Eine geologische Kontroverse:

Die circa 100 Vertiefungen im Chiemgau –

Toteiskessel oder Streufeld von Impaktkratern?

Bayerische Hobby-Archäologen um den Heimatforscher Werner Mayer stießen im Jahr 2000 bei Geländeerkundungen im Chiemgau auf eigenartige metallische Fundstücke, die großflächig auch im Untergrund lagen. Dabei handelte es sich um die auf der Erde extrem seltenen Eisensilizid-Minerale Gupeiit und Xifengit. Auffälligerweise lagen sie in der Nähe von Vertiefungen und an Stellen, an denen von einem menschlichen Eintrag praktisch kaum ausgegangen werden kann. Bei weiteren Inspektionen des Geländes verdichtete sich die Vorstellung von einem Impaktereignis.
Befunde wie die folgenden legen nahe, dass ein Komet sich der Erde mit einem schrägen Einfallswinkel näherte, in der Atmosphäre durch die Reibung der Luft explodierte, eine enorm gewaltige Hitze und Druckwelle erzeugte und Fragmente im Boden einschlugen: Die Vertiefungen bilden ein ellipsenförmiges Streufeld, wobei die größeren in der Nähe des Chiemsees und die kleineren nordöstlich liegen. Einige zeichnen sich durch Ringwälle aus. In manchen Löchern wurden Ascheschichten, deformierte Steine und/oder glatt mit Glas überzogene Gerölle entdeckt. Analysen von Dünnschliffen verwiesen auf einen Hitzeschock, bei dem Gesteine durch eine kurzzeitige Hitzeeinwirkung von bis mehreren tausend Grad Celsius angeschmolzen wurden. Taucher stießen im Chiemsee auf Minerale, die Fragmente von Projektilen sein könnten, die im See einschlugen. Archäologische Ausgrabungen am Chiemsee brachten Hinweise zu Tage, dass es in früherer Zeit tsunamiartige Flutwellen gab. Zum Fundus könnten Chemikalien aus der frühen Zeit des Sonnensystems gehören.
Da im Ereignishorizont exakt zu datierende Keramiken aus der Zeit der Kelten eingeschlossen sind und in der Nähe der Vertiefungen keltische Bronzestücke wie Nägel und Ringe gefunden wurden, die durch eine extreme Hitzeeinwirkung einseitig angeschmolzen sind, könnte der Impakt in der Keltenzeit stattgefunden haben. Empirische Daten wie die Thermolumineszenz-Datierung von mit einer nanodiamanthaltigen Glaskruste überzogenem Geröll aus den Vertiefungen und Textpassagen aus der Geographie des griechischen Geographen Strabon, der von etwa 63 v. Chr. bis 23 n. Chr. lebte, untermauerten zunehmend die Vorstellung, dass zwischen 1000 v. Chr. und 335 v. Chr. ein Komet nordöstlich des Chiemsees explodierte und Bruchstücke das ellipsenförmige Streufeld erzeugt haben.

Der Würzburger Geologe und Geophysiker Kord Ernstson fasste den Stand der Forschung von 2006 wie folgt zusammen: „Die einschlägig an diesem Phänomen arbeitenden Arbeitsgruppen wie Forscher von den Universitäten Würzburg, München, Tübingen, Antwerpen und vom Institut für interdisziplinäre Forschung in Gilching sowie B. Raeymaekers und Heimatforscher um W. Mayer sind weitestgehend der Meinung, dass das Kraterfeld zwischen Marktl und dem Chiemgauer Alpenrand mit dem Einschlag eines kosmischen Körpers in Verbindung zu bringen ist. Zunehmend großes Interesse von weiteren Forschern verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen (z.B. Astronomie, Archäologie, Vor- und Frühgeschich­te, Geschichtswissenschaft, Geographie, Gewässerkunde, Höhlenforschung und Altersdatierung) aus dem In- und Ausland ist zu konstatieren.
Während die Gruppen von den Universitäten München und Tübingen sich mit ihren Untersuchungen bisher auf den Raum österreichische Grenze, Marktl, Burghausen/Altötting konzentriert haben, ist es dem so genannten Chiemgau Impact Research Team (CIRT) gelungen zu zeigen, dass die Streuellipse der Krater und zugehöriger Funde wesentlich größer ist und sich offensichtlich über den Chiemsee hinaus bis in die ersten alpinen Bergregionen hinein erstreckt, womit das Phänomen eine ganz andere Dimension erhalten hat. Die Anzahl der registrierten Krater hat sich inzwischen der Zahl 100 genähert. Dabei ist der Tüttensee bei Grabenstätt mit einem Durchmesser von grob 400 m nach wie vor als der größte der Krater anzusehen. Die frühere Annahme eines Toteisloches scheint durch weitere Befunde erneut widerlegt (siehe dazu auch CIRT 2005).
Die neuen zusätzlichen Befunde resultieren aus gerade abgeschlossenen geophysikalischen Messungen (Ernstson 2005), mineralogisch-petrographischen Untersuchungen (Schüßler 2005) und Schürfen. Neben dem Nachweis von schockproduzierten Mineralveränderungen in Gesteinen aus dem Tüttensee-Ringwall konnte im weiteren Umfeld des Tüttensees bei Schürfen ein graphithaltiger Impakthorizont mit brecciierten und extrem zersetzten silikatischen und karbonatischen Geröllen nachgewiesen werden. Ein Zusammenhang mit der Bildung des Tüttensees (Impakt-Ejekta) ist zu vermuten. Sonarmessungen im Chiemsee machen die Existenz von größeren Einschlägen in das Wasser wahrscheinlich; einschlägig veränderte Gerölle aus dem Chiemsee wurden einer Analytik zugeführt.
Auch die dem Impakt zugeschriebenen extrem ungewöhnlichen Stoffe und Minerale machen das Phänomen weiterhin aufregend. Auch wenn die teilweise Herkunft aus industrieller Fertigung bzw. als industrieller Abfall nach wie vor nicht völlig auszuschließen ist, weiterhin im Auge behalten wird und international ausgedehnte Recherchen betrieben werden, machen die Fundumstände (unberührte Bodenhorizonte, Funde unterhalb datierbarer Münzen usw. (ausführliche Diskussion bei Rappenglück et al. 2004) große Probleme, eine industrielle Herkunft anzunehmen. Immerhin sind die auf der Erde nicht oder nur extrem selten auftretenden Minerale Gupeiit, Xifengit, Titankarbid bereits mit Meteoriten bzw. kosmischer Materie innerhalb und außerhalb unseres Sonnensystems in Verbindung gebracht worden. Das gilt insbesondere auch für den Nachweis von winzigen Diamanten (Nanodiamanten) im Streufeld des Chiemgauer Kometeneinschlages (Rösler et al. 2004, 2005; Schryvers & Rösler 2004). Zusätzliche bisher auf der Erde unbekannte Funde von Kohlenstoffspherulen (Rösler et al. 2004, 2005) sind rätselhaft, aber vermutlich ebenfalls kosmischer Herkunft.
Der Chiemgau-Komet und weitere vermutete Kometenimpakte (z.B. erst kürzlich referiert im Zusammenhang mit dem Zuendegehen der amerikanischen Clovis-Stein­zeitkultur) rütteln an der bisherigen Lehrmeinung der Impaktforscher, nämlich dass im Gegensatz zu Asteroiden­impakten Kometeneinschläge auf der Erde extrem unwahrscheinlich seien.
Der Einschlag in geschichtlicher Zeit (zwischen etwa 1000 v. Chr. und der Zeitenwende) sowie die Bedrohung der Menschheit durch tatsächlich vorstellbare künftige Kollisionen lenkt das Interesse verständlicherweise insbesondere auch auf die historischen Zusammenhänge, auf das, was damals in welchem Umfang in dieser Region tatsächlich geschah, wie der Mensch auf dieses Ereignis reagierte, was von dieser Katastrophe in der Erinnerung, in der Sprache lebendig blieb, zu Mythen wurde, von Geschichtsschreibern festgehalten wurde. Als einzige der beteiligten Gruppen hat das Chiemgau Impact Research Team auch hier einen Schwerpunkt der Forschung gesetzt mit vielfach bereits beeindruckenden Erkenntnissen: Aus archäologischen Befunden konnte erstmals ein vorläufiger Zeitrahmen für das Impakt­ereignis erschlossen werden. In neuesten Untersuchungen verdichten sich die Hinweise darauf, dass der Chiemgau-Impakt sogar in die schriftliche Überlieferung der Antike Eingang gefunden hat und schon im Altertum als ein Ereignis von überregionaler Bedeutung angesehen worden ist.“

Im Sommer 2008 wurde der aktuelle Forschungsstand zum Chiemgau-Impakt auf den geologischen Fachtagungen in Moskau und Krasnoyarsk anlässlich der 100-jährigen Wiederkehr des Ereignisses von Tunguska den dortigen Experten per Abstract präsentiert (als Exkurs auf der Homepage einsehbar).

Eine alternative Position zur Entstehung der Vertiefungen im Chiemgau vertritt das Bayerische Landesamt für Umwelt. Im August 2010 veröffentlichte es seinen Standpunkt unter der Überschrift „Neue Altersdaten: Kein ‚Kelten-Komet’ im Chiemgau. Den Kelten fiel der Himmel nicht auf den Kopf“. Hier der Artikel: „Der Tüttensee bei Grabenstätt ist ein weit über 12.500 Jahre altes Toteisloch. Er ist kein Meteoriten- oder Kometenkrater aus der Keltenzeit. Dies stellte Roland Eichhorn, Chef-Geologe am Landesamt für Umwelt nach Vorliegen der neuesten Untersuchungsergebnisse klar, die im Rahmen der bayernweiten geologischen Landesaufnahme erzielt wurden. Eichhorn: ‚Unsere Radiokarbon-Datierungen zeigen, dass die Tüttensee-Vertiefung bereits seit Ende der Eiszeit existiert. Beim Tüttensee handelt es sich also höchstwahrscheinlich um ein Toteisloch.’ Diese für den Chiemgau charakteristischen Löcher sind beim Rückzug der Gletscher entstanden: Damals blieben Eisbrocken zurück, die in den Schmelzwasserschottern begraben waren. Nachdem auch dieses Eis getaut war, bildeten sich die typischen rundlichen Kessel, die sich oft mit Wasser füllten. Mit diesem Befund, so Eichhorn, sei die These eines kosmischen Impakts vor 2.500 Jahren im Chiemgau eindeutig widerlegt: ‚Den Kelten fiel der Himmel nicht auf den Kopf. Auch für eine weitere umstrittene These, dass bereits vor 12.500 Jahren ein Komet über Nordamerika und Europa in kleine Stücke zerbrach und den Tüttensee-Kessel erzeugte, finden wir keinerlei Hinweise.’
Um das Alter des 400 Meter breiten, etwa kreisrunden Tüttensee-Kessels zu bestimmen, nahmen die Geologen Proben von den Seeablagerungen am Kesselboden und dem darauf in die Höhe wachsenden Moor. Die Radiocarbon-Methode ergab: Je weiter sie in die Tiefe vorstießen, desto älter wurden die Ablagerungen. In einem halbem Meter Tiefe war das Moor bereits 4.800 Jahre alt, ganz unten 10.000 und die Seeablagerung darunter sogar 12.500. Untersuchungen im benachbarten Chiemsee ergaben das gleiche Bild – wie im Tüttensee ruhige, ungestörte Seeablagerungen seit dem Ende der Eiszeit. Eichhorn: „Die Kelten im Chiemgau erlebten keine kosmische Katastrophe.“ (Pressemitteilung Nr. 37 des LfU vom 24. August 2010)

Die kritische Stellungnahme zur Toteis-Hypothese erfolgte prompt. Unter der Überschrift „Radiokarbon-Datierung des Bayerischen Landesamtes für Umwelt (LfU) am Tüttensee-Krater: Viel Lärm um nichts“ entfaltete Kord Ernstson neue Argumente für das Impaktkonzept: „In einer Pressemitteilung an die Deutsche Presseagentur dpa verweist Dr. Roland Eichhorn, Leiter der Geologieabteilung am LfU, auf eine Internetpräsentation mit Resultaten des Amtes, die den Meteoriten-Einschlagcharakter des Tüttensees zurückweisen und den Toteisursprung erneut bekräftigen sollen. Vorgelegt vom LfU werden als Basis der neuen Argumentation Daten von Radiokarbon-Datierungen, die belegen sollen, dass Gesteinsablagerungen am Tüttensee viel älter als der von Wissenschaftlern des CIRT (Chiemgau Impact Research Team) postulierte große Meteoriteneinschlag (Chiemgau-Impakt) sind. In der Pressemitteilung des Dr. Eichhorn heißt es u. a.: ’… nahmen die Geologen Proben von den Seeablagerungen am Kesselboden und dem darauf in die Höhe wachsenden Moor.’
Tatsächlich wurden die Proben auf festem Boden am Rand des Sees genommen, wie einem in der Pressemitteilung angesprochenen Extrabericht des LfU zur Datierung zu entnehmen ist, was aber die Pressemeldung selbst verschweigt. Vom Kesselboden – damit ist wohl nach allgemeinem Sprachgebrauch der Boden des Tüttensees im zentralen Teil gemeint – gibt es keine Proben. Damit ist auch diese Aussage in der Pressemitteilung von Dr. Eichhorn falsch: ’Unsere Radiokarbon-Datierungen zeigen, dass die Tüttensee-Vertiefung bereits seit Ende der Eiszeit existiert.’
Wenn es aber keine Daten aus der Tüttensee-Vertiefung gibt, sondern nur von außerhalb vom Rand, kann mit den neuen Radiokarbon-Datierungen nichts über das Alter des Tüttensee-Kraters ausgesagt werden. Weiter heißt es in der Pressemitteilung: ’Mit diesem Befund, so Eichhorn, sei die These eines kosmischen Impakts vor 2.500 Jahren im Chiemgau eindeutig widerlegt.’
Die Datierung des LfU bezieht sich auf vier Proben vom Rand des Tüttensees. Es bleibt unerfindlich, wie aufgrund dieser mehr oder weniger punktförmigen Datenerfassung eine Aussage über eine Fläche der Größenordnung 60 km x 30 km getroffen wird – so groß ist das Meteoritenkrater-Streufeld, das von den Wissenschaftlern des CIRT postuliert wird. Auch hier bleibt unerfindlich, wie eine C14-Datierung am Tüttensee den gesamten Chiemgau-Impakt zu Fall bringen soll. Und weiter heißt es: ’Auch für eine weitere umstrittene These, dass bereits vor 12.500 Jahren ein Komet über Nordamerika und Europa in kleine Stücke zerbrach und den Tüttensee-Kessel erzeugte, finden wir keinerlei Hinweise.’
Nicht ein einziger Mensch auf der Welt hat je auch nur andeutungsweise behauptet, dass der sog. Clovis-Impakt in Nordamerika (von Europa ist in der Grundannahme des Clovis-Impaktes nie die Rede) vor 12 500 Jahren den Tüttensee-Kessel erzeugt hat. Es bleibt von wissenschaftlicher Warte aus betrachtet auch unerklärlich, wie mit Stechzylinderproben am Rand des Tüttensees die These des Clovis-Impaktes in Nordamerika zurückgewiesen wird. Hier spielen das LfU und Dr. Eichhorn, wie es übliche Praxis ist, mit dem nicht ausreichenden Wissensstand der Leser. Das wird klar, wenn man den Hinweis auf den Clovis-Impakt liest. Das soll dem Leser suggerieren: Schaut her, der eine Impakt ist widerlegt und nun kommt die Widerlegung auch für den nächsten Impakt. So etwas nennt man im allgemeinen eine nichtwissenschaftliche Verknüpfung.
Wie weit es mit der Widerlegung des Chiemgau-Impaktes und dem Wissenschaftsverständnis am LfU tatsächlich bestellt ist, bringen die nachfolgenden Ausführungen, für die sich der Leser etwas Zeit nehmen sollte.
Auf die Einzelheiten der C14-Datierung und ihre bekannten Schwächen soll hier nicht weiter eingegangen werden, und angenommen, die vom LfU vorgebrachten C14-Daten sind korrekt interpretiert und vom Impakt unbeeinflusst geblieben, so ist damit keineswegs der Impakt widerlegt. Wie in der Presserklärung nachzulesen, wurden die Proben für die Datierung einer Sedimentfolge an einer Stelle genommen, an der nach Vorstellungen der Forscher des CIRT der Impakt gar nicht merklich gewirkt haben kann. Grundlage sind geophysikalische Messungen (Gravimetrie, die das CIRT durchgeführt hat, und Seismik in Form des Sedimentecholots, von dem dem CIRT Daten zur Verfügung gestellt wurden), die belegen, dass der tatsächliche Meteoritenkrater des Tüttensees im Durchmesser deutlich kleiner ist als der See und die Proben für die C14-Datierungen außerhalb in einer Sedimentfolge genommen wurden, die in der Tat noch Seesedimente aus der Eiszeit repräsentieren kann. Die gewonnenen C14-Alter sind dann überhaupt keine Überraschung.
Wie man sich die Lagerung von echtem Krater und Beprobungsstelle vorstellen muss, vermitteln die Abbildungen 1und 2 (auf der unten genannten Website einsehbar). Abb. 1 zeigt im Kasten die Nachzeichnung der seismischen Reflexionshorizonte, wie sie sich in einem Ausschnitt am Rand des Tüttensees darstellen. Man erkennt als scharfen Reflektor die Unterkante des Seewassers und zum Rande hin einige grob parallele Horizonte (grün), die zur Seemitte hin abrupt abbrechen. Dieses Bild wurde zum Rande des Sees hin schematisch extrapoliert (hier liegen keine Messungen der Seismik mehr vor), um zu vermitteln , wo die Proben – auch schematisch – für die C14-Datierung in einem wohlgeschichteten Untergrund an Land entnommen wurden. Eingezeichnet ist auch noch der außerhalb liegende Anstieg zum Ringwall des Tüttensee-Kraters.
Danach werden im Zuge der Kraterbildung (Exkavation) die Auswurfmassen auf kompliziert entstehenden, gekrümmten Bahnen nach außen bewegt, was unter hohem Druck gegen die Wände des dabei entstehenden Kraters geschieht. Horizontale Schichten, die vor dem Impakt abgelagert wurden, werden bei diesen Bewegungen geradezu am Rande abrasiert (was schön im Bild der Seismik zu sehen ist). Das Stehengebliebene kann – wie in vielen irdischen Impaktkratern zu beobachten – zur Mitte hin angehoben und dabei auch verfaltet werden – worauf ebenfalls das Bild der Seismik hindeutet. Im Fortgang des Auswurfes bewegen sich die Gesteinsmassen wie ein Vorhang über die randlich anstehenden Schichten nach außen, wo sie in einem Ringwall enden, der in einen Schleier von Auswurfmassen rund um den Krater übergeht – genau wie es in vielen geologischen Schürfen am Tüttensee zu beobachten ist.
Zusammenfassend ist zu formulieren, dass alle bisherigen Beobachtungen zur Struktur und Geologie des Tüttensees stimmig in Bezug auf einen Meteoritenkrater sind. Dagegen ist bis auf den heutigen Tag von Geologen und Geographen kein einziger Beleg (!) für eine eiszeitliche Genese des Tüttensees mit der Bildung eines Toteiskessels erbracht worden. Dementsprechend heißt es auch bei kritischeren Eiszeitforschern, dass die Toteishypothese seit Generationen von Geologen und Geographen eine Spekulation darstellt und sie Belege dafür stets schuldig geblieben sind. Selbst die neuen C14-Datierungen treten diesen Beweis nicht an und vermitteln eigentlich nur, dass das LfU ältere Schichten datiert hat, die im Rahmen des Impakt-Modells dort durchaus hingehören können. Was auch immer dem LfU die C14-Daten bedeuten: Zumindest der Schluss darauf, dass der gesamte Chiemgau-Impakt nicht stattgefunden habe, ist wissenschaftlich unzulässig.
Zu einem entsprechenden Lernprozess hätte das LfU aber bereits sehr viel früher kommen können (und Geld und Arbeitsaufwand sparen können). Bis auf den heutigen Tag haben es seine Mitarbeiter nicht für nötig gehalten, mit den Wissenschaftlern des CIRT in eine Diskussion einzutreten. Nicht ein einziges Mal ist ein Mitarbeiter des LfU vor Ort am Tüttensee gewesen, um dort zusammen mit dem CIRT die z. T. spektakulären geologischen Aufschlüssen zu studieren oder gemeinsam das seit Oktober 2009 in Grabenstätt am Tüttensee existierende Museum zum Chiemgau-Impakt zu besuchen. Hätte das LfU früher den Kontakt zur wissenschaftlichen Erforschung durch das CIRT gesucht, hätte sich im kollegialen Gespräch herausgestellt, dass das CIRT bereits einige Zeit vor dem LfU Bohrungen in genau demselben Randbereich des Tüttensees durchgeführt hatte, mit Ergebnissen – abgesehen von den C14-Daten – welche die jetzigen vorweggenommen haben. Für das CIRT war das im Rahmen der Modellvorstellungen zur Bildung des Tüttensees beim Chiemgau-Impakt eine ohne weiteres nachvollziehbare geologische Schichtlagerung.
In einer solchen Diskussion mit langjährig erfahrenen Impaktforschern, die – so selbst frühere Aussagen aus dem Amt – unter den Geologen des LfU nicht zu finden sind – hätte ein sonst in der Wissenschaft üblicher und häufig fruchtbarer Austausch stattfinden können. Geologen des LfU hätten etwa zu Schockeffekten, den Schmelzgesteinen und den ins Auge springenden heftigen Gesteinsdeformationen (z.B. den typischen Impakt-Spallationserscheinungen) im Bereich des Tüttensees lernen können und sie vielleicht etwas nachdenklicher in Bezug auf die alte Toteisvorstellung gemacht.
Neuerdings gibt es zwei Artikel zum Chiemgau-Impakt, die einem Peer Review unterzogen wurden. In diesem Zusammenhang drückt das CIRT seine Erwartung aus, dass in Zukunft vielleicht auch vom LfU eine wissenschaftliche Arbeit zum Chiemgau-Impakt mit Peer Review gedruckt erscheint.“ (Quelle mit den im Text erwähnten Abbildungen: www.chiemgau-impakt.de)

Drei Literaturhinweise zum Chiemgau-Impakt:

Eine fächerverbindende Studie von Barbara Rappenglück1, Michael A. Rappenglück1, Kord Ernstson2, Werner Mayer1, Andreas Neumair1, Dirk Sudhaus3 & Ioannis Liritzis4 erschien im Juni-Heft 2010 der Archäologie-Zeitschrift Antiquity unter dem Titel „The fall of Phaethon: a Greco-Roman geomyth preserves the memory of a meteorite impact in Bavaria (south-east Germany).“
1: Institute for Interdisciplinary Studies, Bahnhofstraße 1, 82205 Gilching, Germany
2: Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Am Judengarten 23, 97204 Höchberg, Germany
3: Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Institut für Physische Geographie, 79085 Freiburg, Germany
4: University of the Aegean, Department of Mediterranean Studies, Dimokratias 1, 85100 Rhodes, Greece
ANTIQUITY 84 (2010): 428–439

Im Elaborat „Der CHIEMGAU-IMPAKT. Ein bayerisches Meteoritenkraterfeld“ berichtet Kord Ernstson 2010 von den aktuellen Erkenntnissen einer Gruppe von Geologen, Impaktforschern, Archäologen, Astronomen und Historikern. Die Studie (ISBN: 978-3-00-031128-4) ist im Buchhandel erhältlich. Sie wird auch vom Verein zur Förderung der Erforschung des südostbayerischen Meteoritenkrater-Streufeldes e.V. angeboten: www.verein.chiemgau-impakt.de.

Im Oktober 2015 bekräftigte Kord Ernstson die Impakt-Hypothese in dem Artikel „Ein Diamiktit mit Kreuzschichtung. Neuer Befund zu einem Chiemsee-Tsunami beim Chiemgau-Impakt“: www.chiemgau-impakt.de/2015/10/30/ein-diamiktit-mit-kreuzschichtung-neuer-befund-zu-einem-chiemsee-tsunami-beim-chiemgau-impakt/

 

Weitere Publikationen zum Chiemgau-Impakt (Auswahl):

CIRT, Chiemgau Impact Research Team (2004): Did the Celts see a cometary impact 200 B.C.? (Sahen die Kelten einen Kometeneinschlag 200 v. Chr.?) http://www.astronomy.com/asy/default.aspx?c=a&id=2519

CIRT, Chiemgau Impact Research Team (2005): Kommentar zu: Der Tüttensee im Chiemgau – Toteiskessel statt Impaktkrater,  von Gerhard Doppler und Erwin Geiss (Bayerisches Geologisches Landesamt). http://www.chiemgau-impact.com/kommentar.html.

Ernstson (2005): Gravimetrische Untersuchungen bei Grabenstätt: Anzeichen für einen Impaktursprung des Tüttensee-Kraters erhärtet. http://www.chiemgau-impact.com/.

Fehr et al. (2005): A meteorite impact crater field in eastern Bavaria? A preliminary report (Ein meteoritisches Kraterfeld in Ostbayern? Ein vorläufiger Bericht). Meteoritics and Planetary Science, 40, 187-194.

Hoffmann et al. (2004): Evidence for an impact strewn field in SE Bavaria (Anzeichen für ein Impakt-Streufeld in SE-Bayern). Paneth-Kolloquium, Nördlingen.

Hoffmann et al. (2005): Characterization of a small crater-like structure in southeast Bavaria, Germany (Charakterisierung einer kleinen kraterähnlichen Struktur in Bayern (Deutschland). Meteoritics and Planetary Science, 40, p. A129.

Raeymaekers & Schryvers (2004): Iron silicides and other metallic species in the SE Bavarian strewn field (Eisensilizide und andere metallische Komponenten in dem SE-bayerischen Streufeld). Paneth-Kolloquium Nördlingen.

Rappenglück et al. (2004): The Chiemgau impact event in the Celtic Period: evidence of a crater strewnfield and a cometary impactor containing presolar matter (Das Chiemgau-Impaktereignis in der keltischen Periode: Anzeichen für ein Kraterstreufeld und ein Kometenprojektil mit präsolarer Materie). http://www.chiemgau-impact.com/.

Rappenglück et al. (2005): Sind die Eisensilizide aus dem Impakt-Kraterstreufeld im Chiemgau kosmisch? – Eur. J. Mineral. 17, Beih. 1: 108.

Rösler et al. (2004): Puzzling new carbon materials in forest soils: carbonaceous graphitic spherules (CGS) with diamonds (Rätselhaftes neues Kohlenstoffmaterial in Waldböden: Graphitische Kohlenstoff-Kügelchen mit Diamanten). Paneth-Kolloquium, Nördlingen.

Rösler et al. (2005): Diamonds in carbon spherules – evidence for a cosmic impact? (Diamanten in Kohlenstoff-Kügelchen – Anzeichen für einen kosmischen Impakt?). Meteoritics and Planetary Science, 40, p. A129.

Schryvers & Rössler (2004): Diamond identification by TEM in carbonaceous graphitic sperules (Nachweis von Diamanten mit dem TEM in graphitischen Kohlenstoff-Kügelchen). Paneth-Kolloquium, Nördlingen.

Schüssler (2005): Petrographie und Geochemie von mechanisch und thermisch geschockten Geröllen aus dem nördlichen Bereich des Impakt-Areals. http://www.chiemgau-impact.com/petrographie.html.

Schüssler (2005): New analyses – new photomicrographs: xifengite, gupeiite and titanium carbide (Neue Analysen – neue Erzmikroskopie: Xifengit, Gupeiit und Titankarbid). http://www.chiemgau-impact.com/analysis.html.

Schüssler et al. (2005): Das Impakt-Kraterstreufeld im Chiemgau. – Eur. J. Mineral. 17, Beih. 1: 124.

Bei der deutschen Nationalbibliothek archivierte Internetartikel:

Kord Ernstson, Michael Hiltl, Frank Bauer, Andreas Neumair and Michael A. Rappenglück (2010): Short-term coalification: a new impact-related process?
http://impact-structures.com/news/coalificationcomp.pdf
URN-Identifikation: urn:nbn:de:101:1-2010051630

Andreas Neumair, Kord Ernstson, Werner Mayer, Barabara Rappenglück, Michael A. Rappenglück and Dirk Sudhaus (2010): Characteristics of a Holocene impact layer in an archeological site in SE-Bavaria, Germany
http://impact-structures.com/news/Stoettham_c.pdf
URN-Identifikation: urn:nbn:de:101:1-2010051627

Kord Ernstson (2008): Regmaglypten auf Kalksteingeröllen. Hinweis auf Karbonatschmelze im Chiemgau-Impakt
http://www.chiemgau-impakt.de/images/bdw/artikel.pdf
URN-Identifikation: urn:nbn:de:101:1-20100515131

Till Ernstson (2007): A peculiar prehistoric artifact in the Tüttensee impact ejecta („Bunte Breccia“; Chiemgau Holocene impact event)
http://bandkeramik.eu/Lochstein%20Artikel%20Till%20englisch.pdf
URN-Identifikation: urn:nbn:de:101:1-2010052198

Kord Ernstson (2006): Neue Belege für den meteoritischen Ursprung des Tüttensees. Ein Impakthorizont in Schürfen bei Mühlbach
http://chiemgau-impakt.de/Tuettensee_ges.pdf
URN-Identifikation: urn:nbn:de:101:1-2010051604

CIRT (Chiemgau Impact Research Team) (2006): The Holocene Tüttensee meteorite impact crater in southeast Germany
http://www.chiemgau-impakt.de/artikel2.pdf
URN-Identifikation: urn:nbn:de:101:1-20100515163

Kord Ernstson (2006): Schock-Effekte (Schockmetamorphose) in Gesteinen aus dem Impakthorizont am Tüttensee (Ejekta, Bunte Breccie)
http://www.chiemgau-impakt.de/bdw3.pdf
URN-Identifikation: urn:nbn:de:101:1-20100515141

CIRT (Chiemgau Impact Research Team) (2006): Der holozäne Tüttensee-Meteoritenkrater in Südostdeutschland
http://www.chiemgau-impakt.de/artikel2d.pdf
URN-Identifikation: urn:nbn:de:101:1-20100515121