anatomisch komplexer Augentyp tritt zu Beginn der fossilen Überlieferung fertig auf und sein Grundaufbau blieb bis heute erhalten.
Vergleichbares zeigt sich beim Linsenauge. Zu den ältesten Tieren mit diesem Augentyp zählen die fossilen kieferlosen Fische Myllokunmingia fengjiaoa und Haikouichthys ercaicunensis aus 530 Millionen Jahre alten Sedimenten des unteren Kambriums. Eine kontinuierliche Entstehung des Linsenauges wurde fossil noch nicht entdeckt, was die Erklärungsbemühung vehement erschwert. Zu den heutigen Lebensformen mit einem Linsenauge zählen die Würfelqualle Tripedalia cystophora, die Große Pilgermuschel, Tintenfische, manche Schnecken und Ringelwürmern sowie die Wirbeltiere und der Mensch.
Die ein Zentimeter große Würfelqualle Tripedalia cystophora verfügt an den Körperecken über vier Sinneskörper mit jeweils vier Pigmentbecher- und zwei Linsenaugen. Der Brechungsindex der Linse sinkt kontinuierlich von innen nach außen, um Abbildungsfehler zu vermeiden. Die Pupille passt sich an veränderte Lichtverhältnisse an. Wie die Verarbeitung optischer Reize durch einfache Nervenstränge funktioniert, wird noch erforscht.
Bei der zu den Kammmuscheln zählenden Großen Pilgermuschel befinden sich bis zu 200 ein Millimeter große Linsenaugen am Mantelrand. Zu jedem gehören eine Hornhaut, eine doppelschichtige Netzhaut und ein dahinter positionierter Reflektorspiegel. Die vordere Netzhautschicht dient primär der Wahrnehmung von Objekten unterhalb, die hintere dem Sehen des Umfeldes oberhalb der Muschel. Der Reflektorspiegel besteht aus bis zu 30 übereinander liegenden Schichten aus flächig angeordneten, quadratischen Guaninkristallen. Ihre Kantenlänge beträgt etwa 1,23 μm und die Dicke durchschnittlich 74 nm. Der Hohlspiegel reflektiert Grün- und Blaulichtanteile auf die Brennpunkte der Netzhautschichten. Wie der Linsenaugetyp entstanden ist, gehört ebenfalls noch zu den Rätseln der Biologie.
Beim Linsenauge der Säugetiere wird das auf die vordere Netzhaut auftreffende Licht von röhrenartigen Zellfortsätzen spezieller Glia-Zellen bis zu 99 Prozent zu den Lichtsinneszellen in der hinteren Netzhaut geleitet. Die lang gestreckten, parallel zum Lichteinfall verlaufenden Zellfortsätze werden auf dem Weg zu den Stäbchen und Zapfen kontinuierlich enger. Fast jedes Lichtteilchen wird aufgefangen und ohne nennenswerte Abschwächung und Streuung zu den Lichtsinneszellen geleitet. In der Regel wird jede für das farbliche und scharfe Sehen bei Tag zuständige Zapfenzelle von einem Zellfortsatz mit Photonen versorgt. In der Nacht leitet ein Zellfortsatz die Lichtteilchen zu etwa zehn Stäbchenzellen.
Wie der zelluläre Photonentransport durch die Netzhaut entstanden ist und während der Embryonalentwicklung durch vielfach vernetzte Interaktionen zu Stande kommt, wurde noch nicht nachvollziehbar erklärt. Bevor Sehen mit einer hohen Abbildungsschärfe funktioniert, läuft während der Embryonal- und Fetalentwicklung eine komplizierte Kaskade von Prozessen auf genetischer, epigenetischer, molekularer, zellulärer, histologischer und organischer Ebene ab. Die Wahrnehmung überlebensrelevanter Umweltreize mittels Linsenauge ist nur möglich, wenn alle Entwicklungsschritte reibungslos ablaufen und die Teile bei der Fertigstellung korrekt platziert werden. Wie es durch auf den späteren Aufbau nicht ausgerichtete Mutationen entstanden ist, hat noch niemand erklärt.

Wissenschaftstheoretische Hinweise zur Deutung des Fossilfundus auf (epi)genetischer Grundlage

Laut Duden-Definition besagt die Evolutionstheorie, dass „alle Lebewesen sich aus niederen, primitiven Organismen entwickelt haben“. Demnach stammen alle heutigen Arten von primitiven Einzellern ab. Durch die stammesgeschichtliche Entwicklung sind alle Ein-, Mehr- und Vielzeller miteinander verwandt.
Die Position, die Evolution der Lebewesen sei eine Tatsache bzw. argumentativ hinreichend abgesichert, findet sich bei unzähligen Personen. Sie vertreten etwa den Standpunkt, es gäbe verschiedene Modelle der Evolutionsbiologie, die sich darin unterscheiden, in welchem Ausmaß die bei der Phylogenese beteiligten Faktoren ausschlaggebend seien, die Evolution selbst sei jedoch unstrittig. Drei exemplarische Belege:
Der österreichische Zoologe und Ethologe Konrad Lorenz gründete 1949 das Institut für Vergleichende Verhaltensforschung und erhielt 1973 den Nobelpreis. Ihm zufolge hat sich „noch nie eine von einem Mann aufgestellte Lehre als so wahr erwiesen wie die Abstammungslehre von Charles Darwin“.
Adolf Remane, Volker Storch und Ulrich Welsch, deren zoologische Studien für viele Studentinnen und Studenten der Biologie wegweisend waren, betonten 1990 im Lehrbuch Evolution: „Dass sich die unübersehbare Vielfalt der Lebewesen aus wenigen einfachsten Formen oder der einen organischen Verbindung im Laufe der Jahrmillionen entwickelt hat, daran zweifelt ein Jahrhundert nach Darwin kein Wissenschaftler mehr.“
Ein namhafter Vertreter der Synthetischen Evolutionstheorie, die das Konzept auf eine genetische Basis stellt, ist der 1904 im Allgäu geborene und 2005 in den USA verstorbene Ernst Mayr. Er wurde mit 17 Ehrendoktoraten ausgezeichnet und verfasste 26 Bücher und über 700 Artikel. In einer Schrift von 1959 zur Bedeutung von Darwins Evolutionstheorie behauptete Mayr: „Noch nie wurde ein Phänomen in der organischen Natur entdeckt, das nicht im Rahmen der modernen synthetischen Theorie der Evolution interpretiert werden kann.“ Als ihm 1999 der Crafoord-Preis durch die königlich-schwedische Akademie der Wissenschaften verliehen wurde, bemerkte Mayr: „Kein gebildeter Mensch wird die Evolutionstheorie heute noch anzweifeln. Auch wird die Evolution längst nicht mehr als Hypothese wahrgenommen, sondern als Tatsache.“ Er ergänzte: „Immer wieder entstehen neue Formen des Denkens. Die moderne Anschauung geht in fast allen Bereichen irgendwo auf darwinsche Gedanken zurück.“ Im 2003 erschienenen Buch Das ist Evolution konstatierte er: „Evolution ist der wichtigste Begriff in der gesamten Biologie. Es gibt in diesem Fachgebiet keine einzige Frage, die sich ohne Berücksichtigung der Evolution angemessen beantworten ließe.“

Naturwissenschaftliche Konzepte zur Geschichte der Lebewesen auf Basis des bisher bekannten Fossilfundus, genetischer Erkenntnisse und anderer Befunde empirischer Forschung bedürfen der ständigen Überprüfung. Da Protokolle nicht vorliegen und Fossilien keine Herkunftsschilder tragen, können nur Deutungen der Fossilüberlieferung mit dem zur Vefügung stehenden Wissen konzipiert werden. Dabei ist streng darauf zu achten, dass in biologische Konzepte nur auf Beobachtung basierende und überprüfbare Aussagen einfließen dürfen. Wird ein Modell der Lebensgeschichte als allein berechtigt, endgültig bewiesen oder als Tatsache eingestuft, verliert es den wissenschaftlichen Status und wird zur Ideologie. Laut Konsens moderner Wissenschaftstheorie kann jedes wissenschaftliche Konzept durch ein besseres ersetzt werden. Grundlegend bei biologischen Lehren sind die empirisch zu Stande gekommenen und nachprüfbaren Daten. Darwins Vorgabe zufolge bricht seine Evolutionstheorie durch den Nachweis eines Merkmals, das nicht schrittweise entstanden sein konnte, in sich zusammen.
Anthropomorphe Aussagen wie „Die Natur erfand die Meiose als Grundlage für die Sexualität“ oder „Die Evolution hat in einer experimentierfreudigen Phase die kambrische Fauna hervorgebracht“ und Erklärungen ohne Nachweis einer Kausalität wie „In der Anpassung an virale und bakterielle Krankheitserreger sehen manche Biologen den Hauptgrund, weshalb es heute zwei verschiedene Geschlechter gibt“ oder „Das neue Coronavirus SARS-CoV-2 ist durch natürliche Selektion entstanden“ sollten in biologischen Studien nicht enthalten sein. Die Personifizierung der Natur und Evolution sowie nicht begründete Behauptungen übertünchen die noch bestehenden Wissenslücken. Eine Erklärung präsentiert eine Ursache-Wirkung-Beziehung. Die Frage, wie Viren und Lebewesen oder ihre Merkmale entstanden sind, verlangt auf der biologischen Betrachtungsebene den Versuch einer Erklärung mit fossilen und genetischen Komponenten.

Derzeit kann die Lebensgeschichte erst ansatzweise rekonstruiert werden. Durch fossile Neufunde und genetische Analysen werden die vorliegenden Konzepte ständig durcheinandergewirbelt, präzisiert, korrigiert, verworfen und ergänzt. Bisher ist die stammesgeschichtliche Deutung der Fossilüberlieferung argumentativ noch nicht hinreichend abgesichert. Mit dem bislang bekannten Potenzial des Artenwandels kann sie nicht erklärt werden. Sie beeinhaltet mehr als die Erklärung der Artenvielfalt. Für die von Fachpersonen der Evolutionsbiologie geäußerte Position, die ältesten, aus leblosen Molekülen entstandenen Einzeller seien die Ururururururur…großeltern des Menschen, fehlen sowohl noch die entsprechende fossile Entwicklungsreihe als auch ein überzeugendes Erklärungsmodell der Genetik. Durch den Nachweis der Entstehung neuer Arten und Gattungen, die sich durch Aufspaltung und Hybridierung innerhalb höherer taxonomischer Gruppen bilden, wird die Bandbreite der Veränderungsmöglichkeiten der einzelnen Lebensformen deutlich, mehr nicht. Dass Füchse, Hunde, Kojoten, Schakale, Wölfe und deren Hybriden miteinander verwandt sind und demnach einen gemeinsamen Vorfahren haben, ist durch (epi)genetische Übereinstimmungen, ähnliche Merkmale und Kreuzungsbastarde belegbar. Dass aus einem hundeartigen Tier auch einmal ein nicht-hundeartiges Tier wie eine katzenartige Spezies entstehen könnte, bedarf noch eines empirischen Nachweises. Die Vertreter der katzenartigen Tiere wie die vielfältigen Arten und Gattungen der Geparden, Jaguare, Leoparden, Löwen, Luchse, Pumas, Tiger, Wild- und Hauskatzen sowie deren Mischlinge sind die Nachkommen eines gemeinsamen Katzenahnen. Daraus wird aber keine nicht-katzenartige Lebensform wie etwa eine pferdeartige Spezies hervorgehen. Aus dem in Deutschland noch auf Helgoland wachsenden Wildkohl wurden etliche Gemüsesorten wie Blumen-, Grün-, Rosen-, Rot-, Spitz-, Zierkohl, Kohlrabi und Brokkoli gezüchtet. Und aus Wildgräsern sind über 560.000 für die verschiedenen Anbauregionen geeignete Kulturweizensorten entstanden. Abertausende Mutationen sind heute bekannt. Davon sind die allermeisten selektiv neutral, nachteilig oder letal. Empirische Belege für die Entstehung eines neuen Organs oder eines neuen Stoffwechseltyps wurden bei den heutigen Lebensformen noch nicht gefunden.

Die Freiheit Andersdenkender tastet der Autor nicht an. Jede und jeder kann am phylogenetischen Deutungsversuch der Fossilüberlieferung festhalten und etwa den Standpunkt vertreten, dass die 555 Millionen Jahre alte, reiskorngroße, sich durch den Sand grabende Ikaria wariootia „der Urahn von Mensch und Schmetterling“ oder dass der 540 Millionen Jahre alte, ein Millimeter große, sackähnliche Saccorhytus coronarius mit minimonsterartigem Aussehen eines wabbeligen Wurms „unser aller gemeinsamer Ururur…opa“ sei.

Weitere Forschungsbefunde der Paläontologie und biologischer Disziplinen, die das nachgewiesene Potenzial des Artenwandels aufzeigen und die phylogenetische Deutung der Fossilüberlieferung ernsthaft in Frage stellen, werden in dem Sachbuch „Evolution vor dem Aus. Was Fakten über die Geschichte der Lebewesen verraten“ vorgestellt.
Es erschien 2020 beim Deutschen Wissenschafts-Verlag (DWV) in Baden-Baden und kostet 14,95 €.
Wer es unvoreingenommen liest, kann Impulse für eigene Einsichten finden.
ISBN: 978-3-86888-153-0

Hinweis:
Der bis November 2019 verfasste Text bedarf an manchen Stellen einer Aktualisierung, Ergänzung und sprachlichen Präzisierung. In ihn sind Hunderte von Artikeln und anderen Quellen eingeflossen.
Für Stellungnahmen und Verbesserungsvorschläge ist der Autor sehr dankbar.

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