Fünf Einschläge auf deutschem Boden

Zwei geologisch, mineralogisch und geophysikalisch nachgewiesene Impaktkrater im jetzigen Deutschland sind das Nördlinger Ries und das etwa 40 Kilometer entfernte Steinheimer Becken. Laut der Datierung von Glasgestein-Isotopen entstand der 24 Kilometer durchmessende Ries-Krater vor 14,59 Millionen Jahren. Zum Impaktor gehörte ein circa 100 großer Begleiter, der das Steinheimer Becken mit knapp vier Kilometer Durchmesser aufwarf. Es erstreckt sich bis zu 120 Meter tief in die Albhochfläche. Beim Ries-Impaktor könnte es sich um einen steinigen Asteroiden, beim Begleiter um einen Mond aus Eisen und Gestein gehandelt haben.
Der etwa ein Kilometer große Asteroid näherte sich mit 70.000 Stundenkilometern und setzte beim Aufprall die Sprengkraft von mindestens 250.000 Hiroshima-Atombomben frei. In 200 Kilometer Entfernung von der Einschlagstelle sah der Feuerball zehn Mal heller als die Sonne aus. Eine zerstörerische Druck- und Hitzewelle verbreitete sich Hunderte Kilometer weit.
Laut einem 2013 mitgeteilten Vergleich des Geowissenschaftlers und Kosmochemikers Mario Trieloff von der Universität Heidelberg kann die beim Ries-Impakt freigesetzte Energiemenge mit dem Aufschlag des Feldbergs auf der Erde bei einer Geschwindigkeit von zehn Kilometern pro Sekunde verglichen werden. Bis zu 40 Kilometer weit wurde der Boden mit Gestein bedeckt, das bis zu 100 Meter mächtig war. Als impakttypisches Produkt entstand im glutheißen Boden Suevit, ein Gemenge aus kristallinem Grundgebirge mit viel Schmelzanteilen und wenig Sedimenteinschlüssen.
Weitere Relikte der immensen Wucht des Einschlags sind 1.000 Kubikkilometer durcheinander geworfenes Gestein, bis nach Böhmen geflogene Gesteinsgläser und Hochdruckminerale wie Coesit, Riesit und Stishovit. Kennzeichnend beim Ries-Impakt sind bei Extremhitze und Anwesenheit von Wasser gebildete Minerale. Der geschmolzene Boden enthielt nach erfolgter Abkühlung und Kondensation Tonnen von Minidiamanten.
Die US-Amerikaner Edward Chao und Eugene Shoemaker belegten 1960 an Hand von Asteroidenspuren, dass das Nördlinger Ries durch einen Impakt zu Stande kam. Zwei weitere Pioniere der Krateruntersuchung sind Julius Kavasch und sein Sohn Wulf-Dietrich. 1970 sandte die Nasa die Apollo-14-Astronauten Alan Shepard und Edgar Mitchell sowie zwei Ersatzleute ins Ries, um sie mit den Gesteinsarten eines Impaktkraters vertraut zu machen.
Weitere Erkenntnisse wurden 2011 bei der Münchner Internationalen Konferenz Fragile Earth vorgestellt. Laut geologisch-mineralogischen Befunden von Experten wie Gernot Arp von der Universität Göttingen, Natalia Artemieva vom Planetary Science Institute in Tuscon (USA) und Thomas Kenkmann von der Universität Freiburg befindet sich im Gestein eine fünf Meter dicke Schmelzschicht. Vermutlich explodierte der Asteroid vor dem Einschlag und Bruchstücke pulverisierten. Eine immense Menge von verdampftem Grundwasser sprengte das Gestein größtenteils weg. Glutheiße Wasserfontänen schossen in die Höhe. Im Laufe der Zeit bildeten die Untergrundminerale mit dem in den Krater geflossenen Grundwasser einen Salzwassersee. Die heutige Schüssel entstand durch Auffüllung von Sedimenten.
Der Impakt veränderte die süddeutsche Region nachhaltig. Auswurfmassen stauten Bäche und Flüsse, die dann teilweise neue Wege einschlugen. Nordöstlich vom Krater entstand der Rezat-Altmühlsee mit der zweifachen Fläche des Bodensees. Die Fränkische Alb wurde von der Schwäbischen Alb abgesprengt. Eventuell wurden die Schwäbische Alb und der Schwarzwald herausgehoben. Zu den Auswirkungen auf die Lebenswelt liegen unterschiedliche Thesen vor. Manche Experten vermuten, dass die bis zu 150 Kilometer entfernten großen Tiere starben (Groschopf & Reiff 1986). Andere Geologen (etwa Saier 1985) stufen den Impakt als eine süddeutsche Katastrophe ein. Wieder andere (etwa Rutte 1981) halten es für möglich, dass die größeren Landwirbeltiere zwischen den Alpen und Nordeuropa ausgelöscht wurden.
Mit dem von der University of Arizona 2004 installierten Earth Impact Effects Progam können die beim Aufprall freigesetzte Energie und die möglichen Folgen je nach Größe, Dichte, Geschwindigkeit und Einschlagwinkel des Impaktors grob berechnet werden. Spiegel Online testete den Rechner, um zu erfahren, was beim Ries-Impakt heute passieren könnte. Laut der Computer-Kalkulation würden die Folgen sich bis nach Stuttgart/Nürnberg erstrecken. Der etwa 18 Kilometer große Feuerball aus brennendem Staub wäre von Stuttgart aus betrachtet 40 Mal größer als die Sonne. Eine Druckwelle würde die Fenster zersplittern, eine Hitzewelle die Flora sowie die Gebäude und Kleidung der Menschen entzünden. Verbrennungen dritten Grades träten auf. Weitere Zerstörungen würde ein etwa 20 Sekunden nach dem Aufprall entstehendes Erdbeben der Stärke 8,1 anrichten. Ungefähr zwei Minuten lang würden glutheiße Bruchstücke vom Himmel fallen. Die Umgebung des Kraters wäre von einer fast 80 Zentimeter dicken Schuttschicht bedeckt.
Nach der Internationalen Konferenz Fragile Earth von 2011 in München erwähnte Axel Bojanowski bei Spiegel Online erneut die mutmaßlichen Auswirkungen des Ries-Impakts. Insgesamt wären sie schlimmer als bei einem atomaren Krieg. So würde nach dem Einschlag unter anderem eine bis zu 20.000 Grad heiße Wolke drei Kilometer in die Höhe schießen und im Umkreis von Dutzenden Kilometern die Lebewesen versengen. Etwa 300 Milliarden Tonnen heißes Gestein aus dem Krater würden vom Himmel fallen. In Augsburg, München, Nürnberg und Stuttgart schlügen tonnenschwere Kalkblöcke ein. Glutheiße Trümmer flögen bis zu 400 Kilometer weit und erreichten die Grenzregion von Frankreich, Österreich und der Schweiz. Saurer Hitzeregen würde unzählige Organismen töten.
Außer den Ereignissen von Nördlingen und Steinheim erfüllen drei weitere Impakte auf deutschem Boden die Kriterien des eindeutigen Nachweises eines Einschlags nach dem gegenwärtigen internationalen Stand der Impaktologie. Sie betrafen die Region zwischen Altötting und Chiemsee, die Niederrheinische Bucht in der Nähe von Korschenbroich nordöstlich von Mönchengladbach und die Umgebung von Nalbach bei Saarlouis im Saarland.
Hinweise auf die Einschläge von Fragmenten eines in der Luft explodierten, circa ein Kilometer großen Asteroiden oder Kometen, die mit einer Geschwindigkeit von circa 40.000 Meter pro Sekunde den Boden vor weniger als dreitausend Jahren im Chiemgau erreichten, sind die mittlerweile 200 oder mehr mit dem digitalen Geländemodell selbst in Wäldern und Sümpfen entdeckten Krater in der Region. Davon ist der Eglsee mit circa 1.300 Meter Durchmesser der bisher größte bekannte Krater und damit sogar etwa 100 Meter größer als der ihm in mancher Hinsicht ähnelnde Barringer-Krater. Weitere impakttypische Belege sind der von einer extremen Kraft verdichtete Untergrund des Tüttensees, eine runde Bodenmulde im Chiemsee, bis zu Dutzende Meter tiefe, abrupt aufgetretene Geländeeinbrüche, Trümmermassen in Bodenschichten, durch außergewöhnliche Hitze, Hochdruck und Säure aufgeschmolzene und zerrissene Gesteine, zerstörte Quarzstrukturen, Minigesteinsgläser aus geschmolzenem Bodenmaterial (Minitektite), Nanodiamanten und spezielle Kohlenstoff-Modifikationen. Nordöstlich vom Chiemsee wurden Karbon-, Glas- und Metall-Sphärulen entdeckt, die aus verdampften Impaktorfragmenten und dem Dampf geschmolzenen Bodenmaterials nach der Abkühlung und Kondensation als herabregnende „Hagelkörner“ entstanden sind. Zudem wurden extrem reine Silizium- und Titankarbid-Kristalle gefunden, die mit Eisensilizid-Partikeln wie Gupeiit und Xifengit verwachsen sind. Die Eisensilizide waren heftigen Schockereignissen ausgesetzt. Die Modifikationen wie Gupeiit und Xifengit entstehen nur bei Abwesenheit von Sauerstoff, was auf der Erde unter natürlichen Bedingungen kaum gegeben ist. Siliziumkarbid wurde auch im Nördlinger Impaktkrater angetroffen. Ein bei Grabenstätt entdeckter acht Kilogramm schwerer Eisensilizid-Brocken enthält das Mondmineral Hapkeit, so dass der Impaktor zu einer neuen Meteoritenklasse zählt. Aus den Daten ergibt sich ein ellipsenförmiges Krater-Streufeld im Chiemgau, das sich über circa 70 bis 80 Kilometer erstreckt.
Da in der Trümmerschicht exakt zu datierende Keramikscherben aus der Bronzezeit unterhalb von Hinterlassenschaften aus römischer Zeit eingeschlossen sind und in der Nähe der Vertiefungen Bronzestücke wie Nägel und Ringe gefunden wurden, die durch extreme Hitzeeinwirkung einseitig angeschmolzen sind, könnte das Ereignis zur Keltenzeit stattgefunden haben. Eine Thermolumineszenz-Datierung von mit einer nanodiamanthaltigen Kruste überzogenem Geröll bestätigte die zeitliche Einordnung. Laut Datierung über ein ‚Artifact-in-impactite’ der archäologischen Ausgrabung Stöttham fand der Impakt zwischen 900 und 600 v. Chr. statt. In der Geographie des Griechen Strabon (geb. 63 v. Chr.) finden sich Passagen, die als die Explosion eines kosmischen Projektils beim Eintritt in die Atmosphäre interpretiert werden können. Einer Befragung zufolge vertritt die Mehrheit der um den Tüttensee ansässigen Bevölkerung den Standpunkt, dass der See durch einen Impakt entstanden ist.
Mit naturwissenschaftlichen Methoden haben den Einschlag, der eine von Menschen bewohnte Region heimsuchte, der Würzburger Geologe und Geophysiker Kord Ernstson und der Astronom Michael Rappenglück vom Institut für Interdisziplinäre Studien in Gilching intensiv erforscht. Mit anderen Fachpersonen, Amateurarchäologen und Heimatforschern gehören sie zum Chiemgau Impact Research Team. Kritisch eingestellte Fachpersonen, welche die Krater vor Ort noch nicht inspiziert haben, halten die Impakt-Erzeugnisse für Vertiefungen der letzten Eiszeit. Doch wie konnten sie über 10.000 Jahre seit dem Ende der Eiszeit überstehen?
Auf die Impakte in der Nähe von Korschenbroich und Nalbach verweisen ebenfalls spezielle Bodendeformationen, auf der Erde nicht oder nur sehr selten vorkommende Minerale, durch Extremdrücke und außergewöhnliche Hitze entstandene Schockmetamorphosen wie zerstörte Kristallgitter von Feldspat, getoasteter und gespaltener Quarz und knickgebändeter Glimmer. Mehr Informationen zu den vorgestellten Einschlägen bieten:

http://www.impaktstrukturen.de/germany/
https://www.geopark-ries.de/geopark/
http://www.steinheimer-becken.de/
https://www.chiemgau-impakt.de/
https://museum.chiemgau-impakt.de/
http://niederrheinimpakt.de/
http://saarland-impakt.de/