Der tiefe Graben zwischen Schimpanse und Mensch

Schimpansen zeigen wie Menschen emotionale Zustände wie Freude, Staunen, Ärger, Angst, Abscheu und Wut über die Mimik und Gestik. Sie bitten mit der ausgestreckten Hand oder einer Verbeugung um die Pflege des Fells. Körperkontakt entfaltet auch bei ihnen eine beruhigende Wirkung. Sie necken sich gegenseitig, umarmen und küssen sich bisweilen zur Begrüßung und verabschieden sich. Durch Demutsgebärden reduzieren sie die Aggressivität von Artgenossen. Versuche der Malerei deuten ein ästhetisches Gespür an. Beim Blick in einen Spiegel erkennen besonders Schimpansinnen sich selbst, inspizieren den Mund mit den Zähnen, reagieren mit auffälligem Verhalten wie Hüpfen und entfernen gegebenenfalls einen zuvor angebrachten weißen Kreidefleck auf der Stirn.
Zur Behandlung von Wunden und Krankheiten wie chronischen Entzündungen verwenden Schimpansen Heilpflanzen. Durch Beobachten älterer Artgenossen setzen sie Steine und abgebrochene Zweige bei der Nahrungssuche ein. Sie erfreuen sich in jungen Jahren beim Spielen, widmen sich der Suche leckerer Früchte, jagen bisweilen kleinere Affen, halten Ausschau nach einem Baum zum Schlafen, verteidigen das Revier und pflanzen sich fort. Außer Früchten, Nüssen, Blättern, Pilzen und Tieren konsumieren sie gelegentlich gemeinsam auch alkoholhaltige Früchte, obwohl es fürs Überleben nicht von Vorteil ist, da sie in Bäumen herumklettern, von Ast zu Ast springen und nachts auf der Hut vor Raubtieren sein sollten.
Menschen und Schimpansen unterstützen durch Pressen den Geburtsvorgang. Die Jungtiere sind bis ins Teenageralter mit der Mutter unterwegs und lernen von ihr vor allem die Vorgehensweise bei der Nahrungsbeschaffung und beim Umgang mit anderen in der Gruppe. Beim Kommunizieren zwischen Schimpansinnen und ihrem Nachwuchs durch Gesten und Interaktionen finden sich Verhaltensmuster, die der sprachlichen Verständigung zwischen Müttern und Kleinkindern von Menschen ähneln. Wie pubertäre Jugendliche neigen heranwachsende Schimpansen zu größerer Risikobereitschaft, reagieren aber weniger impulsiv. Wutanfälle treten bei ihnen besonders auf, wenn sie zu lange auf eine Belohnung warten müssen. Kriege mit anderen Gruppen dienen der Erweiterung des Territoriums, um mehr Nahrung zur Verfügung zu haben, wodurch vor allem die Geburtenrate erhöht ist und weniger Jungtiere sterben.
Junge Schimpansen entwickeln sich zu geschickten Kletterern mit verschiedenen Emotionen, können aber keine der global ungefähr 7.000 erfassten Sprachen des Menschen mit einer immensen Vielfalt an Konsonanten und Vokalen, etwa 300.000 Wörtern im Deutschen oder ungefähr 600.000 Wörtern und zirka 3.500 Regeln im Englischen für die korrekte Wort- und Satzbildung erlernen. Nur Menschenkinder können sich jede Sprache in den ersten Lebensjahren ohne schulisches Lernen aneignen. Vermutlich beginnt das Erlernen der Muttersprache pränatal, da Neugeborene auf die vor der Geburt im Uterus gehörten Laute stärker reagieren und diese laut EEG-Daten von anderen Sprachen unterscheiden können.
Mit acht Monaten merken Säuglinge intuitiv den Unterschied zwischen Wörtern mit lexikalischer Bedeutung wie Substantiven, Verben und Adjektiven sowie funktionalen Wörtern wie Konjunktionen und Artikeln zum grammatischen Strukturieren von Sätzen. Sie erahnen die Position dieser Wortkategorien in Sätzen und ihre Funktionen in der bzw. den gehörten Muttersprachen. Babys verfügen über ein genetisch verankertes Grammatikverständnis, bevor sie sprechen. Nach der Aneignung der Sprache kombinieren Menschen die Komponenten unter Berücksichtigung grammatisch-syntaktischer Regeln zu beliebig langen Sätzen miteinander. Schimpansen kombinieren gelegentlich aus dem Repertoire von zirka zwölf verschiedenen Lauten einige miteinander, etwa um Artgenossen herbeizurufen, vor einer Gefahr zu warnen oder die eigene Anwesenheit mitzuteilen
Schimpansen können unangenehme Emotionen weniger als Menschen kognitiv beeinflussen. Ein Mensch mit beißenden Zahnschmerzen, der um die baldige Hilfe eines Zahnarztes Bescheid weiß, erträgt die Schmerzen eher als ein Schimpanse in der gleichen Situation. Dem Schimpansen kann die anstehende Schmerzlinderung nicht mitgeteilt werden. Junge Schimpansen verkraften den abrupten Verlust der Mutter ohne Zuwendung durch einen Artgenossen oder Menschen auch bei ausreichendem Nahrungsangebot meistens nicht. Sie empfinden den Verlassenheitsschmerz so intensiv, dass sie sterben. Wachsen männliche Schimpansen ohne mütterliche Fürsorge auf, sind sie später weniger konkurrenzfähig und haben weniger Nachkommen. Wie die meisten Menschenkinder leiden sie zeitlebens bei abruptem Verlust eines Elternteils. Gesundheitliche Probleme wie Wachstumsverzögerung können die Folge sein. Bei vernachlässigten Waisenkindern wurden kürzere Telomere festgestellt, so dass manche altersbedingten Erkrankungen eventuell früher auftreten. Ähnlich können sich traumatische Erlebnisse wie sexueller Missbrauch in der Kindheit auswirken.
Bei der Empfängnisbereitschaft und Feinmotorik, beim Blick auf den Mikro- und Makrokosmos sowie bei der Reflexion über das Gestern und Morgen der Erde und Lebenswelt zeigt der der Unterschied zwischen Schimpanse und Mensch sich augenfällig. Weibliche Schimpansen signalisieren durch auffallende Schwellungen im Ano-Genitalbereich, dass sie fruchtbar und paarungsbereit sind, Menschen nicht. Der Mensch kann weite Strecken ohne Anstrengung aufrecht gehen, mit den Stimmbändern im langen Hals und Dutzenden Muskeln für die Feinabstimmung der Laute eine hoch differenzierte Wortsprache erzeugen sowie mit der Spitze des relativ großen, opponierbaren Daumens die vier übrigen Finger berühren, mit einem Stift schreiben und die Tastatur eines Klaviers zur Wiedergabe einer umfangreichen und komplexen Komposition bedienen. Kein Schimpanse kann eine Uhr zerlegen, die abgenützten Teile auswechseln, die Federn, Räder und anderen Bestandteile reinigen, einölen und anschließend die Uhr wieder korrekt zusammensetzen. Schimpansen können mit den vier Extremitäten sich an Ästen festhalten und mit den gekrümmten Fingern Zweige greifen oder Steine zum Öffnen von Nüssen einsetzen. Nur der Mensch rekonstruiert die Geschichte der Erde und Lebenswelt durch Untersuchung und Datierung geologischer Schichten und Fossilien.
Allein der Mensch hat eine enorme Vielfalt soziokultureller Lebensformen, erforscht das mögliche Dasein extraterrestrischer Zivilisationen undzieht in Betracht, Kolonien auf einem erdähnlichen Planeten eines anderen Sonnensystems wegen der Möglichkeit eines atomaren Konflikts, eines lebenswidrigen Klimas, einer tödlichen Pandemie oder Impaktkatastrophe zu errichten und zu dem Vorhaben bemannte Raumschiffe mit Warp-Antrieb zu konstruieren oder kosmische Wurmlöcher zu nutzen, um zwischen zwei Punkten in der Raumzeit zu reisen, ohne den Raum dazwischen zu durchqueren.
Durch Training von Menschen teilen Schimpansen über eine Tastatur oder Dutzende Gesten der Taubstummensprache mit, dass sie die Lieblingsspeise erhalten, gekitzelt werden oder einen Film mit Tieren sehen wollen. Noch nie hat ein cleverer Schimpanse aber ein technisches Produkt wie Motorsäge, Fahrrad, Auto, Flugzeug, U-Boot, Fahrstuhl, Radio, Fernseher, Handy, Computer, Elektronenmikroskop oder Radioteleskop angefertigt.
Die geringeren instrumentellen und mentalen Fähigkeiten des Schimpansen spiegeln sich im Gehirn im Hirnfurchenmuster des Hinterhauptlappens und unteren Stirnlappens wider. Bei den Nervenzellen von Mensch und Schimpanse finden sich Unterschiede hinsichtlich der Größe, Form, Dichte und Anordnung. Über 3.000 Zelltypen besitzt das Gehirn des Menschen. Einige hundert Gene zeigen starke Abweichungen beim Aktivitätsmuster des Gehirns beider Arten. Der Mensch hat einen Enzephalisationsquotienten von durchschnittlich 7,5, der Schimpanse von 2,3. Bei den Menschen findet sich eine ausgeprägte Handpräferenz. Ungefähr 90 Prozent sind Rechtshänder. Bei den Schimpansen bevorzugt etwa jeder zweite eine bestimmte Hand.
Schimpansen haben 48 Chromosomen, der Mensch 46. Teilweise sind die gemeinsamen Gene in einer anderen Reihenfolge angeordnet. Beide Arten besitzen Waisen-Gene, die einzigartig sind, etwa nur beim Schimpansen vorkommen. Im aus phylogenetischer Sicht angenommenen Fusionsbereich des humanen Chromosoms 2 ist ein Intron (nicht-kodierender DNA-Bereich) des vermutlich dreifunktionalen Gens DDX11L2 platziert, was zur Hypothese von zwei früher verschmolzenen Chromosomen nicht passt. Die miteinander in Kontakt tretenden DNA-Sequenzen, die durch Interaktionen genetische Programme koordinieren und zu dreidimensionalen Chromosomenstrukturen beitragen (topologically associating domains), unterscheiden sich zwischen den zwei Arten ähnlich wie zwischen Mensch und Maus. Die Modifikationen der Histone (Proteine zum DNA-Verpacken) weichen zirka 30 Prozent voneinander ab.
Laut Befund vom Chimpanzee Sequencing and Analysis Consortium von 2005 unterscheiden Schimpanse und Mensch sich in den damals vergleichbaren Genomsequenzen um zirka 1,23 % durch Punktmutationen, 2,7 % durch verdoppelte Nukleotid-Abschnitte und ungefähr 3,5 % durch Einfügungen, Verluste oder umgedrehte Sequenzen, was einer Differenz von insgesamt 7,43 Prozent entspricht. Beim Untersuchen von Verdoppelungen, Umlagerungen, umgedrehten Abschnitten, regulierenden Bereichen und Chromosomenenden war die Analysetechnik noch mit Mängeln behaftet. Außerdem konnte das Genom von Mensch und Schimpanse nicht vollständig zusammengesetzt werden. Der noch bis heute zu hörende Unterschied von einem bis zwei Prozent bezieht sich lediglich auf die Punktmutationen und blendet die übrigen 6,2 Prozent aus.
Bei einem 2010 veröffentlichten Sequenzvergleich der spezifisch männlichen Region des Y-Chromosoms (MSY-Sequenz) wurde ermittelt, dass der Mensch 27 Genfamilien bzw. 78 Gene und der Schimpanse 18 Genfamilien bzw. 37 Gene hat. Der Y-chromosomale Unterschied wurde von den Forschenden annäherungsweise mit dem autosomalen Genomunterschied von Mensch und Huhn verglichen. Beim 2012 publizierten Vergleich der Y-Chromosomen der zwei Arten war die Differenz größer als zwischen Mensch und Rhesusaffe. Auffallend war das Fehlen von Variation auf dem Y-Chromosom des Menschen. Während bei 42 genetisch untersuchten Männern alle Positionen eines DNA-Abschnitts aus 3.000 Basen übereinstimmten, wurden bei 23 von 101 Schimpansen Variationen auf dem Y-Chromosom gefunden. Die fehlende Variation beim Menschen könnte darauf hindeuten, dass die heutigen Männer von relativ wenigen männlichen Vorfahren abstammen, die vor geologisch nicht allzu langer Zeit gelebt und ein vor allem Männer betreffendes Massensterben überstanden haben.
Eine lückenlose Sequenzierung des Y-Chromosoms von Mensch und Schimpanse präsentierten Forschende 2024. Dabei zeigte sich, dass das Y-Chromosom des Menschen zirka 106 Gene aufweist. Auffallend waren unter anderem Sequenzen, die in beide Richtungen gelesen das Gleiche kodieren (Palindrome). Durch die Studie von 2010 war bekannt, dass die MSY-Sequenz des Y-Chromosoms des Schimpansen doppelt so viele massive Palindrome wie die des Menschen enthält. Sie stabilisieren die DNA und verringern die Folgen nachteiliger Mutationen. Beim Schimpansen wurden nun zahlreiche Sequenzen mit mehrfachen Kopien von Genen festgestellt. Sein Y-Chromosom mit ungefähr 70 Millionen Basenpaaren ist acht Millionen Basenpaare länger als das des Menschen. Aus der Sequenzübereinstimmung von 26 Prozent resultierte ein Unterschied von 74 Prozent.
Wird das gesamte Genom beider Spezies inklusive der regulierenden Junk-DNA zu Grunde gelegt, ergibt sich ein Unterschied von über zehn Prozent: etwa 1.400 mehrfach vorliegende Gene (Copy Number Variations), zirka 2.700 Human Accelerated Regions (HARs), 634 nur beim Menschen vorkommende proteinkodierende Gene, 780 einzigartige proteinkodierende Gene des Schimpansen und 94 nur beim Menschen vorkommende Mikro-RNA-Gene.
Eine Mikro-RNA (miRNA) besteht meistens aus ungefähr 22 Nukleotiden und beteiligt sich durch Bindung an Messenger-RNA (mRNA) an der Regulierung der Genaktivität. Etwa 60 Prozent der proteinkodierenden Gene des Menschen werden von miRNAs gesteuert. Sie regulieren sogar die Entwicklung von Tumoren, indem sie als Onkogene oder Tumorsuppressoren fungieren. Oft ist jede miRNA durch Prozesse wie Translations-Blockade und mRNA-Abbau bei der Aktivität von Hunderten von Genen beteiligt. Laut einer Studie von 2006 wurden von 447 vor allem bei Primaten vorkommenden miRNAs 25 miRNAs nur beim Schimpansen und 36 miRNAs nur beim Menschen entdeckt. Nach derzeitigem Wissensstand enthält das Genom des Menschen insgesamt 567 miRNA-Gene.
Bei einem Nukleotidvergleich von 9.329 Promotoren, die vor den Genen zum Initiieren der Transkription liegen, war zirka jeder dritte weniger als 90 Prozent ähnlich. Zudem werden die Promotoren von Schimpanse und Mensch teilweise anders gesteuert. Ihre Aktivitäten weichen signifikant voneinander ab. Auch die HARs zum An- und Abschalten von Genen etwa bei der pränatalen Gehirnentwicklung unterscheiden sich teilweise deutlich. So ist der humane Enhancer (Regulationsschalter) HARE5 zum Steuern des ungefähr 300.000 Nukleotide entfernten Gens FZD8 aktiver als der Enhancer des Schimpansen. Enhancer können vor oder hinter dem kodierenden Teil des Gens liegen, das sie regulieren, nicht selten Hunderttausende Basenpaare entfernt. Mittels HARE5 werden Stammzellen zu Zellteilungen angeregt, um Vorläuferzellen von Neuronen der Großhirnrinde zu bilden, die für das Funktionieren von Sprache und Bewusstsein bedeutsam sind. Die humane Sequenz von HAR1F unterscheidet sich in 18 von 118 über das gesamte Genom verteilten Basen von der Sequenz des Schimpansen, die mit der vom Gorilla und Orang-Utan übereinstimmt.
Beim Schimpansen ist die das bei der Gehirnentwicklung beteiligte Gen ZNF558 regulierende Region der lange als funktionslos angesehenen „Junk-DNA“ deutlich länger und inaktiv. Die kürzere Variante des Menschen ist aktiv. Das für die Synthese eines Transkriptionsfaktors zuständige Gen ZNF558 spielt eine Rolle in Vorläuferzellen von Nervenzellen des menschlichen Gehirns und bei der Aufrechterhaltung des Gleichgewichts der mitochondrialen Funktionen. Gesteuert wird die Expression von ZNF558 durch die Länge einer Reihe wiederholender Einheiten von aufeinanderfolgenden Nukleotiden (Tandem-Repeats). Offenbar basiert die kognitive Sonderstellung des Menschen vor allem auf artspezifischen Genregulierungen des keine Proteine kodierenden Erbguts. Es ist keine „DNA-Wüste“, sondern die Steuerzentrale von Millionen molekularen Schaltern. Welche Abschnitte Viren dort ins Genom integriert haben und welche Sequenzen sie übernommen und ggf. modifiziert haben, ist noch Gegenstand der Forschung.
Ungefähr 18 Prozent der schwach methylierten DNA-Abschnitte von Mensch und Schimpanse divergieren. Dies könnte eine Beziehung zu häufiger beim Menschen vorkommenden Erkrankungen wie Krebs haben. Tausende Tanskriptionsfaktoren (Proteine mit Erkennungsmuster/n für Bindestellen am Ziel-Gen, die bei der Aktivierung der Transkription beteiligt sind) befinden sich beim Menschen in einem anderen Aktivitätsmodus als beim Schimpansen. Sie bilden komplexe Netzwerke mit aktivierenden und hemmenden Elementen bei der Proteinsynthese und finden sich etwa bei der Bildung des Gehirns, beim Kontakt zwischen Nervenzellen und bei mentalen Fähigkeiten.
Das Erbgut des Menschen besteht zu etwa 45 Prozent aus Komponenten, die andere Genomstellen aufsuchen können. Zu den mobilen DNA-Sequenzen, die sich unabhängig von der proteinkodierenden DNA vervielfältigen können, zählen die SINEs (short interspersed elements). Dabei handelt es sich um durch RNA-Polymerase III transkribierte Retrotransposons ohne eigene Reverse Transkriptase. Mit Hilfe der enzymatischen Aktivität von LINEs (long interspersed nuclear elements) integrieren sie sich an anderen Orten im Genom. In der Regel bestehen SINEs aus 85 bis 500 Nukleotiden. Im Genom des Menschen nehmen die etwa eine Million SINEs 11 Prozent und die zirka 500.000 LINE weitere 17 Prozent in Anspruch. Hinzu kommen die so genannten Endogenen Retroviren, die einen Genomanteil von acht bis zehn Prozent haben, über Verdoppelungen und Verluste von Genen die Größe und Struktur des Genoms beeinflussen und bei der Steuerung der Genexpression beteiligt sind.
Die am häufigsten vorkommenden SINEs sind die aus nur drei Nukleotiden bestehenden Alu-Elemente. Sie finden sich unter anderem in Introns, Promotoren und im kodierenden Bereich von Genen und spielen bei Duplikationen und Rekombinationen eine Rolle. Der Mensch besitzt das Alu-Element HS6, aber nicht der Schimpanse. Ein Hinweis, dass er es einmal besaß, liegt noch nicht vor.
Die mit neuester Analysetechnik ermittelten Genomsequenzen von fünf Affenarten und vom Menschen wurden in einer 2025 veröffentlichten Studie vorgestellt. Dabei wurden 215 Chromosomen vollständig von Telomer zu Telomermit einer hohen Sequenzgenauigkeit (<1 Fehler in 2,7 Megabasen) analysiert. Auch Regionen, die zuvor noch nicht oder nur unvollständig sequenziert waren, wurden berücksichtigt. Die gefundene „Lücken-Differenz“ (Regionen, die nur bei einer der zwei Arten vorkommen oder nicht vergleichbar sind) zwischen Schimpanse und Mensch bei den Autosomen betrug 12,5 % bzw. 13,3 % (bei der ersten Prozentangabe wurde das Genom des Schimpansen, bei der zweiten das des Menschen zu Grunde gelegt). Die „Lücken-Differenzen“ beim X-Chromosom betrugen 4,4 % bzw. 4,2 % und beim Y-Chromosom 56,6 % bzw. 75,6 %. Hinzu kommt der Unterschied von 1,5 % bis 1,6 % durch Punktmutationen in den vergleichbaren Genomregionen sowie durch kleine Verluste, Einfügungen und umgedrehte Nukleotidabfolgen. Daraus resultiert bei den Autosomen beider Arten ein Unterschied von 14 bis knapp 15 Prozent.
Rückblickend ist festzuhalten: Auf anatomischer und emotionaler Betrachtungsebene ähneln sich Schimpanse und Mensch. In feinmotorischer, kognitiver, genetischer und epigenetischer Hinsicht besteht eine tiefe und breite Kluft zwischen den zwei Arten. Sie passt nicht zu einer Verwandtschaftsbeziehung über einen gemeinsamen Vorfahren, der vor sechs bis sieben Millionen Jahren lebte. Mit dem heutigen Wissen der Genetik und Epigenetik kann eine Aufspaltung in zwei separate Arten während diesem lebensgeschichtlichen kurzen Zeitraum nicht erklärt werden. Auch eventuell vorgenommene und nicht gelungene Kreuzungen der zwei Arten sprechen eher gegen eine Verwandtschaft. Mit Hilfe der hochpräzisen technischen Verfahren der Genomanalyse wurde der früher gelehrte Unterschied von ein bis zwei Prozent widerlegt.

Genetische und epigenetische Publikationen zum Unterschied:

Divergence between samples of chimpanzee and human DNA sequences is 5%, counting indels (2002)
https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.172510699

Differential Alu Mobilization and Polymorphism Among the Human and Chimpanzee Lineages (2004)
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC419785/

Long-term reinfection of the human genome by endogenous retroviruses (2004)
https://www.pnas.org/doi/abs/10.1073/pnas.0307800101

Initial sequence of the chimpanzee genome and comparison with the human genome (2005)
https://www.nature.com/articles/nature04072

Conserved seed pairing, often flanked by adenosines, indicates that thousands of human genes are microRNA targets (2005)
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15652477

Diversity of microRNAs in human and chimpanzee brain (2005)
https://www.nature.com/articles/ng1914

Relative Differences: The Myth of 1% (2007)
https://www.science.org/doi/10.1126/science.316.5833.1836

Chimpanzee and human Y chromosomes are remarkably divergent in structure and gene content (2010)
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20072128/

Divergent Whole-Genome Methylation Maps of Human and Chimpanzee Brains Reveal Epigenetic Basis of Human Regulatory Evolution (2012)
https://www.cell.com/ajhg/fulltext/S0002-9297(12)00410-7

Origins of De Novo Genes in Human and Chimpanzee (2015)
https://journals.plos.org/plosgenetics/article?id=10.1371/journal.pgen.1005721

Can a few non-coding mutations make a human brain (2015)?
https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/bies.201500049

Human-Chimpanzee Differences in a FZD8 Enhancer Alter Cell-Cycle Dynamics in the Developing Neocortex (2015)
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25702574/

A Uniform System for the Annotation of Vertebrate microRNA Genes and the Evolution of the Human microRNAome (2015)
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26473382/

Retrotransposons as regulators of gene expression (2016)
https://www.science.org/doi/10.1126/science.aac7247

Chromosom 2 des Menschen. Ergebnis einer Fusion (2017)?
https://www.si-journal.de/jg24/heft1/sij241-2.html

Das Erbgut von Mensch und Schimpanse. Wie groß ist die genetische Verwandtschaft wirklich (2019)?
https://www.si-journal.de/jg26/heft1/sij261-1.html

What makes us human? The answer may be found in overlooked DNA (2021)
https://www.sciencedaily.com/releases/2021/10/211008105736.htm

A cis-acting structural variation at the ZNF558 locus controls a gene regulatory network in human brain development (2022)
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1934590921003842?via%3Dihub

The complete sequence and comparative analysis of ape sex chromosomes (2024)
https://www.nature.com/articles/s41586-024-07473-2

Complete sequencing of ape genomes (2025)
https://www.nature.com/articles/s41586-025-08816-3

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