Ein Blick in die Zukunft

Die kosmische Bedrohung der Erde stößt bisweilen auf mediales Interesse. SPIEGEL Online teilte am 14. Dezember 2006 anlässlich der Veröffentlichung eines Preisausschreibens mit: „Die Beinahe-Katastrophe wird an einem Freitag dem Dreizehnten geschehen: Am 13. April 2029 um 4.36 Uhr deutscher Zeit, so bisherige Berechnungen, rauscht der Asteroid ‚99942 Apophis’ atemberaubend knapp an der Erde vorbei. Das 25 Millionen Tonnen schwere und rund 300 Meter große Geschoss wird die Erde um etwa 30.000 Kilometer verfehlen. Für einen kurzen Moment wird es dem Planeten näher sein als die Fernsehsatelliten im geostationären Orbit. Träfe der Brocken die Erde, würde er dank seiner Geschwindigkeit von etwa 45.000 Kilometern pro Stunde die Sprengkraft von 65.000 Hiroshima-Atombomben entwickeln. Doch ‚Apophis’ wird seinem Namen – dem des ägyptischen Gottes der Finsternis und Zerstörung – nach bisherigen Berechnungen nicht gerecht werden, zumindest nicht im Jahr 2029. Allerdings besteht eine Chance, dass ‚Apophis’ bei seinem Vorbeiflug durch ein kleines, nur 600 Meter breites ‚Schlüsselloch’ fliegt, wie Wissenschaftler der Nasa glauben. In diesem Fall würde die Anziehungskraft der Erde die Bahn des Asteroiden so verändern, dass er auf den Tag genau sieben Jahre später – am 13. April 2036 – mit der Erde kollidiert.“
Auf das gleiche Ereignis bezog sich Richard Weitz am 08. Februar 2010 bei WELT Online. Er kommentierte den Vorbeiflug: „Es ist ein Ereignis, das über die Existenz der Menschheit entscheiden könnte: Der Asteroid Apophis wird ab 2029 die Bahn der Erde mehrmals kreuzen. Er ist zwölfmal größer als das Objekt, das im Juni 1908 weite Teile Sibiriens in ein Inferno verwandelt hat. Forschern zufolge wird es Zeit, der Gefahr ins Auge zu sehen.“
Bei der Auswertung weiterer Messdaten wurde deutlich, dass der ungefähr 325 Meter große und über 20 Millionen Tonnen schwere Asteroid 99942 Apophis bis zum Jahr 2105 keine Bedrohung für die irdische Lebenswelt darstellt. Laut einer Berechnung von 2018 wird Apophis am 13. April 2029 etwa 37.400 Kilometer entfernt vorbeirasen, was nahezu dem Abstand der Kreisbahn geostationärer Satelliten zur Erdoberfläche entspricht.
Michael Odenwald berichtete am 19. September 2007 bei FOCUS Online, dass der Asteroid VD17 die aktuelle Gefährderliste anführt und fügte hinzu: „Nach Berechnungen von Experten der US-Raumfahrtbehörde Nasa könnte er mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:1600 im Jahr 2102 auf unseren Heimatplaneten stürzen. Mit einem geschätzten Durchmesser von 580 Metern könnte er einen zehn Kilometer großen Krater schlagen – genug, um eine Großstadt auszulöschen. Allerdings will die Nasa im Verein mit anderen Organisationen die Erde und ihre Bewohner vor solchen Katastrophen schützen: Bis 2008, dies trug ihr der US-Kongress auf, soll sie 90 Prozent der erdnahen Asteroiden von über einem Kilometer Größe identifiziert haben.“ Er ergänzte: „Auch an Maßnahmen, diese Geschosse rechtzeitig abzufangen, wird in vielen Forschungsinstituten weltweit emsig gebastelt.“
Über den aktuellen Kenntnisstand zu potenziellen Impaktoren informieren die Esa und Nasa. Auf der Nasa-Website wurde 2010 auf die zukünftigen Passagen des 130 Meter großen Asteroiden 2007 VK184 und des Asteroiden 1999 RQ36 mit etwa 560 Meter Durchmesser hingewiesen. 2007 VK184 hatte auf der Torino-Skala mit Gefahrenwerten von 0 (minimal) bis 10 (maximal) die Stufe 1 von 2048 bis 2057. Ein Team um Andrea Milani errechnete 2010 beim Asteroiden 1999 RQ36, dass von ihm in den nächsten Jahren keine Gefahr ausgeht, von 2060 bis 2080 die potenzielle Impaktgefahr sich vervierfacht und für das Jahr 2182 die Kollisionswahrscheinlichkeit von 1:1000 besteht. 2012 hatte das 130 bis 290 Meter große Objekt 2011 AG5 die Wahrscheinlichkeit von 1:625 für einen Einschlag am 5. Februar 2040. 2013 wurde ergänzt, dass es sich auch im Jahr 2045 auf Kollisionskurs befinden könnte.
Die Esa stufte 2015 den Asteroiden 2009 FD als den gefährlichsten mit einem Einschlagrisiko von 1:369 im Jahr 2185 ein. Das Objekt 2009 JF1 hatte für 2022 die potenzielle Impaktgefahr von 1:3000. Der Planetologe Dante Lauretta von der Arizona University teilte 2016 mit, dass der circa 490 Meter große Asteroid (101955) Bennu am 25. September 2135 der Erde näher als der Mond kommt. Dabei könnte die Flugbahn durch die Gravitation der Erde so verändert werden, dass er später bei einem Vorbeiflug mit ihr kollidiert. Sollte er 2135 auf der Erde einschla-gen, wofür 2018 die Wahrscheinlichkeit 1:2700 betrug, würde ungefähr die Energie von circa 80.000 Hiroshima-Atombomben freigesetzt werden. Laut Kenntnisstand von 2018 könnte im Jahr 2185 der etwa 160 Meter große Asteroid 410777 (2009 FD) mit der Wahrscheinlichkeit von 1:714 die Erde treffen. Der 800-Meter-Asteroid (137108) 1999 AN10 wird knapp 300.000 Kilometer entfernt am 7. August 2027 vorbeirasen. Ob der 14 Meter große Brocken 2019 SU3 am 16. September 2084 die Erde trifft, stufte die Esa 2019 mit der Wahrscheinlichkeit von 1:152 ein.
In Anbetracht dessen sollte die Thematik nicht länger verharmlost und/oder verdrängt werden. Alan Harris betonte 2008 hinsichtlich der Gefahr aus dem Weltall: „Wir wissen, dass es in der Vergangenheit passiert ist. Und wir wissen, dass es wieder passieren wird.“ Und der kanadische Astronom David Levi konstatierte: „Die Wahrscheinlichkeit, dass die Erde irgendwann von einem Asteroiden oder Kometen getroffen wird, liegt bei 100 Prozent.“
Benny Peiser von der John Moores Universität in Liverpool beschäftigt sich mit den Impaktfolgen und technischen Möglichkeiten zu ihrer Vermeidung. Er ist Mitglied der Royal Astronomical Society, der britischen Spaceguardvereinigung und Namensgeber des zehn Kilometer großen Asteroiden Minor Planet (7107) Peiser. Auf Grundlage der Einschläge in den zurückliegenden zehn Jahrtausenden prognostizierte Peiser 2001 für die nächsten 10.000 Jahre mindestens 300 Ereignisse vom Tunguska-Typ und 16 massive Impakte größerer Geschosse. Bis zu 20 Millionen Menschen könnten dabei sterben. Würde ein 100 bis 250 Meter großer Asteroid im Meer einschlagen, verdampften Hunderte Megatonnen Wasser und könnten bis in die Stratosphäre gelangen, wodurch das Klima sich verschlechtern würde.
Seit 2008 appellierten Wissenschaftler der Association of Space Explorers, möglichst bald ein Forschungs-, Informations- und Abwehrnetz unter UN-Führung einzurichten. Michael Khan von der Esa zufolge dürfte eine Vorwarnzeit von 10 bis 20 Jahren meistens genügen, um eine erfolgreiche Abwehrmission durchzuführen. Generell kann ein bedrohliches Objekt in großer Entfernung eher vom Kollisionskurs abgelenkt werden als in Erdnähe. Wird es früh entdeckt, könnte eine relativ kleine Maßnahme die Kollision verhindern.
Erschwerend bei der Entwicklung, Erprobung und Umsetzung technischer Möglichkeiten gegen Impaktoren ist, dass sie nicht idealtypisch zusammengesetzt sind. Dazu bemerkte Lance Benner 2006: „Die Radarbeobachtungen zeigen, dass jeder Asteroid anders ist. Manche drehen sich schnell, andere ganz langsam. Manche sind fast kugelförmig, andere ganz lang gestreckt, manche haben einen Mond, andere nicht. Obwohl wir bisher schon fast 200 Asteroiden beobachtet haben, entdecken wir immer noch etwas Neues.“
Beim Asteroiden Ryugu etwa ist zu beachten, dass der eine halbe Milliarde Tonnen schwere Brocken aus zwei verschiedenen Gesteinstypen besteht. Wird er zu heftig attackiert, könnte er zerfallen. „Dann prasseln lauter tonnenschwere Einzelteile auf die Erde“, bemerkte Ralf Jaumann 2019 vom DLR-Institut für Planetenforschung in Berlin-Adlershof. Eine Impaktverhinderung setzt hinreichendes Wissen über Größe, Form, Material, Drehbewegung, Umlaufbahn, Entfernung und Geschwindigkeit des Geschosses auf Kollisionskurs voraus.
Zu Beginn des Jahres 2015 starteten Wissenschaftler, Astronauten, Künstler und Interessierte die globale Kampagne Asteroid-Day, um die Menschheit auf die Gefahr aus dem All hinzuweisen. Auf der Website wurde mitgeteilt: „Es gibt eine Million Asteroiden in unserem Sonnensystem, die das Potenzial haben, auf der Erde einzuschlagen und eine Stadt zu zerstören. Bisher wurden weniger als 10.000 entdeckt, was etwa einem Prozent entspricht. Die Technologie bietet die Möglichkeit, diese Situation zu ändern.“ Per Deklaration wurde gefordert, in den kommen-den zehn Jahren 100.000 Asteroiden jährlich zu entdecken und ihre Bahnen zu verfolgen. Zu den Erstunterzeichnern der Erklärung gehören namhafte Persönlichkeiten wie Richard Dawkins, Alan Eustace, Chris Hadfield, Tom Jones, Harry Kroto, Jim Lovell, Ed Lu, Brian May, Bill Nye, Martin Rees, Rusty Schweickart, Carolyn Shoemaker und Kip Thorne.
Eine irdische Lebenswelt ohne zukünftige Impaktkatastrophe sollte jedem am Herzen liegen. Was die Fachpersonen von Wissenschaft und Technik vorschlagen, sollte von den dafür Verantwortlichen zur Kenntnis genommen und zur Realisation gebracht werden.