Mensch und Schimpanse aus ethologischer und genetischer Sicht

Neugeborene Schimpansen entwickeln sich zu geschickten Kletterern, können aber keine menschliche Sprache mit Tausenden von Wörtern, komplexer Grammatik, Phonetik und Syntax erlernen. Menschen können in den ersten Lebensjahren jede der über 6.000 auf der Erde gesprochenen Sprachen lernen. Mit acht Monaten spüren sie intuitiv den Unterschied zwischen Begriffswörtern mit lexikalischer Bedeutung wie Nomen, Verben, Adjektive und Adverbien sowie Funktionswörtern wie Artikeln und Konjunktionen zum grammatischen Strukturieren. Sie erahnen die Position der beiden Wortkategorien in Äußerungen und ihre Funktionen in der bzw. den gehörten Muttersprachen. Offenbar haben Menschen ein genetisch fixiertes Grammatikverständnis schon vor dem Sprechen.
Schimpansen erzeugen keine Motorsägen, Fahrräder, Autos, Flugzeuge, Raketen, Fahrstühle, Elektronenmikroskope und Radioteleskope. Sie richten ihr Verhalten auf Bedürfnisse wie die Suche und Verteidigung eines Reviers mit leckeren Früchten und Bäumen zum Klettern und Schlafen, die gruppeninterne Rangordnung, soziale Fellpflege und Fortpflanzung. Sie verstehen nicht die Konstruktion und Funktionsweise eines Computers und denken nicht über die Entstehung der chemischen Elemente und eventuelle extraterrestrische Lebenswelten nach. Wenn ein cleverer Schimpanse mit Dutzenden gelernten Gesten der Taubstummensprache oder unter Verwendung einer Tastatur mit Menschen kommuniziert, bittet er um seine Lieblingsspeisen, Berührungen, Erkunden der Umgebung, Spiele und andere Unterhaltungsformen.
Studien der vergleichenden Verhaltensforschung lassen vermuten, dass Schimpansen und Menschen auf der Gefühlsebene weitgehend ähnlich sind. Schimpansen bekunden wie Menschen Stimmungen wie Freude, Ärger, Abscheu, Wut, Angst, Erstaunen und Erregung durch Gesten und Mimik. Über eine Verbeugung bitten sie um Fellpflege. Sanfte Berührung entfaltet auch bei ihnen eine beruhigende Wirkung. Sie strecken die bittende Hand aus, necken sich gegenseitig, umarmen und küssen sich zur Begrüßung. Durch Demutsgebärden reduzieren sie die Aggressivität. Malereien deuten ein ästhetisches Grundgespür an. Beim Wahrnehmen des eigenen Gesichts im Spiegel erkennen besonders erwachsene Schimpansinnen sich selbst, inspizieren den Mund mit den Zähnen, zeigen auffällige Verhaltensweisen wie Hüpfen und entfernen den weißen Kreidefleck, der zuvor auf der Stirn angebracht wurde. Jungtiere sind bis ins Teenageralter mit der Mutter unterwegs, von der sie durch Beobachten die benötigten Fähigkeiten bei der Nahrungssuche, Alltagsbewältigung und Integration in die soziale Gruppe lernen.
Schimpansen können unangenehme Gefühle vermutlich weniger als Menschen mental beeinflussen. So erträgt ein Mensch mit beißenden Zahnschmerzen, der um die baldige Hilfe eines Dentisten Bescheid weiß, die Schmerzen eher als ein Schimpanse in der gleichen Situation. Die bevorstehende zahnärztliche Therapie kann ihm nicht mitgeteilt werden. Junge Schimpansen verkraften den abrupten Verlust der Mutter ohne Zuwendung durch einen Artgenossen oder Menschen auch bei ausreichendem Nahrungsangebot oft nicht. Manche erleben den Schmerz so intensiv, dass sie sterben. Männliche Schimpansen sind weniger konkurrenzfähig und haben weniger Nachkommen, wenn sie ohne Anwesenheit und Fürsorge der Mutter aufwachsen. Auch Menschen leiden häufig lebenslang, wenn sie ein Elternteil in der Kindheit verlieren. Gesundheitliche Probleme wie Wachstumsverzögerung können sich einstellen. Bei vernachlässigten Kindern in Waisenhäusern wurden kürzere Telomere (Enden der Chromosomen) beobachtet.
Bei feinmotorischen Tätigkeiten, beim Erforschen des Mikro- und Makrokosmos sowie beim Nachdenken über das Gestern und Morgen der Lebenswelt zeigt sich der Unterschied augenfällig. Allein der Mensch kann eine Uhr zerlegen, die abgenützten Teile auswechseln, die Federn, Rädchen und anderen Bestandteile reinigen, einölen und danach die Uhr wieder korrekt zusammensetzen. Nur Menschen rekonstruieren die Lebensgeschichte durch Studien geologischer Schichten, morphologische Untersuchung von Fossilien, genetische Vergleichsstudien sowie absolute und relative Datierungsverfahren. Allein sie haben eine immense Vielfalt soziokultureller Formen und debattieren darüber, ob auf Grund der Möglichkeit eines atomaren Krieges, eines lebenswidrigen Klimas, einer nicht in den Griff zu bekommenden Pandemie oder einer globalen Impaktkatastrophe Kolonien auf erdähnlichen Planeten anderer Sonnensysteme errichtet werden sollten und ob ein Raumschiff mit Warp-Antrieb mit modernster Technik konstruiert werden kann oder ob kosmische Wurmlöcher benutzt werden könnten, um zwischen zwei Punkten in der Raumzeit zu reisen, ohne den Raum dazwischen zu durchqueren.

Der genetische und epigenetische Unterschied zwischen Mensch und Schimpanse zeigt sich unter anderem bei der Anzahl und Konfiguration der Chromosomen, beim Y-Chromosom, bei Hunderten proteinkodierenden Genen der Autosomen sowie der längeren und kürzeren RNA, die bei der Regulation der Genaktivität beteiligt ist (lncRNA und miRNA).
Der Mensch hat 46 und der Schimpanse 48 Chromosomen. Die Reihenfolge der Gene auf den Chromosomen von Schimpanse und Mensch weicht deutlich voneinander ab und im angenommenen Fusionsbereich einer gemeinsamen Ausgangsform ist ein multifunktionales Gen lokalisiert. Die im Zellkern bevorzugt miteinander in Kontakt tretenden DNA-Sequenzen, deren Interaktionen genetische Programme miteinander verbinden und die das optische Wahrnehmen dreidimensionaler Chromosomenstrukturen ermöglichen („topologically associating domains“), unterscheiden sich zwischen Mensch und Schimpansen etwa so stark wie bei Mensch und Maus. Die Modifikationen der Histonen von Mensch und Schimpanse differieren zu etwa 30 Prozent.
Laut einem 2010 veröffentlichten Sequenzvergleich der männlich spezifischen Region der Y-Chromosomen von Mensch und Schimpanse besitzt der Mensch 27 Genfamilien bzw. 78 Gene, der Schimpanse 18 Genfamilien bzw. 37 Gene. Infolgedessen gehören zum Y-Chromosom des Menschen etliche Gene, die der Schimpanse nicht hat. Die Autoren verglichen den Unterschied annäherungsweise mit dem Genunterschied der Autosomen von Mensch und Huhn.
Bei einem 2002 publizierten Genomvergleich differierten Mensch und Schimpanse 4,8 Prozent: 1,4 % durch Punktmutationen und 3,4 % durch fehlende oder eingefügte Sequenzen (Indelmutationen). 2005 wurde der Befund bestätigt und ihm 2,7 Prozent bei den Duplikationen hinzugefügt. Somit betrug die Differenz 7,5 Prozent. Eine weitere Studie im gleichen Jahr wies auf den Unterschied bei den Duplikationen von circa 1.400 Genen hin, was bei Zugrundelegung von 20.000 proteinkodierenden Genen eine Differenz von knapp 6,7 Prozent ergibt.
Laut einer Studie von 2015 hat der Mensch 634 Gene, die bisher nur bei ihm gefunden wurden und überwiegend im Gehirn exprimiert werden, der Schimpanse 780 artspezifische Gene. Addiert ergibt sich die Differenz von circa 6,7 Prozent. In einer Studie von 2018 wurden 555 Millionen exakt sequenzierte Basenpaare der DNA von Mensch und Schimpanse mittels modernster Bioinformatiksoftware verglichen. Dabei resultierte eine Nukleotid-Differenz von 16 Prozent. Das Ergebnis erinnert an einen Vergleich von 2005, bei dem 400 Millionen von 2,8 Milliarden Nukleotiden des menschlichen Genoms mit denen des Schimpansen nicht übereinstimmten, was einer Differenz von etwa 14 Prozent entspricht.
Bei einem Nukleotidvergleich von 9.329 Promotoren, an denen die Transkription startet, waren 3.279 weniger als 90 Prozent ähnlich. Zudem werden die Promotoren von Mensch und Schimpanse oft verschieden reguliert. Momentan sind mindestens 120 miRNA-Genfamilien bekannt, die nur beim Menschen nachgewiesen wurden. Sie kodieren kurze einzelsträngige RNA-Moleküle zur Steuerung der Genaktivität. In der Regel reguliert jede miRNA durch Mechanismen wie Blockade der Translation und mRNA-Abbau die Expression Hunderter verschiedener RNAs.
Zudem wurden im Erbgut des Menschen bisher ungefähr 2.700 DNA-Sequenzen entdeckt, die in Abgrenzung zu den entsprechenden Schimpansen-Abschnitten zahlreiche artspezifische Mutationen aufweisen (HAR-Gene). Oft steuern sie die pränatale Gehirnentwicklung. Das aus 118 Nukleotiden bestehende, eine regulierende RNA kodierende HAR1F-Gen des Menschen etwa unterscheidet sich in 18 über das gesamte Genom verteilten Nukleotiden gegenüber dem Schimpansen-Gen, dessen Nukleotidsequenz mit der von Gorilla und Orang-Utan übereinstimmt. Dies passt nicht zu einer Verwandtschaftsbeziehung von Mensch und Schimpanse. Vor allem im Gehirn weichen die Genaktivitäten von Mensch und Schimpanse deutlich voneinander ab.
Fazit: Mensch und Schimpanse ähneln sich anatomisch und emotional, unterscheiden sich aber signifikant motorisch, kognitiv, genetisch und epigenetisch. Daraus ergibt sich die Sonderstellung des Menschen mit einem von Verantwortung geleitetem Handeln.

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