Die genetische Kluft zwischen Mensch und Schimpanse

Studien der vergleichenden Verhaltensforschung haben gezeigt, dass Schimpansen und Menschen sich emotional kaum unterscheiden. Wie Menschen bekunden Schimpansen psychische Gestimmtheiten wie Freude, Ärger, Abscheu, Wut, Angst, Erstaunen und Erregung über Mimik und Gestik. Körperlicher Kontakt entfaltet auch bei ihnen eine beruhigende Wirkung. Sie strecken die bittende Hand aus, necken sich gegenseitig, umarmen und küssen sich zur Begrüßung und verabschieden sich. Durch Demutsgebärden reduzieren und blockieren sie die Aggressivität von Artgenossen.
Malerei verweist auf ein ästhetisches Grundgespür. Beim Blick in den Spiegel erkennen besonders erwachsene Schimpansinnen sich selbst, inspizieren den Mund mit den Zähnen, reagieren mit auffälligem Verhalten wie Hüpfen und entfernen den weißen Kreidefleck auf der Stirn, der zuvor angebracht wurde. Die Jungtiere sind bis ins Teenageralter mit der Mutter unterwegs. Durch Beobachten lernen sie das Verhalten bei der Suche und Verwertung von Nahrung, der Integration in die Gruppe und anderen Anforderungen der Alltagsbewältigung.
Junge Schimpansen entwickeln sich zu geschickten Kletterern mit vielfältigen Emotionen, können aber keine der über 6.000 von Menschen gesprochenen Sprachen mit Tausenden Wörtern sowie komplizierter Grammatik, Phonetik und Syntax erlernen. Menschenkinder können sich jede der globalen Sprachen in den ersten Lebensjahren ohne kompliziertes Lernen wie in späteren Jahren aneignen. Acht Monate alte Säuglinge spüren intuitiv den Unterschied zwischen Begriffswörtern mit einer lexikalischen Bedeutung wie Nomen, Verben, Adjektive und Adverbien sowie Funktionswörtern wie Artikel und Konjunktionen zum grammatischen Strukturieren von Sätzen. Sie erahnen die Position der zwei Wortkategorien in Sätzen und die Funktion in der bzw. den gehörten Muttersprachen. Babys besitzen offenbar ein genetisch fixiertes Grammatikverständnis vor dem Sprechen. Nach Aneignung einer oder einiger Sprachen können Menschen die Wörter unter Berücksichtigung grammatisch-syntaktischer Regeln beliebig miteinander kombinieren.
Schimpansen können unangenehme Emotionen weniger als Menschen kognitiv abmindern. Ein Mensch mit beißenden Zahnschmerzen, der um die baldige zahnärztliche Hilfe Bescheid weiß, erträgt die Schmerzen eher als ein Schimpanse in der gleichen Situation. Die anstehende Schmerzlinderung kann ihm nicht mitgeteilt werden. Junge Schimpansen verkraften den plötzlichen Verlust der Mutter ohne Zuwendung durch einen Artgenossen oder Menschen auch bei ausreichendem Nahrungsangebot meistens nicht. Sie erleben den Schmerz so intensiv, dass sie sterben. Wachsen männliche Schimpansen ohne die Fürsorge der Mutter auf, sind sie später weniger konkurrenzfähig und zeugen weniger Nachkommen. Auch die meisten Menschenkinder leiden zeitlebens unter einem abrupten Verlust eines Elternteils in der Kindheit. Gesundheitliche Probleme wie Wachstumsverzögerung können die Folge sein. Vernachlässigte Waisenkinder können kürzere Telomere haben, so dass sie etwa von altersbedingten Erkrankungen früher betroffen sein können. Vergleichbar können traumatische Erlebnisse wie sexueller Missbrauch in der Kindheit sich auswirken. In diesem Zusammenhang ist manchmal zu hören: „Ein Mensch ist so alt, wie er sich fühlt.“ Bei dieser Selbsteinschätzung hat der Kindheitsverlauf eine herausragende Bedeutung.
Bei feinmotorischen Tätigkeiten, beim Blick in den Mikro- und Makrokosmos sowie bei der Reflexion über das Gestern und Morgen der Erde, der Lebenswelt und des Universums zeigt der Unterschied zwischen Schimpanse und Mensch sich augenfällig. Nur ein Mensch kann eine Uhr zerlegen, die abgenützten Teile auswechseln, die Federn, Räder und anderen Bestandteile reinigen, einölen und anschließend die Uhr wieder korrekt zusammensetzen. Allein der Mensch rekonstruiert die Erdgeschichte durch Untersuchung geologischer Schichten, deutet Fossilfunde zum Verständnis der Lebensgeschichte und bedient sich dabei absoluter und relativer Datierungsmethoden. Nur die Menschheit verfügt über eine enorme Vielfalt soziokultureller Lebensformen und zieht in Betracht, eine Kolonie auf einem erdähnlichen Planeten in einem anderen Sonnensystems wegen der Möglichkeit eines atomaren Konfliktes, eines lebenswidrigen Klimas, einer nicht in den Griff zu bekommenden Pandemie oder einer globalen Impaktkatastrophe zu errichten und zu diesem Vorhaben bemannte Raumschiffe mit Warp-Antrieb zu bauen oder Wurmlöcher zu nutzen, um zwischen zwei Punkten in der Raumzeit zu reisen, ohne den dazwischen liegenden Raum zu durchqueren.
Schimpansen fertigen keine Motorsägen, Fahrräder, Autos, Flugzeuge, Raketen, Fahrstühle, Elektronenmikroskope und Radioteleskope an. Sie widmen sich vitalen Bedürfnissen wie der Suche von leckeren Früchten und zum Schlafen geeigneten Bäumen, der Revierverteidigung, gruppeninternen Rangordnung, gegenseitigen Fellpflege und Fortpflanzung. Sie verstehen nicht den Aufbau eines Computers oder Handys und denken vermutlich nicht über extraterrestrische Lebenswelten nach. Wenn ein cleverer Schimpanse mit Hilfe Dutzender Gesten der Taubstummensprache oder einer einfachen Tastatur mit einem Menschen kommuniziert, bittet er um seine Lieblingsspeisen, Berührung, Erkunden der Umgebung, Spiele und andere Unterhaltungsformen.

Der Mensch hat 46 und der Schimpanse 48 Chromosomen. Die Reihenfolge der Gene auf den Chromosomen von Schimpanse und Mensch weicht deutlich voneinander ab. Zudem ist im aus evolutionsbiologischer Sicht angenommenen Fusionsbereich des menschlichen Chromosoms ein multifunktionales Gen platziert. Die häufiger miteinander in Kontakt tretenden DNA-Sequenzen, deren Interaktionen genetische Programme koordinieren und die das optische Bild dreidimensionaler Chromosomenstrukturen gewährleisten („topologically associating domains“), unterscheiden sich zwischen Mensch und Schimpansen so stark wie bei der Gegenüberstellung von Mensch und Maus. Die Modifikationen der Histonen von Mensch und Schimpanse weichen etwa 30 Prozent voneinander ab.
Laut einem 2010 veröffentlichten Sequenzvergleich der spezifisch männlichen Region des Y-Chromosoms hat der Mensch 27 Genfamilien bzw. 78 Gene, der Schimpanse 18 Genfamilien bzw. 37 Gene. Demnach verfügt das humane Y-Chromosom über etliche Gene, die der Schimpanse nicht hat. Die Fachpersonen verglichen die Divergenz annäherungsweise mit dem autosomalen Genomunterschied zwischen Mensch und Huhn.
Bei einem Genomvergleich von 2002 differierten Schimpanse und Mensch circa 4,8 Prozent: 1,4 % durch Punktmutationen und 3,4 % durch fehlende oder eingefügte Sequenzen (Indelmutationen). 2005 wurde es bestätigt und durch 2,7 Prozent bei den Duplikationen ergänzt. Somit betrug die Differenz 7,5 Prozent. In einer weiteren Studie wurde auf den Unterschied bei den Duplikationen von etwa 1.400 Genen hingewiesen, was bei Zugrundelegung von 20.000 Genen einen Unterschied von knapp 6,7 Prozent ergab.
Laut einer Studie von 2015 hat der Mensch 634 Gene, die nur bei ihm vorkommen und überwiegend im Gehirn exprimiert werden, der Schimpanse 780 artspezifische Gene. Daraus resultiert die Differenz von circa 6,7 Prozent. In einer Studie von 2018 wurden 555 Millionen exakt sequenzierte Basenpaare der DNA von Mensch und Schimpanse mit Hilfe modernster Bioinformatiksoftware verglichen. Dabei ergab sich eine Nukleotid-Differenz von 16 Prozent. Es erinnert an einen Genomvergleich von 2005, bei dem 400 Millionen von 2,8 Milliarden Nukleotiden nicht übereinstimmten, was einer Differenz von ungefähr 14 Prozent entsprach.
Bei einem Nukleotidvergleich von 9.329 Promotoren waren 3.279 keine 90 Prozent ähnlich. Zudem werden die Promotoren von Mensch und Schimpanse öfter anders reguliert. Heute sind knapp 130 miRNA-Genfamilien bekannt, die allein der Mensch hat. Sie kodieren kurze einzelsträngige RNA-Moleküle für die Steuerung der Genaktivität. Generell reguliert jede miRNA durch Mechanismen wie Translations-Blockade und mRNA-Abbau Hunderte von RNAs.
Zudem wurden im Erbgut des Menschen bisher circa 2.700 Sequenzen ermittelt, die in Abgrenzung zu den entsprechenden Abschnitten des Schimpansengenoms zahlreiche artspezifische Mutationen aufweisen (HAR-Gene) und oft die pränatale Gehirnentwicklung steuern. Vor allem im Gehirn weicht die Genregulierung von Mensch und Schimpanse stark voneinander ab. Beim Schimpansen ist eine Region mit zahlreichen Wiederholungen im Bereich der keine Proteine kodierenden Gene signifikant länger als beim Menschen. Sie hat bei der Regulierung der Gehirnentwicklung eine wichtige Funktion und schaltet beim Schimpansen das Gen ZNF558 ab, das beim Menschen aktiv ist. Mehrere die Gehirnentwicklung vorantreibende Transkriptionsfaktoren sind in Vorläuferzellen des menschlichen Vorderhirns stark ausgeprägt, nicht aber beim Schimpansen. Das eine regulierende RNA kodierende HAR1F-Gen des Menschen unterscheidet sich in 18 von 118 über das Genom verteilten Nukleotiden gegenüber dem des Schimpansen, das diesbezüglich mit dem des Gorillas und Orang-Utans übereinstimmt.
Die aufgezeigten genetischen und epigenetischen Differenzen zwischen Schimpanse und Mensch kollidieren mit der evolutionsbiologischen Annahme, Schimpanse und Mensch seien über gemeinsame Vorfahren miteinander verwandt.

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