Gehört ein kambrischer Sack zu den Urahnen des Menschen?

Beim Blick auf den stammesgeschichtlichen Weg zum Menschen wird den fossil ältesten Wirbeltieren eine ausschlaggebende Bedeutung zugewiesen. Dazu stellte ein Team um Jian Han von der Northwest University in China 2017 in Nature einen neuen fossilen Fund vor. Die kommentierte Wiedergabe der Studie von zwei Journalisten und einer Journalistin sah zusammengefasst wie folgt aus:
Frank Patalong, freier Journalist und Autor bei SPIEGEL online, leitete seinen Artikel unter der Überschrift „Unser ältester Vorfahr war ein großmäuliger Sack“ mit der Behauptung ein, alle Lebewesen der Erde seien miteinander verwandt, wenn man nur weit genug zurückgeht: „Viele Menschen haben noch immer ein Problem damit, in sich den Primaten zu erkennen. Doch kein Lebewesen auf diesem Planeten steht isoliert: Wir haben Verwandte und Vorfahren, und je weiter man in der Zeit zurückgeht, desto mehr unterscheiden die sich eben von uns.“ Sodann ordnete er die Humanphylogenese dem stammesgeschichtlichen Prozess zu: „Homo sapiens sapiens gehört zur Familie der Menschenaffen, deren Vorfahren Menschenartige waren. Davor standen die Altweltaffen, Affen, Trockennasenprimaten, Primaten, die wiederum zu den Euarchonta gehören – und schon da wird es wild: Es ist der Punkt, an dem zur Familie nicht mehr nur halbwegs an Menschen erinnernde Wesen gehören, sondern beispielsweise auch Spitzhörnchen. Und davor? Stand eine lange Entwicklungslinie, die rückwärts in die Zeit gedacht über die Säugetiere zurück zu den echsenhaften Synapsiden führte, ersten amphibienhaften Land-Eroberern und irgendwann – natürlich – zurück ins Wasser. Als Spezies gehören wir Menschen direkt zu jeder dieser Gruppen, weil wir zu ihren direkten Nachfahren gehören. Hier stimmt das Bild vom Stammbaum: Am Ende laufen alle Entwicklungslinien am Stamm zusammen – und treffen sich in einer gemeinsamen Wurzel. Das ist der Grund, warum der Paläontologe Neil Shubin zu Recht behaupten kann, dass wir alle Fische seien – natürlich nur streng systematisch betrachtet. Und davor? Wird es wirklich bizarr. Saccorhytus dürfte mit erheblichem Abstand der fremdartigste Wirbeltier-Vorfahr sein, der bisher gefunden wurde: der ursprünglichste aller Neumünder.“
Der Genetiker und Journalist Martin Vieweg wählte bei Bild der Wissenschaft die Überschrift „Das ist unser Urahn!“ und wies ebenfalls auf die Verwandtschaft aller Lebewesen im phylogenetischen Stammbaum hin: „Der Baum des Lebens besteht aus Ästchen, die wiederum auf immer größere Zweige zurückgehen. Darin spiegelt sich wider, dass bestimmte Gruppen von Lebewesen aus gemeinsamen Vorfahren entstanden sind. Der Mensch gehört beispielsweise zur Gruppe der Säugetiere – mit Hund, Katze oder Maus sind wir evolutionär betrachtet relativ nahe verwandt. Unsere letzten gemeinsamen Vorfahren mit den Vögeln lebten hingegen deutlich früher in der Evolutionsgeschichte. Allerdings handelte es sich auch bereits bei ihnen um Wirbeltiere, deren gemeinsame Vorfahren wiederum einst aus Meerestieren entstanden sind. Kurzum: Wenn man den Baum des Lebens zurückverfolgt, stößt man an den Verzweigungen auf Lebensformen, die einen Ast hervorgebracht haben – Urahnen ganzer Tiergruppen.“
Martin Vieweg zufolge könnte das vor 540 Millionen Jahren durch die Sedimente der Meere wuselnde Ur-Wesen Saccorhytus coronarius mit riesigem Mund und sackartigem Körper zu den frühesten bekannten Vertretern der Neumünder gehören, die „möglicherweise zu bedeutenden Urahnen in der Evolutionsgeschichte avancierten“. Aus dem Entwicklungszweig seien letztlich auch die Menschen hervorgegangen: „Den Forschern zufolge könnte es gut möglich sein, dass die Evolutionsgeschichte der Neumünder auf Saccorhytus fußt. Mit anderen Worten: Letztlich gehen auch wir Menschen auf diese Art von Wesen zurück, die vor etwa 540 Millionen Jahren zu Beginn des Erdzeitalters Kambrium gelebt haben.“
Zur Untermauerung der Ausführung wurden Zitate von zwei Co-Autoren der Publikation hinzugefügt. Simon C. Morris von der University of Cambridge stufte den Fund ins stammesgeschichtliche Konzept ein: „Wir glauben, dass diese frühe Form der Deuterostomia den primitiven Anfang der Entwicklung zu einem breiten Spektrum von Arten repräsentiert.“ Degan Shu von der Northwest University äußerte hinsichtlich der Bedeutung des Fossils: „Saccorhytus ermöglicht uns nun Einblicke in die sehr frühen Stufen einer Evolutionsgeschichte, die erst zu den Fischen und schließlich am Ende auch zu uns geführt hat.“
Die Wissenschaftsjournalistin Katharina Schmitz bei der Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft wählte die Überschrift: „Sackartiges Unterwasser-Ungeheuer unser ältester Vorfahr“. Sie beschrieb den Fossilfund: „Ein wahres Höllenwesen, als wäre es einem Horrorfilm entsprungen: So wie diese sackartige Kreatur mit ihrem beeindruckenden, kreisrunden Maul sahen wohl die letzten gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Seeigel aus. Das nun gefundene Seeungeheuer wäre wirklich erschreckend, wäre es nicht so winzig klein. Mit gerade einmal 1,3 Millimeter Größe, also kleiner als eine 1-Euro-Münze dick, ist Saccorhytus coronarius eher ein Minimonster.“
Bei der Lektüre der drei Präsentationen entsteht leicht der Eindruck, als sei die Entstehung der Wirbeltiere und damit eine Etappe auf dem Weg zum Menschen fossil hinreichend dokumentiert. Wer die phylogenetischen Studien zum Ursprung der Wirbeltiere unvoreingenommen zur Kenntnis nimmt und die Befunde miteinander vergleicht, stößt aber auf unterschiedliche Lehrmeinungen und eine Fülle offener Fragen. Zwei exemplarische Belege:
Alternativ zu Saccorhytus wurde 2020 von Forschern um Scott Evans von der University of California in Riverside die circa 555 Millionen Jahre alte, reiskorngroße, sich durch den Sand wühlende Ikaria wariootia als „der Urahn von Mensch und Schmetterling“ eingestuft. Ikaria besaß wie zweiseitig symmetrische Tiere (Bilateria) ein Vorder- und Hinterende mit vermutlich einem Mund, einen durchgehenden Darm und After. Daraus wurde der Schluss gezogen, der Fund sei „potenziell der älteste eindeutige Vertreter der Bilateria, zumindest in Südaustralien“ bzw. die „entscheidende Verbindung zwischen Ediacara- und kambrischen Tieren“.
Gemäß einer 2005 publizierten Vermutung eines Teams um Bryappa Venkatesh vom Institute of Molecular and Cell Biology in Singapur könnte ein knorpelfischähnlicher Wirbeltierahne von Elefantenhai und Mensch vor circa 530 Millionen Jahren in den Meeren geschwommen sein. Ein Indiz liefere das Genom des Menschen. Es habe mit dem Erbgut der Elefantenhaie mehr regulierende Gene gemeinsam als etwa mit dem der Zebrafische.

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